Schwimmbäder in Zeiten der Flüchtlingskrise "Bitte nehmen Sie mich in Ihren Verteiler für Vergewaltigungen auf"

"Sex-Mob-Alarm" im Schwimmbad? Immer, wenn das irgendwo steht, klingelt bei Matthias Oloew das Telefon. Ein Gespräch über Anfragen von Journalisten, Kot im Schwimmbecken und das Problem der Gerüchte bei Facebook.

Freibad (in Denzlingen)
DPA

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Ein Interview von Boris Rosenkranz


Zur Person
  • BBB/ Elke A. Jung-Wolff
    Matthias Oloew, ist gelernter Journalist und war früher Redakteur beim "Tagesspiegel". Seit sieben Jahren arbeitet Oloew als Unternehmenssprecher der Berliner Bäder.

SPIEGEL ONLINE : Herr Oloew, gibt es Fälle von Vergewaltigungen in Berliner Bädern?

Oloew: Nein.

SPIEGEL ONLINE : Sexueller Missbrauch?

Oloew: Ein Fall in 2015.

SPIEGEL ONLINE : Sie müssen das in letzter Zeit häufiger beantworten, richtig?

Oloew: Ja, insbesondere im Zusammenhang mit Flüchtlingen. Seit der Silvesternacht in Köln haben wir vermehrt solche Anfragen, und zwar immer in Wellen. Ich kann aber reinen Gewissens sagen, dass das bei uns nicht vorkommt. An dem Fall von sexueller Misshandlung im vorigen Jahr war kein Flüchtling beteiligt. Und neulich hat die ägyptische Betreuerin einer Gruppe einen ihrer Schützlinge angezeigt, von dem sie sich unter Wasser unsittlich berührt gefühlt hat. Aber sonst: keine Vergewaltigung, von niemandem, Ausländern wie Einheimischen. Die Probleme mit Flüchtlingen sind andere.

SPIEGEL ONLINE : Welche?

Oloew: Das größte Problem ist tatsächlich, dass viele Leute aus arabischen Ländern nicht schwimmen können, aber ins Schwimmbad kommen und ins nächstbeste Becken springen, weil es nicht so tief aussieht. Es gab Tage, da mussten unsere Schwimmmeister sechs, sieben Mal am Tag ins Becken, um jemanden rauszuholen. Das andere Problem sind größere Gruppen, die sich nicht benehmen, also laut sind, rumrempeln, was anderen Gästen, die in Ruhe ihre Bahnen ziehen wollen, nicht gefällt. Da helfen unsere Baderegeln sehr gut, die wir Anfang des Jahres in mehreren Sprachen aufgehängt haben. Und wir haben teilweise Mitarbeiter im Einsatz, die Arabisch sprechen.

SPIEGEL ONLINE : Welche war die eigenartigste Anfrage, die Sie in Bezug auf Flüchtlinge bekommen haben?

Oloew: Die kam Anfang März. Der MDR-Kollege sagte am Telefon: "So, Herr Oloew, dann erzählen Sie mal. Bei ihnen werden doch Frauen vergewaltigt." Als ich ihm gesagt habe, dass das nicht stimmt, sagte er, dass er mir das nicht glaube. Ich habe ihn gefragt, weshalb nicht. Woraufhin er sagte: "Na ja, Sie haben doch so viele Flüchtlinge in Berlin."

SPIEGEL ONLINE : Wie finden Sie das?

Oloew: Na ja, ich bin ja auch ausgebildeter Redakteur, ich war hier an der Berliner Journalistenschule. Da bin ich von Damen und Herren ausgebildet worden, die sozusagen alte Schlachtrösser des Geschäfts sind. Und die haben uns gelehrt, dass man keine Suggestivfragen stellt. Deswegen wundert es mich, wie manche Kollegen recherchieren. Ich glaube, das ist so ein Misstrauen, das sich aus dem Lügenpressevorwurf speist. Dass man also sagt: Man möchte sich diesem Vorwurf nicht aussetzen, man würde bestimmte Themen nicht aussprechen, nur weil sie nicht politisch korrekt sind oder irgendwie so was. Das ist auffällig. Und das haben wir so in dieser Form bisher nicht gehabt.

SPIEGEL ONLINE : Misstrauen der Presse gegenüber Institutionen?

Oloew: Nein, das gibt es ja immer. Dass man Pressesprechern nicht traut - geschenkt, das ist Alltag, schon klar. Ich meine, dass Journalisten, weil sie so oft als Lügner bezeichnet werden, Fragen stellen, die man eigentlich nicht stellen würde.

SPIEGEL ONLINE : Vielleicht rührt die Skepsis auch daher, dass es eben schon, auch in Deutschland, Vorfälle gegeben hat in Bädern. Und dass man dann vielleicht denkt: Berlin ist eine so große Stadt, dort leben so viele Menschen - da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dort auch etwas passiert.

Oloew: Ja, es gibt solche Vorfälle. Aber es ist schon so, dass die Zahl der Strafanzeigen wegen sexuellen Missbrauchs im Verhältnis dazu, wie viele Millionen Menschen in Bäder gehen, extrem gering ist. Meistens zeigt ein Gast den anderen an, weil man sich in einem vollen Schwimmbecken in irgendeiner Weise unsittlich berührt gefühlt hat. Das ist immer schwer zu handhaben, auch für die Bademeister. Was aus den Anzeigen wird, bekommen die Badbetreiber meistens gar nicht mehr mit.

