Schröder bei Maischberger Den Pudding an die Wand nageln

Bei der Jubiläumssendung von Sandra Maischberger lief alles glatt. So glatt, dass die meisten Fragen an Talk-Gast Gerhard Schröder abperlten wie Wasser. Der Kanzler bewies einmal mehr, welche Rolle er am besten beherrscht: die des mit Charme imprägnierten Medienroutiniers.
Von Henryk M. Broder

Zu den Unsitten, die sich in der Berliner Republik inzwischen fest etabliert haben, gehört auch, dass neue Bücher grundsätzlich von Politikern vorgestellt werden. Nicht nur Senioren im Doppelpack, wie neulich Lafontaine präsentiert von Seehofer, sondern auch frische Ware, deretwegen Otto Schily, Franz Müntefering und Joschka Fischer in die PR-Bütt steigen. Da stellt sich dem unbefangenen Beobachter die Frage: Woher nehmen die viel beschäftigten und ewig rastlosen Politiker die Zeit für solche Auftritte? Tun sie es, weil sie mit den Autoren befreundet sind, oder erwarten sie mehr als ein herzliches "Gott vergelt's!" Und rücken da nicht zwei Lebenswelten zu nah aneinander, die besser auf Abstand achten sollten?

Auch die Redaktion von "Maischberger" zum Jubiläum der 1000. Sendung auf NTV hat sich etwas Besonderes einfallen lassen. Kanzler Schröder als Gast. Das Timing war perfekt. Rot-Grün steckt wieder im Umfragetief, die Zahl der Arbeitslosen steigt und steigt und im hohen Norden der Republik hat soeben ein sogenannter Verräter die Götterdämmerung eingeläutet. Besser könnten die Rahmenbedingungen für eine aufregende, spannende und entlarvende Befragung also nicht sein, zumal Franz Müntefering, des Kanzlers bester Freund und Helfer, am selben Tag gesagt hat: "Die Zeit der Querpässe ist vorbei. Man muss jetzt ein Tor schießen." Was er vermutlich sagen wollte, war: Sogar ein Eigentor wäre besser als ein lahmes Null zu Null.

Dennoch: Maischbergers Einstieg in das Jubiläums-Gespräch war furios, ein Überfall aus dem Hinterhalt. Sie zitierte ausgerechnet Peter Glotz, der über Schröder mal gesagt hat, er wäre "der junge John Wayne der Politik". Damit hatte Schröder, inzwischen der alte Errol Flynn der SPD, nicht gerechnet. Er sagte "Kanzler sein, das ist schon was", es müsse aber auch "ein starkes Stück Verantwortung" dazu kommen. Ob Charme seine stärkste Waffe wäre, setzte Maischberger nach, und was sich geändert habe, seit er vor genau einem Jahr von Franz Müntefering als SPD-Vorsitzender abgelöst wurde. Und schon saß Schröder in der Abseitsfalle. Er gestand: "Der Franz kann es besser als ich, er erreicht die Seele vieler Menschen eher als ich."

Das klang viel versprechend. Maischberger war gut vorbereitet und stets präsent, während der Kanzler das machte, was er am besten kann: Er charmierte. Und obwohl da zwei Super-Profis aufeinander trafen, war die Sendung nicht nur doppelt so lang wie üblich, sondern auch doppelt so langweilig. Das lag vor allem daran, dass Schröder sehr schnell auf "Business as usual" schaltete und Frau Maischberger nicht einmal den kleinen Finger reichte, wenn sie nach seiner Hand griff.


Krise in Schleswig-Holstein? Wie denn das? Heide Simonis ist "eine phantastische Frau", die missglückte Wahl sei "Teil des Berufsrisikos" und eine große Koalition "kein Drama". Allerdings habe er nicht vor, Frau Simonis "ein Amt anzutragen". Auf die Nachfrage von Maischberger: "Noch nicht?", schnappte Schröder zurück: "Sie versuchen es wieder durch die Hintertür!", worauf Maischberger, als Schröder etwas länger als üblich nach dem Namen des niedersächsischen Ministerpräsidenten suchte, einwarf: "Wulff heißt er!"

So hatte das Gespräch durchaus seine kleinen hämischen Highlights, aber es war kein Feuerwerk, eher ein kleines Strohfeuer für die fröstelnden Parteifreunde daheim an den Empfängern. Wer in den letzten Wochen keine Zeitungen gelesen oder aus Tuvalu in der Südsee zu Besuch in die Bundesrepublik gekommen wäre, hätte sich fragen müssen: Worüber reden die beiden? Warum versucht diese nette junge Frau dem charmanten älteren Herren Probleme einzureden, die es nicht gibt?

Schröder zog einen Gemeinplatz nach dem anderen aus dem Ärmel. "Ich bin Regierungschef einer Regierung, die von einer Koalition getragen wird." - "Bei uns ist es so: Die Partei hat nicht immer recht, aber der Vorsitzende natürlich." - "Es gibt die Verantwortung des Bundeskanzlers, die Frage ist nur, wie weit sie reicht." Und so bekam er Oberwasser gegen eine Moderatorin, die sich immer verzweifelter bemühte, den sprichwörtlichen Pudding an die Wand zu nageln.

Lafontaines wiederholte Drohung, die Partei zu verlassen? "Diese große Partei hat schon Vieles verkraftet!" - Reform der UNO und Deutschlands Streben nach einem Sitz im Sicherheitsrat? "Beides wird zu gegebener Zeit zu verhandeln sein." - Die seltsamen Äußerungen von Frau Clement zur Arbeitslosigkeit? "Dass Frau Clement eine Meinung äußert, finde ich völlig in Ordnung. Ich streite für ihr Recht, ihre Meinung zu sagen." Hat denn der Schröder zu nix eine Meinung? Regt ihn nix auf? Ist er 24 Stunden am Tag nur "elder statesman"? Könnte er nicht einmal aus der Rolle fallen, statt immer nur den großen Gelassenen zu geben?

Dass Deutschland so ziemlich in allen Disziplinen das europäische Schlusslicht ist und nur bei der Arbeitslosigkeit an der Spitze liegt, redete der Kanzler ins Gegenteil um: "Wir sind in Deutschland in der guten Situation, dass wir eine Regierung haben, die die Zeichen der Zeit erkannt hat."

Da schaute auch Frau Maischberger einen Moment etwas ratlos am Kanzler vorbei, als würde sie damit rechnen, dass gleich ein Blitz in das Studio einschlägt und eine Stimme ertönt: "Gerhard, übertreib es nicht!" Der Kanzler muss es gemerkt haben. "Politik ist nie an einem Ende", jetzt werde "zum ersten Mal ehrlich gerechnet", was immerhin das Geständnis enthielt, dass jahrelang auch unter seiner Kanzlerschaft geschummelt wurde.

Für den Schluss hatte sich Frau Maischberger eine schöne Pointe aufgehoben. Ob es nicht eine "gute Regelung" wäre, dass US-Präsidenten "nur zweimal kandidieren können"? Das sei eine gute Regelung, stimmte Schröder zu, allerdings nicht für ihn. "Ich bin guten Mutes, was 2006 angeht." Und er werde, falls doch was schief geht, sich nicht nach New York zurück ziehen. "Mein New York ist Hannover."

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