Schwanger mit 65 Highway zur Hybris

Mit ihrer späten Vierlingsschwangerschaft lässt die 65-jährige Berlinerin Annegret Raunigk Rollenzuweisungen, Traditionen und Geschlechterverhältnisse munter durcheinanderpurzeln. Ihr Fall wirkt außergewöhnlich - noch.

Mutter Machbarkeit: Annegret Raunigk, damals 55, mit ihrem 13. Kind (2005)
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Mutter Machbarkeit: Annegret Raunigk, damals 55, mit ihrem 13. Kind (2005)

Ein Debattenbeitrag von


"Kann man sich über diese Sensations-Schwangerschaft überhaupt freuen?", fragte die "Bild"-Zeitung angesichts der mit Vierlingen schwangeren Berlinerin Annegret Raunigk. Die 65-jährige Lehrerin hat bereits 13 Kinder von verschiedenen Vätern und aus künstlichen Befruchtungen. Die Geburt der vier ebenfalls in vitro erzeugten Kinder, so sie ohne Komplikationen gelingt, würde Raunigk zur ältesten Mehrfachmutter der Welt machen.

Der extreme Einzelfall ist Stoff für staunende Schlagzeilen, er bedient den Voyeurismus, die Lust an der Sensation. In diesem Sinne ist Raunigk vergleichbar mit der sogenannten "Octomom" Nadya Suleman. Die Amerikanerin brachte zusätzlich zu ihren sechs Kindern im Jahre 2009 Achtlinge zur Welt. Schärfe erhielt Sulemans Geschichte dadurch, dass die junge Frau von staatlicher Stütze lebte. Diese Mischung aus Staunen über den "Freak of Nature", gepaart mit dem Kitzel der Irritation des gesunden Volksempfindens, kurz: die Faszination des Abnormen - ist normal.

Neu ist, dass es sich bei Raunigk und Suleman nicht um Launen der Natur handelt, sondern um absichtlich herbeigeführte Schwangerschaften. Frauen, die weit jenseits der Menopause Vierlinge bekommen oder mit Achtlingen schwanger sind, sind "Freaks of Science" - sie demonstrieren auf extreme Weise, welche Möglichkeiten die moderne Fortpflanzungsmedizin eröffnet.

Über das bloße Staunen hinaus konfrontiert uns gerade dieses Extrem mit einer ganzen Reihe ethischer und gesellschaftlicher Fragen. Keine davon ist leicht zu beantworten, jedes Pro enthält ein Kontra, das fängt schon bei der spontanen Reaktion an: "Kann man sich über diese Sensations-Schwangerschaft überhaupt freuen?". Ja, natürlich kann man. Es ist ja nur die Konvention, das gelernte Bild von Familie und behaupteter Normalität, das uns zurückschrecken lässt: Was, es gibt keinen Vater? Was, die hat schon 13 Bälger, wieso jetzt noch vier? "Wenn diese Vierlinge Abi machen, ist Mama 83!" ("Bild") - wie egoistisch, wie verantwortungslos!

Die lieben Kleinen mit ihren greisen Eltern?

Aber warum eigentlich? Ist Annegret Raunigk nicht ein Musterbeispiel der Selbstbestimmung, wenn sie ihre Familienplanung in die eigene Hand nimmt, sich weder von Männerkarrieren - und -potenzen, noch von eigenen Kind-/Karriere-Dilemmata ablenken lässt, sondern kraft medizinischer Möglichkeit souverän neu ordnet, was andere in der heißen Phase zwischen 20 und 40 oft um Nerven und Verstand bringt?

Müsste man Raunigk nicht eigentlich bewundern, so wie man manch greisem Kindesvater ob seiner Altersvirilität Respekt zollt? Hier purzeln Rollenzuweisungen, Traditionen und Geschlechterverhältnisse munter durcheinander. Nicht die Biologie schreibt die Regeln vor, sondern der Mensch selbst kraft des Fortschritts und körperlicher Enhancement-Techniken.

Das wäre beinahe der alte Traum vom Jungbrunnen, von ewiger Jugend und Fruchtbarkeit, der sich ja ebenfalls im Bild der alten, aber vitalen Mega-Mutter Annegret Raunigk manifestiert. Und schon jetzt bremsen zivilisatorische Konstrukte wie Ethik, Moral und Religion und auch die restriktiven deutschen Embryonenschutz- und Genforschungsgesetze diese Ermächtigungsmaschine nur noch unzureichend aus, die uns von Geschöpfen zu Schöpfern macht.

Noch sind die gesundheitlichen Risiken einer künstlich erzeugten Vierfachschwangerschaft in Raunigks Alter enorm. Das wird in zehn, vielleicht aber auch erst in 20 Jahren anders aussehen, wenn die Gesundheits- und Sozialsysteme unter den Versorgungsfolgen zur Norm gewordener Spätschwangerschaften zu ächzen beginnen. Bis dahin sollten wir uns auf diesem Highway zur Hybris dringend ein paar neue Verkehrsregeln überlegt haben.

insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
brille000 16.04.2015
1. Mir doch egal ...
Menschenskind, soll ich mich denn über jeden Idioten/in aufregen, der hier durch die Medien taumelt? Soll die doch machen, was sie machen will, so lange es mich persönlich tangiert und das tut's in diesem Falle nun mal nicht. Es laufen doch schon genug dieser 40-jährigen Muttertiere herum, bei deren Nachkommen man schon deutlich die Quelle erkennen kann. Aber meine Hoffnung geht dahin, dass diese Spät-Ei-Schlüpfungen so degeneriert sind, dass sie sich nicht mehr fortpflanzen oder fortpflanzen können. Die Natur wird's regeln.
ludipower 16.04.2015
2. Nur weil alles machbar ist...
...sollte nicht alles durchgeführt werden.
Copycatz 16.04.2015
3. ..
"Ist Annegret Raunigk nicht ein Muster-Beispiel der Selbstbestimmung ... " und die biologische Uhr vollkommen außer acht läßt - es ist ja nichts ungewöhnliches, daß irgendwann Gevatter Tod vor der Tür steht. Und falls es ein Tod mit 70 sein sollte, hinterläßt sie 5 jährige Kinder. Vielleicht mag sie ja 100 werden.. aber sehr wahrscheinlich ist es nicht. Will man wirklich sowas den eigenen Kindern antun? Man lebt schließlich nicht ewig.
awake1994 16.04.2015
4. Den Preis der Freiheit
müssen wohl die Kinder (er)tragen. Ich bin sprachlos ob der Geschichte der Frau und halte ihr Verhalten für wenig nachahmenswert.
madtv 16.04.2015
5. ...munter durcheinanderpurzeln?
Vielleicht sollten sie mit dem Triumph der Selbstbestimmung warten, bis sicher ist, dass Mutter und Kinder überlebt haben und halbwegs gesund sind?
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