SPIEGEL ONLINE : Es gibt aber auch Fälle, in denen nicht nur jemand die andere zufällig unsittlich berührt hat. Auch mit Beteiligung von Flüchtlingen.

Oloew: Ja, gibt es. Zum Beispiel der Fall in München, als sich jugendliche Flüchtlinge an Mädchen rangemacht haben sollen in einem Außenbecken eines Schwimmbades, das in einem sozial schwierigen Bezirk liegt. Das Außenbecken war von den Bademeistern kaum einsehbar. Das Bad hat darauf reagiert, da steht jetzt immer einer und passt auf. Unser Wunsch ist ja auch, dass sich Menschen beim Schwimmmeister melden, wenn etwas ist. Gerade ältere Schwimmmeister werden sehr unleidlich, wenn es um Belästigung geht.

SPIEGEL ONLINE : Wenn "Bild" titelt: "Sex-Mob-Alarm im Schwimmbad" - wie finden Sie das, auch als ehemaliger Journalist?

Oloew: Wie muss ich mir so einen "Mob" vorstellen? Ich sehe da den Ansturm auf die Kaufhäuser zum Sommerschlussverkauf in den Siebzigerjahren. Oder eine Gruppe, die randalierend durch die Straßen zieht. Das ist für mich ein Mob. Das trifft den Alltag in deutschen Bädern aber überhaupt nicht und ist eine unglaubliche Übertreibung.

SPIEGEL ONLINE : Aber in dem Artikel steht doch, dass es in Düsseldorf immer mehr Fälle von Belästigung in Bädern gebe, an denen Zuwanderer beteiligt sind.

Oloew: Ja, "Bild" zitiert aus einer internen Mail der Polizei. Der Badbetreiber aber sagt, er wisse von alldem gar nichts. Da klafft ein bisschen was auseinander. Und ohne die Fälle zu kennen im Detail, ich halte es, gerade mit dieser Überschrift, für gewagt.

Der Fall Düsseldorf
    Unter der Überschrift "Sex-Mob-Alarm im Schwimmbad" zitierte "Bild" am 4.7.2016 aus einer internen Mail der Düsseldorfer Polizei. Dort soll unter anderem von einem "enormen Anstieg" von Sexualstraftaten die Rede sein. Die Täter seien "zum größten Teil Zuwanderer". Und weiter zitiert "Bild": "Insbesondere die Tatbestände Vergewaltigung und sexueller Missbrauch von Kindern in Badeanstalten schlagen hier ins Gewicht."

Die Düsseldorfer Polizei hat das anschließend relativiert, wie unter anderem der WDR berichtet: Von einem massiven Anstieg von Sexualdelikten könne nicht die Rede sein. Im Jahr 2014 seien sieben Fälle von sexueller Belästigung in Schwimmbädern angezeigt worden, 2015 waren es 17 Anzeigen und im laufenden Jahr acht. Die Delikte seien nicht gleich schwerwiegend: Neben körperlichen sexuellen Handlungen werde auch Beobachten oder anzügliches Ansprechen angezeigt. Offenbar, so die Polizei, habe sich das Anzeigeverhalten verändert.

SPIEGEL ONLINE : Und wie war das mit der Verkotung des Beckens?

Oloew: Es kommt immer mal wieder vor, dass Gäste etwas Stuhl verlieren im Schwimmbecken. Für die Betroffenen ist das immer sehr peinlich, aber es passiert, gerade in einer älter werdenden Gesellschaft. Dann muss das Wasser komplett gereinigt werden. In einem Fall war das im Stadtbad Mitte so, und das hat nur ein Becken. Wir haben es also vorübergehend geschlossen. So ehrlich, wie die Kollegen sind, haben sie das auch so ausgehängt: "Gesperrt wegen Verkotung". Wie sie das seit Jahren machen. Seit aber so viel über Flüchtlinge diskutiert wird, gibt es gleich irgendwen auf Facebook, der das Schild gesehen hat und behauptet: "Jetzt kacken uns die Flüchtlinge auch noch die Becken voll!" Und dann ruft die "Junge Freiheit" an, die sonst nie anruft und fragt, ob das stimme. Ich habe das dementiert, weil wir nicht wissen, wer es war. Im Stadtbad Mitte sind so gut wie nie Flüchtlinge, deshalb ist das sehr unwahrscheinlich. Aber die Frage kam. Und die hatten wir all die Jahre nie.

SPIEGEL ONLINE : Sie müssen also auch Gerüchte auf Facebook einfangen.

Oloew: Ja. Anfangs, als es so losging mit Sozialen Netzwerken, haben wir uns Mühe gegeben, das alles zu korrigieren. Mittlerweile geht das nicht mehr, es ist zu viel. Und ich glaube, je länger die Menschen mit Sozialen Medien leben, desto mehr werden sie lernen, dass da auch eine Menge Blödsinn verbreitet wird. Deshalb sage ich immer allen Kunden: Meldet euch doch erst mal im Bad, posten könnt ihr es dann ja immer noch.

SPIEGEL ONLINE : Wie ist die Sache mit dem MDR ausgegangen?

Oloew: Das Ende des Gesprächs fand ich ganz lustig, aber ich musste mich auch ein bisschen schütteln: Der Kollege fragte, ob ich ihn informieren könne, wenn es Vergewaltigungen gebe. Wörtlich bat er: "Nehmen Sie mich bitte in den Verteiler für Vergewaltigungen auf."

Dieses Interview ist eine gekürzte Übernahme von Übermedien, dem Magazin für Medienkritik. Die vollständige Version finden Sie hier.

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