Schwarzeneggers Amtseinführung Die Arnold-Show

Heute Abend wird der Hollywood-Star Arnold Schwarzenegger als Gouverneur des US-Bundesstaats Kalifornien vereidigt. Während die Bevölkerung dem Hoffnungsträger zujubelt, sind die Medien verunsichert: Kann der populäre Action-Darsteller auch die politische Wirklichkeit meistern?

Von Helmut Sorge, Los Angeles


Politik-Anwärter Schwarzenegger: Der Ruhm überschattet alle Zweifel
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Politik-Anwärter Schwarzenegger: Der Ruhm überschattet alle Zweifel

Die Kamera schreckte ihn nicht. Er kannte sich aus mit der für ihn angemessenen Beleuchtung und er erinnerte sich an seine Texte, sobald der Regisseur befahl: "Lights, camera, action!"

Ronald Reagan war in seinem Element. Aber als er die Rollen wechselte, ahnte er schon, dass eine andere Wirklichkeit ihn erwarten würde: "Ich habe noch nie einen Gouverneur gespielt." Heute Abend wiederholt sich die Geschichte. Ein Polit-Amateur übernimmt die Macht in Kalifornien - Arnold Schwarzenegger, Amerikas Alternative zum Profi-Politiker - der Kino-Kaiser.

Auch er kennt sie noch nicht, die Intrigen der Macht, die parlamentarischen Petitessen. Doch der Einwanderer aus Graz hat nie an Selbstzweifeln gelitten. Sein Ego entspricht den Muskeln, die er damals, 1976, in seinem Kult-Film "Pumping Iron" vorführte. "Führung wollen die Leute, Taten, Taten", und deshalb, so sagt er, haben die Kalifornier ihn gewählt - 3,7 Millionen der 15 Millionen Wahlberechtigten. Warum also sollte er zweifeln? "Er zählt", notierte die "New York Times", "zu den berühmtesten Menschen, die jemals in ein politisches Amt gewählt wurden." Nach seinem Wahlsieg hat sogar Nelson Mandela angerufen und ihm gratuliert. Als "Polit-Müll" hat Schwarzenegger Unterstellungen qualifiziert, die ihm Hitler-Bewunderung nachsagten. Zu seinen Busen-Grabschereien und zum Gerüstbauer-Geschwätz über Gruppensex hat er sich bekannt - Jugendsünden. Vergebung also.

Talk-Moderator Leno (r.) mit US-Präsident Bush: Meinungsbildung zu später Stunde
AP

Talk-Moderator Leno (r.) mit US-Präsident Bush: Meinungsbildung zu später Stunde

Schwarzeneggers Ruhm überschattet alle Zweifel. Nicht Politik, Popularität hat ihn an die Macht gebracht. Der Kandidat verbreitete "unschuldigen Optimismus", notierte die Schwarzenegger nicht eben wohl gesonnene "Los Angeles Times", "und dieser Mangel an Selbstkritik wirkt ansteckend." "Optimismus verkauft sich", meinte "Time", Bill Clinton "wäre der Erste, der das bestätigen würde."

Horrornachrichten aus Bagdad, Meldungen über Budget-Krisen, wachsende Arbeitslosenzahlen und zunehmende Bandenkriege in den Großstädten bestimmen die Schlagzeilen. Aber Kalifornien, dieser Multikulti-Staat, das Paradies der Surfer und Bodybuilder, der Baumbeschützer und der Nuklear-Gegner, will die Selbstzweifel vergessen, Krisen-Diskussionen beenden und einen Erlöser im Amt. Arnold eben, einen "lebensfrohen Egomanen" (so die "New York Times"), der mit seinem Gulfstream-Jet Erfolg symbolisiert, kubanische Zigarren raucht (obwohl die Einfuhr verboten ist) und seine Polit-Weisheiten als Einzeiler aus seiner Filmwelt unter die Wähler bringt: "Hasta la vista, baby".

Seine Kandidatur verkündete der Republikaner bei dem Late-Night-Talkmaster Jay Leno, der auch auf Schwarzeneggers Sieger-Party das letzte Wort hatte: "Da sehen Sie mal, meine Damen und Herren, wie sich ein Auftritt in der 'Tonight Show' auszahlt." In der Tat: Schwarzenegger hatte beizeiten erkannt, woher rund zehn Prozent der US-Bürger, und mehr als die Hälfte der unter Dreißigjährigen, ihre Polit-Nachrichten beziehen - aus den Blödel-Shows des späten Abends.

