Schnitzlers "Reigen" Hilfloses Geplapper in Hamburg

Zehn Regisseure inszenieren Schnitzlers "Reigen". Doch auch mit diesem ehrgeizigen Projekt ist die Misere am Deutschen Schauspielhaus Hamburg nicht zu stoppen.

Von Simone Kaempf


Der "Reigen" nimmt den Begriff "Einakter" beim Wort. Nackte Tatsachen gehören zum Stück.
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Der "Reigen" nimmt den Begriff "Einakter" beim Wort. Nackte Tatsachen gehören zum Stück.

Das Deutsche Schauspielhaus versteht sich seit dem Antritt des Intendanten Tom Stromberg nicht mehr als normales Theater. Die neuen Stücke unterliegen dank der spezifischen Ästhetik der vielen angeworbenen Off-Theater-Regisseure keinerlei Verwechselungsgefahr mit dem überlieferten bürgerlichen Schauspiel. Auf der Suche nach neuen Formen auf der Bühne bemüht man sich, wo immer es geht, den althergebrachten Theaterrahmen zu sprengen. Bezahlen muss Stromberg mit bösen Kritiken, den schlechtesten Zuschauerzahlen seit 15 Jahren und einer Stimmung in der Stadt, die sich immer stärker gegen ihn richtet.

In dieser Situation soll jede Premiere der rettende Schritt nach vorne sein in ein zeitgenössisches, experimentelles Gegenwartstheater, das hohen Ansprüchen genügt. Nach Tschechows "Möwe" hat man sich nun als zweiten Klassiker Arthur Schnitzlers "Reigen" vorgenommen, jene zehn Dialoge zwischen verschiedenen Geschlechtspartnern: Die Dirne trifft auf den Soldaten, der Soldat auf das Stubenmädchen, die auf den jungen Herrn, der mit der jungen Frau anbändelt, die junge Frau mit dem Ehegatten, der Ehegatte mit dem süßen Mädel und so weiter bis ein Graf es wiederum mit der Dirne treibt und sich der Liebesreigen wieder schließt.

Schnitzler antwortete im Jahr 1900 mit dem "Reigen" auf die Liebestragödien des 19. Jahrhunderts: Die Menschen aller Stände eint bei ihm die Suche nach der Liebe, die nichts ist als das Verlangen der Körper. Für die damaligen Verhältnisse eine Dichtung mit skandalträchtigem Ruf. Erst zwanzig Jahre nach Erscheinen wurde das Stück in Berlin uraufgeführt. Einen Tag nach der Premiere wurde Strafanzeige wegen Gefährdung der öffentlichen Sittsamkeit gestellt. Wenige Wochen später kam es vor einer Aufführung in Wien gar zu Schlägereien und Stinkbombenattacken.

An Sprengkraft gegen das sittsame Gemeinwohl hat das Stück verloren, aber es ist immer noch ein wunderbarer Text über das ewige Spiel aus Werbung, Paarung, Sättigung und Ernüchterung. Dieser Reigen ist ohne Ende und wird sich wiederholen, solange die Welt nicht untergeht.

Die zehn verschiedenen Szenen, in denen sich jeweils ein Mann und eine Frau treffen und den "Einakter" beim Worte nehmen, sind am Deutschen Schauspielhaus jetzt von zehn Regisseuren umgesetzt worden. Im Programmheft ist zu lesen, dass sie wie bei einem "Staffellauf" durch die unterschiedlichen Lesarten und Spielweisen inszenieren würden. Doch der Hamburger "Reigen" ist ein Lauf, bei dem ständig auf der Stelle getreten wird und ein Gesamtziel nie klar wird.

Das hat vermutlich damit zu tun, dass die meisten Regisseure den eigentlichen Stärken der Textvorlage wenig Beachtung schenken. Schnitzler hatte beredte Dialoge geschaffen, in denen die Sprachlosigkeit der Gefühle schon enthalten ist. Wie das wunderbar umgesetzt werden kann, zeigte viel versprechend gleich die erste Szene von Regisseur Franz Wittenbrink: Marlen Diekhoff steht als Dirne ganz geschmeidig da. Und wie sie die Hüfte einknickt und den Kopf verbiegt, weiß man schon, wie es enden wird. Dass sie es für einen wie den Soldaten gerne umsonst macht, aber nach dem hastig vollzogenen Akt doch wieder alleine dastehen wird. Der Sturz aus dem Dialog in die sprachlose Kopulation, die Schnitzler im Text durch aneinander gereihte Gedankenstriche ausgedrückt hat, ist die wichtige Pointe im Text.

Der Rummelplatz wird schnell beliebig

Der Rummel wird in Hamburg zum beliebigen Treffpunkt in Schnitzlers "Reigen".
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Der Rummel wird in Hamburg zum beliebigen Treffpunkt in Schnitzlers "Reigen".

Doch schon in der zweiten Szene von Stefan Pucher stehen ein junger dürrer Slacker und eine Kellnerin starr, ohne wirkliche Berührung nebeneinander und reden unter anderem aneinander vorbei, weil er ihren wienerischen Dialekt nicht versteht. Im Laufe des Abends wird hilfloses Geplapper zwischen Paaren die Grundmelodie sein, die junge Regisseure wie Viviane de Muynck, Ute Rauwald oder Friederike Heller heute aus Schnitzlers Text heraushören.

Auf der Bühne sind dafür die Fragmente eines Rummelplatzes aufgebaut. Das ist auf den ersten Blick eine gute Wahl, weil kein Ort besser die Zeit Anfang des Jahrhunderts symbolisiert, in der es für die einfachen Leute nur das billige Vergnügen gab. Eine Zeit, die langsam zerfiel, weil den Menschen ihr Innerstes verloren gegangen war und ihre Sprachlosigkeit sie so hilflos machte. Auf dem Jahrmarkt im Schauspielhaus sind in der zeitgemäßen Variante Geisterbahn, Autoscooter und Achterbahn aufgebaut. Es läuft Techno, zu dem ein junges Mädel tanzt. Und es ist sehr begreiflich, wie der Ehegatte plötzlich vor dem Mädchen stehen bleibt und sie mit einem großen rosa Teddybär für sich einzufangen versucht.

Leider hat er hier auch schon seine Ehefrau getroffen und die wiederum ihren Geliebten, was dem Ort eine seltsame Beliebigkeit verleiht. Die Szenerie wird irgendwann so gleichmäßig ermüdend, als würde man im Autositz auf einer Nachtfahrt langsam in den Schlaf gewiegt. Hilfreich ist die Kulisse einzig für die Regisseurvereinigungen She She Pop und showcase beat le mot, deren wunderbar gelungene Szene um so mehr heraussticht. In einem hübschen Spiel mit Realität und Wirklichkeit lassen sie drei Paare vor eine Leinwand treten und projizieren darauf gleichzeitig eine Filmaufnahme von diesen Figuren. Dann fährt die Wand hoch und gibt den Blick auf die Hinterbühne preis, in der die Darsteller hin- und herlaufen, die Achterbahn aufbauen und heftig gestikulieren. Doch auch dies ist nur eine Leinwandprojektion. Die einzige hübsche Einlage, die Tom Strombergs Versprechen von "neuen Spielweisen" einlöst.

"Reigen"
Regie: Jan Bosse, Viviane De Muynck, Friederike Heller, Ingrid Lausund, Stefan Pucher, Ute Rauwald, She She Pop/showcase beat le mot, Franz Wittenbrink, Jochen Strauch, Simon Frisch/Tobias Sandberger
Nächste Aufführung: 4. März, 20 Uhr, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg.



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