Sebastian Haffner Der virtuelle Engländer

Der 1999 verstorbene Journalist Sebastian Haffner machte - wie neue Bücher über ihn und von ihm zeigen - als deutscher Emigrant eine außergewöhnliche Karriere im Londoner Exil.

Dass sich auch Mathematiker ordentlich verrechnen können, erlebte unlängst Oliver Pretzel, der sich am Londoner Imperial College auf Kodierungstheorie spezialisiert hat. 50.000 Stück müssten sich von dem nachgelassenen Manuskript seines Vaters verkaufen lassen, hatte Pretzel kalkuliert, doch damit lag er um den Faktor sieben unter dem bisher erzielten Ergebnis. Von dem Büchlein mit dem nicht übermäßig aufregenden Titel "Geschichte eines Deutschen" sind bisher schon mehr als 350.000 Exemplare abgesetzt worden.

Der Professor für Mathematik wollte "eigentlich nur ein bisschen dafür tun", dass der Name seines Vaters Sebastian Haffner alias Raimund Pretzel in Erinnerung bleibt. Der Autor, der über Jahrzehnte dank seiner wöchentlichen Kolumne im "Stern" und seinen regelmäßigen Fernsehauftritten einen Celebrity-Status genossen hatte, war in den Jahren vor seinem Tode im Januar 1999 mehr und mehr in Vergessenheit geraten.

Viele von Haffners Büchern waren vergriffen; jungen Zeitgenossen war der gestreng dreinblickende und meinungsstarke Herr kein Begriff mehr. Haffner drohte das Schicksal, das die meisten Journalisten erleiden: Die Halbwertszeit seiner Artikel und Bücher schien zu gering, um längerfristig Nachruhm abzuwerfen.

Doch seit dem überraschenden Erfolg der Erinnerungen an die ersten Jahre unter den Nazis finden Haffners Leben und Werk mehr Aufmerksamkeit als zu seinen Lebzeiten. Allein drei neue Veröffentlichungen geben jetzt Aufschluss über die Karriere des jungen Juristen, der im Londoner Exil innerhalb weniger Jahre zu einem der einflussreichsten Journalisten der westlichen Welt aufstieg. Haffners Tocher Sarah, die Berliner Malerin, hat Autobiografisches aufgeschrieben, der Journalist Uwe Soukup hat eine Biografie Haffners vorgelegt, und schließlich erschienen zum ersten Mal gesammelt und ins Deutsche übertragen Haffners beste Artikel aus dem Londoner Wochenblatt "Observer" aus den Jahren 1941 bis 1949.

Die Biografie und die Erinnerungen der Tochter zeigen, wie schwer Haffner die Emigration fiel und wie hart das Exil anfangs für ihn und seine Familie war. Zweimal hatte der Jurist, der in Berlin für die "Vossische Zeitung" Feuilletons geschrieben hatte, den Absprung aus Deutschland versucht; einmal ging er nach Paris, dann nach England, doch beide Male konnte er nicht Fuß fassen und kehrte wieder nach Berlin zurück.

"Haffner ist", wie sein Biograf Soukup konstatiert, "kein Widerstandskämpfer und kein Märtyrer". Erst als seine neun Jahre ältere jüdische Freundin und spätere Frau Erika Hirsch schwanger ist und dem Paar die Verfolgung wegen "Rassenschande" droht, zieht zunächst sie und Ende Oktober 1938 auch er nach Cambridge. Eine kleine Erbschaft ist schnell aufgebraucht, alsbald werden Bettelbriefe verfasst, die Verwandtschaft angepumpt und auf Kredit eingekauft.

Als Anwalt kann der Emigrant auf Grund des völlig andersartigen britischen Rechtssystems nicht arbeiten. Gerettet wird er schließlich von dem Londoner Verleger Fredric Warburg, der ihm zwei Pfund pro Woche Vorschuss bezahlt. Haffner kann an dem Manuskript arbeiten, das erst postum als "Geschichte eines Deutschen" erscheinen wird. Als die Wehrmacht Polen überfällt, bricht er jedoch die Arbeit bald ab, um stattdessen ein Buch zu schreiben, das den Absturz Deutschlands in die Barbarei erklärt.

Trotz seines Hasses auf die Nazis wird Haffner zweimal von den Briten als "enemy alien", als potenzieller deutscher Spion, interniert. Erst im August 1940 kommt er auf Intervention seines Verlegers wieder frei. Gleichzeitig hängt wie ein Damoklesschwert die Möglichkeit einer deutschen Invasion Großbritanniens über ihm. In diesem Fall wäre er aus dem Fenster gesprungen, pflegte er später im Familienkreise zu erzählen - wie sich seine Tochter mit Gruseln erinnert. "Es lastete ein großer Druck auf ihm", sagt Sarah Haffner über ihren Vater, "als so junger Mann eine fünfköpfige Familie ernähren zu müssen." Eigentlich seien beide Eltern durch die Emigration überfordert gewesen.

Immerhin ergatterte Haffner eine Stellung bei dem deutschsprachigen Emigrantenblatt "Die Zeitung", doch nach gut einem Jahr hatte er von den Querelen der diversen politischen Fraktionen genug und kündigte. Erneut arbeitslos kam ihm jetzt der Erfolg seines Buches "Germany: Jekyll and Hyde" zu Gute.

Thomas Mann pries das Erstlingswerk "von S. Haffner (Pseudonym?)" als "vorzügliche Analyse"; sowohl in Großbritannien, als auch in den USA erhielt es glänzende Rezensionen. Für Haffner entscheidend war allerdings, dass David Astor es in die Hände bekam, ein Spross der ursprünglich aus Walldorf bei Heidelberg stammenden New Yorker Immobilien-Dynastie und Sohn des Eigentümers der Wochenzeitung "Observer".

