Schriftsteller Jerofejew "Moskau ist die Hure Babylon"

Er liebt sie, und er hasst sie. Für Wiktor Jerofejew ist seine Heimatstadt Moskau die Kapitale der Sünde. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Schriftsteller, wie die Metropole zu dem wurde, was sie ist - und warum sie eigentlich gar nicht existiert.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet Moskau von anderen Weltstädten?

Jerofejew: Moskau gibt es im Grunde gar nicht. Paris existiert, London existiert. Egal ob Sie als Student oder als wohlhabender Reisender in diese Städte kommen, Sie werden nach Ihrer Heimkehr ähnliche Dinge erzählen. Moskau aber schafft sich jeder selbst in seinem Kopf, die Moskaus schwärmen aus wie Lenze und Sterne. Für manchen ist es der Himmel, für manche ein Alptraum.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt das ab?

Jerofejew: Tote Menschen fühlen sich immer schlecht in Moskau. Kommen Sie lebendig - ohne Vorurteile, offen für eine andere Moral und Politik. Moskau ist die subjektivste Stadt der Welt. Wenn ich aus Moskau nach Berlin fliege, sage ich, los geht's nach Europa. Wenn ich nach Peking will, spreche ich von einer Reise nach Asien. Wir Moskauer wissen, wohin wir aufbrechen, aber wir wissen nicht, wohin wir zurückkehren. Moskau ist der Punkt Null, weder Nord noch Süd, weder West noch Ost.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin machen Sie in einem Essay Ihre Heimatstadt als Welthauptstadt der Sünde aus ...

Jerofejew: ... als Hure Babylon. Amsterdam und New York sind dagegen Kinderspielplätze. Dieses Moskau ist für mich das Licht des Teufels, so wird auch mein nächstes Buch heißen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie dennoch stolz auf Moskaus neuen Wohlstand, seine Superlative?

Jerofejew: Ich liebe mein Moskau wegen seiner ungeheuren Energie, die zerstörerisch sein kann und aufbauend. Negatives und Positives geschieht hier gleichzeitig. Wegen dieser Spannung kann ich nur hier leben und arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie die Wolkenkratzer, die jetzt das Stadtbild prägen, die höchsten des Kontinents?

Jerofejew: Sie sind ein Symbol. Egal ob wir in der Küche über das Fell einer Katze streicheln oder zu Prostituierten gehen, wir sprechen immer nur über den Lebenssinn. Wir tun das, weil Moskau eine Projektionsfläche für unsere Sinnsuche ist, auch die Wolkenkratzer. Aber die Stadt ist eine Schimäre. Sie hat gelogen, sie lügt und wird weiter lügen.

SPIEGEL ONLINE: Schlägt sich dies in Ihrer Lebensgeschichte nieder?

Jerofejew: Ich bin in Stalins Moskau geboren. Mein Vater war ein hoher Diplomat. Nikolai Wlassik, der Chef von Stalins Leibgarde, war ein Nachbar und Alexander Fadejew, der berühmte Schriftsteller, ein anderer. Wlassik wurde im Gefängnis mit Eisenstangen geprügelt, Stalin hielt ihn für einen Verräter. Fadejew hat sich 1956 erschossen. Aus Scham, weil die Schriftsteller, die er in den Gulag geschickt hatte, zurückkamen und ihm ins Gesicht spuckten. Ich aber hatte eine glückliche Kindheit. Mehr als Stalin liebte ich nur den Weihnachtsmann. Erst später sah ich in Stalin den Massenmörder.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Moskau nach Stalins Tod verändert?

Jerofejew: Das Symbol der Chruschtschow-Ära sind die fünfstöckigen Plattenbauhäuser. Zuvor wohnten mehrere Familien in einer Wohnung, sechs Leute in einem Zimmer. Man stritt sich um jeden Quadratmeter. Zum ersten Mal gab es dann Raum für Privatheit. Wissen Sie, was der Anfang vom Ende des Kommunismus war? Man konnte so lange auf dem Klo sitzen, wie man wollte. Meine stärkste Erinnerung an diese Zeit: Ich renne zum Roten Platz, um Jurij Gagarin zuzujubeln, dem ersten Menschen im Weltraum. Ich war stolz auf die Sowjetunion. Es war auch ein Höhenflug der Seele, ein sehr russischer Flug.

SPIEGEL ONLINE: Und dann kam die Stagnation unter Breschnew.

