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Science-Fiction-Theater: "Unser Geld ist ein Alien"

Foto: Marc Stephan

Science-Fiction-Theater "Unser Geld ist ein Alien"

Seine Herkunft ist unbekannt, seine Bewegung unkontrollierbar, sein Expansionswille unstillbar: Unser Geld, da sind sich Chris Kondek und Christiane Kühl einig, ist ein Monster aus dem All. In Berlin führen die beiden Theaterkünstler den Beweis.

Die These des Theaterabends ist verrückt, abgedreht, gaga, natürlich ist sie das, aber sie ist auch bestechend: Unser Geld ist kein neutrales Werkzeug, unser Geld ist ein lebender Organismus, der grenzenlos wuchert, ein Monster, das den Menschen als Wirtstier benutzt, ein Alien auf dem Weg zur nächsten Stufe der Evolution. Der filmreife Titel der Theaterarbeit, die heute Abend im Berliner HAU Premiere feiert: "Money - It came from outer space".

Der Videokünstler Chris Kondek und die Journalistin und Dramaturgin Christiane Kühl, seine Lebensgefährtin, haben Science-Fiction-Thriller der fünfziger Jahre analysiert - und sind auf erstaunliche Parallelen gestoßen: Aliens in diesen Filmen tauchen plötzlich aus dem Nichts auf - "über Kredite schaffen Banken Geld aus dem Nichts, es ist nicht gekoppelt an echte Werte", die Bewegungen der Aliens sind unkontrollierbar - "rein in den Immobilienmarkt und schwupps wieder raus", der Expansionswille der Aliens ist unbesiegbar - "Zinsen, Derivate, Securitization".

Die Welt erwacht nach einem großen Knall

In den Science-Fiction-Thrillern gebe es meist frühzeitige Warnungen, sagt Kühl, die von allen ignoriert würden, die Welt erwache erst nach einem großen Knall, dann schalteten sich weltweit die Regierungen ein, angesichts der Gefahr von außen überwänden sie das Blockdenken, ihre Lösungsversuche jedoch seien kontraproduktiv: Mit Flammenwerfern bekämpften die Regierungen ein Alien, das sich unter Wärme ausdehnt, mit Strahlenkanonen ein Alien, das in einem radioaktiven Umfeld am besten gedeiht. Das Künstlerpaar hat das Szenario an die Wirtschaftskrise erinnert - und an Lösungsversuche wie das sogenannte Wachstumsbeschleunigungsgesetz: Die Menschen wollen das Monster bekämpfen, aber sie geben ihm genau das, wonach es dürstet.

Kondek ist bekannt geworden mit Videoarbeiten für das Theater, er hat die zeitgenössische Bühnenästhetik geprägt: Arbeiten der New Yorker Wooster Group ebenso wie jene von Robert Wilson, Meg Stuart, Stefan Pucher, René Pollesch und Jossi Wieler. Zum Thema Geld hat er gemeinsam mit Kühl schon häufiger eigene Arbeiten gestemmt, in ihrer preisgekrönten Performance "Dead Cat Bounce" etwa spekulierten sie mit den Eintrittsgeldern der Besucher an der New Yorker Börse, live über das Internet, und machten die Börse so zum Co-Autor des Abends.

Ihre neue Arbeit "Money - It came from outer space" wird eine Art Lecture Performance, auf Deutsch und Englisch, in der sie den Beweis für ihre steile These führen. "Der Abend soll keinesfalls moralisch sein", sagt Kühl, aber er soll auch nicht nur trashig-lustig sein. Im Vorfeld haben Kondek und Kühl viele Gespräche mit Experten geführt: mit dem Politikwissenschaftler Elmar Altvater, dem Finanzwissenschaftler Franz Hörmann und dem Kulturwissenschaftler Stefan Heidenreich, der gemeinsam mit seinem Bruder Ralph das Finanzkrisen-Buch "Mehr Geld" im Merve-Verlag veröffentlicht hat. Filmausschnitte dieser Gespräche werden sie einspielen und in Beziehung setzen zu Ausschnitten aus alten Science-Fiction-Filmen.

Das klingt verrückt, abgedreht, gaga. Natürlich klingt es so, aber es klingt auch bestechend.


"Money - It came from outer space". Premiere am 13. November weitere Vorstellungen am 14., 15. und 16. November, jeweils um 20 Uhr, im Hebbel am Ufer  - HAU 3 in Berlin, Tempelhofer Ufer 10, Karten 11 Euro, ermäßigt 7 Euro, Kartentelefon 030/25 90 04 27.

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