Astor stellte Haffner als freien Mitarbeiter für das in der britischen Politik äußerst einflussreiche Sonntagsblatt an, so wie er schon andere, vor allem deutschsprachige Emigranten angeheuert hatte. Isaac Deutscher, Richard Löwenthal oder Arthur Koestler schrieben für den "Observer"; George Orwell lieferte Literaturrezensionen. Auf den vielstündigen Redaktionskonferenzen ergingen sich Konservative und Sozialisten in ebenso kontroversen wie brillanten Diskussionen.

Es waren - quantitativ gesehen in jedem Fall - Haffners produktivste Jahre. Unter mehreren Pseudonymen wie "Ein Student aus Europa" oder "Liberator" schrieb er alles, was gerade gebraucht wurde, von Leitartikeln über Porträts bis zu Musikkritiken.

Gerade mal vier Jahre in England gelang ihm dabei seine "größte Lebensleistung", wie er es später zu Recht selbst bezeichnete, etwas, "worauf ich innerlich noch immer ein bisschen stolz bin". Er lernte statt in der deutschen Muttersprache auf Englisch zu schreiben.

"Germany: Jekyll and Hyde" hatte er noch auf Deutsch niedergeschrieben, doch schon während der Internierung hatte er Shakespeare und andere englische Klassiker verschlungen. Später las er sich wieder und wieder seine eigenen englischen Sätze vor, bis sie stimmig klangen. "Er hatte ein musikalisches Gehör", sagte der 89-jährige Astor noch kurz vor seinem Tod Anfang Dezember über die schnellen Fortschritte seines Schützlings.

"Er sprach ein gehauenes Englisch mit einem furchtbaren Akzent", sagt Oliver Pretzel, "aber er schrieb ein klares, klassisches Englisch". Zwar fehlte diesem Englisch die aus dem Berliner Feuilletonismus der zwanziger Jahre stammende Eleganz des Haffnerschen Deutschs, aber angesichts der sich überstürzenden Kriegsereignisse waren klare Analysen erst einmal wichtiger.

"Seine Fähigkeit zu denken", bewunderte David Astor, "seine Unabhängigkeit, seine Offenheit und Fairness in Diskussionen." Haffner wollte nie ein eigenes Büro in der Redaktion, sondern war mit einem Schreibtisch im Flur zufrieden. Gleichzeitig war er mit Mitte 30 zum einflussreichsten Mann des "Observer" aufgestiegen, einer schon damals sehr wichtigen, wenn nicht gar der wichtigsten liberalen Zeitung der westlichen Welt.

Die jetzt aus dieser Zeit veröffentlichten Artikel aus dem "Observer" erklären, warum Haffner eine solch einzigartige Karriere gelang. Er schrieb brillante Porträts der führenden Nazis wie Goebbels, Himmler oder Speer, wobei ihm sowohl die Erfahrungen in Deutschland als auch sein Beobachtungsvermögen und sein psychologisches Instrumentarium halfen. Hinzu kam sein erst später richtig zur Geltung kommendes historisches Interesse und Wissen sowie sein Talent für Ironie und Polemik.

"Stark dagegenhalten" sagte Haffner gerne, wenn er gegen die herrschende Meinung intervenieren wollte; fast durchgängig ist seinen Texten das Temperament anzumerken, mit dem der Autor seinen Standpunkt entwickelt und verteidigt. Oft beeindrucken seine Intuition und Weitsicht.

Im Jahr 1948 nimmt Haffner die britische Staatsbürgerschaft an und begreift sich als "virtueller Engländer". Die Familie lebt in einem viktorianischen Reihenhaus in Wimbledon. Es wird Englisch gesprochen; nur wenn die Eltern sich streiten, fallen sie ins Deutsche zurück. Haffner sieht sich zwar in der englischen Klassengesellschaft als Außenseiter, glaubt aber, dass er auf der Insel alt werden würde.

Dabei macht ihm jedoch sein Verleger einen Strich durch die Rechnung. Als David Astor 1948 aus der Armee zurückkommt und sich richtig in die Redaktionsgeschäfte einmischt, kommt es - bei aller Wertschätzung und Freundschaft - zu Konflikten.

War Haffner bis dahin der heimliche, aber unangefochtene Herrscher und Chefideologe des "Observer", muss er sich jetzt mit Astor abstimmen. Politische Differenzen brechen auf, und als Haffner nach einer Reise durch die vom McCarthyismus geprägte USA zurückkommt und meint, die Europäer müssten sich aus der Nato zurückziehen, ist die Sollbruchstelle erreicht.

Haffner geht 1954 zunächst als Deutschland-Korrespondent des "Observer" nach West-Berlin und trennt sich 1961 ganz von dem Blatt. "Ich wollte nicht, dass er London verlässt", sagte David Astor. Er bedauerte dies noch bis zu seinem Tod. "Haffner", so Astor "war einfach ein außergewöhnlicher Mensch."

Sarah Haffner: "Eine andere Farbe. Geschichten aus meinem Leben". Transit Verlag, Berlin 2001; 182 Seiten; 15,23 Euro (29,79 Mark).


Uwe Soukup: "Ich bin nun mal ein Deutscher - Sebastian Haffner. Eine Biographie". Aufbau-Verlag, Berlin 2001; 344 Seiten; 20,41 Euro (39, 92 Mark).


Sebastian Haffner: "Schreiben für die Freiheit. 1942 bis 1949: Als Journalist im Sturm der Ereignisse". Transit Verlag, Berlin 2001; 232 Seiten; 19,43 Euro (38 Mark).


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