Jerofejew: Ich sehe in ihm den Großvater der Perestroika. Der Kommunismus war für ihn ein Vehikel, um den Lebensstandard zu verbessern - keine Utopie mehr. Erstmals rauchten Frauen auf der Straße. Sie wurden zur Speerspitze der Perestroika. Sie warteten in langen Schlangen, um Lippenstift zu kaufen und waren genauso schön wie heute. Diese Schlangen waren die antisowjetischsten, die man sich vorstellen kann. Sie standen für Liebe, nicht für Ideologie.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Gorbatschow und Jelzin Moskau beeinflusst?

Jerofejew: Moskau war unter Gorbatschow ein Symbol für Freiheit. Moskau damals - das war, wie im Frühling zu leben. Die Sonne wurde jeden Tag wärmer. Man konnte ausländische Zeitungen kaufen, die Stadt schwirrte vor Informationen, es gab noch keine Banditen und keinen Tschetschenienkrieg.

SPIEGEL ONLINE: Die kamen dann unter Jelzin.

Jerofejew: Für eine Weile hatten alle den Eindruck, dass über der Stadt Dollarnoten schweben, die man sich nur zu greifen brauchte. Es war der ungebremste Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus. Klar, dass dabei das Chaos ausbrechen musste und Banditen dies ausnutzten. Russland glich unter Jelzin einem Land von Bettlern. Aber Moskau verstand zum ersten Mal, wie schön es ist. Restaurants schossen aus dem Boden, in den Geschäften gab es alles. Die Stadt legte ihr stalinistisches Totengewand ab und erstrahlte in tausendfachem Licht.

SPIEGEL ONLINE: Putin scheint nun an die autoritären Traditionen anzuknüpfen ...

Jerofejew: ... er ist die Strafe für die Sünden der Demokratie in den Neunzigern. Sein Moskau ist eine zwiespältige Erscheinung. Einerseits versucht er, mit den Mitteln der Kriegswirtschaft eine neue Ordnung zu schaffen, die auf ein Ziel und eine Person zugeschnitten ist. Moskau erlebt einen unsichtbaren Staatsstreich, der nicht zu sehen, aber zu spüren ist. Andererseits hat es niemals so viel persönliche Freiheit gegeben wie unter Putin. Der Job, die Familie, die Religion, deine Reisen und Freizeit, da mischt sich der Staat nicht ein. Was für ein Gegensatz: In der Zarenzeit durften Beamten nur heiraten, wenn der Vorgesetzte zustimmte.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben aber, dass in Moskau bald Miniröcke und Jeans verboten werden könnten. Wie kommen Sie darauf?

Jerofejew: Das ist meine Angst. Aber so weit ist es längst noch nicht. Die persönlichen Freiheiten würden beschnitten, wenn der radikale Flügel der Orthodoxie sich durchsetzt, auf den sich Putin stützt. Sie nähren Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Wenn die Kirche die Macht übernähme, würde aus Moskau Teheran.

SPIEGEL ONLINE: Sie übertreiben. Die Kirche konnte das geistige Vakuum nach dem Ende des Kommunismus nicht annähernd füllen.

Jerofejew: Die moralische Krise, in der wir leben, ist das Schlimmste. Moskau hat es noch nicht überwunden, zweimal alle Werte verloren zu haben: 1917 durch die Revolution und 1991 beim Zusammenbruch der Sowjetunion.

SPIEGEL ONLINE: Aber nun scheint doch alles aufwärts zu gehen und stabil zu sein.

Jerofejew: Das ist das wahrscheinlichste Szenario. Aber es kann auch sein, dass ich morgens meinen Tee trinke und abends die Revolution ausbricht. Moskau gleicht einem Vulkan, der nicht erloschen ist. Die Lava ist noch heiß und fließt und droht.

SPIEGEL ONLINE: Strengt die Stadt Sie an?

Jerofejew: Ich wohne in einem Haus, in dem Nonnen beten und Nutten ihrem Gewerbe nachgehen. Im Stockwerk über mir hat die Tochter ihren Vater mit einem Kissen erstickt. Moskau ist ein Paradies für Schriftsteller, aber im Bruchteil einer Sekunde kann es zur Hölle für alle anderen werden, die hier leben.

Das Interview führten Erich Follath und Matthias Schepp


In Moskau leben mehr Dollarmilliardäre als in New York, die Wolkenkratzer sind höher als in Frankfurt und die Bars hipper als in London. Lesen Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL, wer den Preis für den rasanten Fortschritt des "Manhattans an der Moskwa" zahlt.