Schwarzenegger-Vorläufer Reagan: "Noch nie einen Gouverneur gespielt"
AP

Schwarzenegger-Vorläufer Reagan: "Noch nie einen Gouverneur gespielt"

So sehr auch liberale Kommentatoren wie Bob Herbert in der "New York Times" über Schwarzenegger herfielen und hämten, er betreibe "einen Wahlkampf, als wäre es ein Fernsehspiel", er habe "keine Ahnung" und wolle nicht regieren, sondern "bewundert werden" - die Wähler, desillusioniert über die berechenbaren, korrupten Politiker, setzten auf den Hollywood-Star, der sie aufmunterte, erheiterte und in ihrem Glauben an die Zukunft bestärkte. Für sie war er bereit, den Glamour von Hollywood zu verlassen und, statt mit Produzenten um die Gagen für "Terminator 4" zu feilschen, mit Parlamentariern um das Haushalts-Budget zu streiten, über Todesurteile nachzudenken, über Steuern und Öl-Bohrungen vor Kaliforniens Küste. Noch bevor der Actionstar in sein Amt eingeschworen wurde, hat eine Art "Arnoldmania" ("Los Angeles Times") Amerika erfasst.

Bei seinem ersten Besuch in Washington erwarteten den Schauspieler Fan-Massen wie bei den Filmfestspielen in Cannes - keine kreischenden Mädchen, die angesichts des Grazers ihre Höschen warfen, sondern Senatoren und Kongressabgeordnete, die sich für ein Erinnerungsfoto an seine Seite drängten. Arnold Schwarzenegger, meldete die "New York Times", "war von einem Wirbel umgeben, den man sonst nur bei Besuchen ausländischer Staatschefs erlebt." Das "Zeitalter Arnold hat uns erreicht", kommentierte der katholisch-konservative Journalist Pat Morrison.

Action-Star Schwarzenegger (als "Terminator"): "Das Zeitalter Arnold hat uns erreicht"
Columbia TriStar

Action-Star Schwarzenegger (als "Terminator"): "Das Zeitalter Arnold hat uns erreicht"

Liberale Schwarzenegger-Kritiker wie Steve Lopez von der "Los Angeles Times" sahen sich indes einmal mehr in ihrer Überzeugung bestätigt, dass Politik "nichts anderes ist als darstellende Kunst" und Arnold Schwarzenegger Hauptdarsteller in einer "Ein-Mann-Show über den Tod der Parodie". Wie, so diskutiert nun das politische Amerika, ist dieser Schwarzenegger-Triumph einzuschätzen? Stellt er einen neuen Typ Politiker dar oder war sein Sieg ein Unfall der Geschichte? Sein Wahlgewinn, schrieb die "New York Times", "kann als Test für Ruhm an sich gesehen werden, für die Reichweite und vielleicht die Grenzen." Und: "Er hat Aufmerksamkeit in einem Staat bewirkt, in dem Unaufmerksamkeit die Regel ist. Nur, kann er sie halten und mit welchem Ergebnis?"

Die Massen, erwarten die Polit-Experten, würden sich verlaufen, sobald Schwarzenegger unpopuläre Entscheidungen treffen muss und nach der Euphorie die Ernüchterung folgt. "Jetzt erleben wir die Arnold-Show, aber die Wirklichkeit wird ihn bald einholen", versprach die "Los Angeles Time" den Schwarzenegger-Gegnern. Das mag sein, vielleicht aber auch nicht: Kann Arnies instinktives Gefühl für PR und Volks-Theater den Gouverneur Schwarzenegger vor einer Polit- und Vertrauenskrise bewahren? "Wir mögen es zuweilen nicht zugeben", resümierte David Gergen, Direktor des "Center for Public Leadership" an Harvards "Kennedy School of Government", "doch Schauspielerei ist Teil politischer Führung." Immerhin: Franklin D. Roosevelt soll Orson Welles einmal erklärt haben, sie beide seien die besten Schauspieler der Nation.

Ronald Reagan, der vor 36 Jahren das Gouverneursamt übernahm und 1989 nach acht Jahren im Weißen Haus abtrat, bestätigte Gergens Theorie: Manchmal habe er sich während seiner Präsidenten-Zeit gefragt, "wie ich das alles durchgestanden hätte, wenn ich vorher nicht Schauspieler gewesen wäre." So gesehen ist Schwarzenegger auf sein Amt bestens vorbereitet.



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