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Fotograf Gregory Crewdson: Verliebt in die Kamera

Foto: Gregory Crewdson/ Gagosian Gallery

Fotograf Crewdson Das dunkle Unbewusste der USA

Die Fotos von Gregory Crewdson erinnern an David-Lynch-Filme: Sorgsam komponierte Szenen, in denen der US-Fotograf den amerikanischen Alltag inszeniert und seziert. Ihn treibt die Suche nach den eigenen Ängsten, nach einem Weg aus der eigenen Einsamkeit - und nach dem perfekten Bild.
Zur Person
Foto: Daniel Karp

Gregory Crewdson entstammt der New Yorker Punkrock-Szene, was, zumindest ästhetisch, in krassem Gegensatz zu seiner Arbeit als Fotograf steht. Mit ungewöhnlich hohem Aufwand und extrem detailversessen inszeniert der Sohn eines Psychoanalytikers seine Aufnahmen, die immer wieder die Brüche in der amerikanischen Gesellschaft thematisieren. Oft erinnern die assoziativen und bedrückend wirkenden Fotografien des 53-Jährigen an Filmszenen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, jeder Fotograf habe eine Geschichte zu erzählen - mit der Betonung auf "eine". Was ist Ihre "eine" Geschichte?

Crewdson: Wenn ich das wüsste, müsste ich keine Bilder machen. In meinem Kopf ist die Story undefiniert und dunstig - undurchdringlich. Mein Bedürfnis zu fotografieren, entspringt dem Drang, sie zu verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt große Themen, die sich durch Ihre Arbeiten ziehen.

Crewdson: Ich habe mich immer für Schönheit und Geheimnisse im Alltäglichen interessiert, für die psychologische Natur eines Bildes, dafür, wie meine Ängste und mein Begehren in meinen Fotografien aufscheinen. Bilder sind mein Mittel, um Sinn in der Welt zu suchen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Ängste und Begehren?

Crewdson: Ein großes Thema ist der Versuch, eine Verbindung herzustellen. Alle Fotografen fühlen sich in gewisser Weise einsam. Ein Bild zu machen, ist eine Art der Entfremdung, ein Art, sich von der Welt abzukapseln.

SPIEGEL ONLINE: Da spricht der Sohn eines Psychoanalytikers.

Crewdson: Zweifellos hat der Umstand, dass mein Vater Analytiker ist, meine Weltsicht geprägt. Er hat sich uns gegenüber nicht als Psychiater benommen, aber er war sehr präsent, zumal sich seine Praxis im Untergeschoss unseres Hauses befand. Wir waren indirekt täglich Zeugen seiner Arbeit, wir sahen die Patienten kommen und gehen. Und wenn es eine Familienangelegenheit zu besprechen gab, sind wir in seine Praxis gegangen. Das war keine Therapiesitzung, aber es gab doch diesen eigentümlichen Ort - im sicheren Heim, in gewisser Weise aber auch davon abgetrennt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern merkt man das Ihrer Arbeit an?

Crewdson: Psychiater haben eine gewisse Distanz zur Welt und gleichzeitig eine gewisse Empathie. Was ich von meinem Vater übernommen habe, war diese Kombination aus Distanz und Intimität. Meine Bilder zeigen intime Momente, aber aus der Entfernung.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie eigentlich zur Fotografie gekommen?

Crewdson: Mein Vater hat mich zu einer Diane-Arbus-Retrospektive mitgenommen. Ich war zehn Jahre alt, und der Besuch hat mir eine Ahnung davon verschafft, welche Kraft Bilder entfalten können. Aber erst im College habe ich angefangen zu fotografieren. Ich hatte mich in ein Mädchen verliebt und bin ihr in einen Fotokurs gefolgt. Meine erste Lehrerin war die bekannte Fotografin Laurie Simmons - und meine Verliebtheit übertrug sich sofort von meiner Mitschülerin auf die Lehrerin. Und als ich meine ersten Fotos gemacht hatte, wechselte die Verliebtheit auf die Fotografie über.

SPIEGEL ONLINE: Und was entfachte diese Liebe?

Crewdson: Die Stille. Darin unterscheiden sich Fotos fundamental von Filmen oder Literatur. Außerdem ist der Aspekt des Eingefrorenseins besonders kompatibel mit meiner Art des Denkens. Ich bin Legastheniker und stille Bilder ergeben einfach mehr Sinn für mich. Ich denke in stillen Bildern und weiß, wie ich sie zu lesen habe.

SPIEGEL ONLINE: Ironischerweise werden Ihre Arbeiten aber oft mit dem Adjektiv "filmisch" belegt.

Crewdson: Ich habe Filme immer geliebt, ich studiere sie sehr genau - ich könnte aber niemals einen machen. Diese lineare Art und Weise des Arbeitens wäre mir völlig fremd. Mich fasziniert es eher, Geschichten in einem einzigen Bild zu erzählen, statt im Zeitverlauf.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie einen Film auswählen müssen, der Sie und Ihre Arbeit besonders geprägt hat, welcher wäre das?

Crewdson: "Blue Velvet" von David Lynch. Dieser Film hat mich definiert. Ich habe ihn als Student in Yale gesehen und erinnere mich, wie tief es mich bewegt hat, wie der Film die amerikanische Umgangssprache benutzt, um etwas Dunkles und Unheimliches freizulegen. Ich stand auch total auf den Look, den Einsatz von Licht und Dunkelheit. Ich behaupte nicht, dass "Blue Velvet" der beste Film aller Zeiten ist. Aber der Film, der mich am meisten geprägt hat.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Arbeiten erinnern auch an zwei frühere Regisseure: Ich denke an die Innenaufnahmen von Ozu Yasujiro oder an Orson Welles' "Citizen Kane".

Crewdson: Auf jeden Fall - beide sind wichtige Einflüsse. Nehmen Sie die Art und Weise, wie Welles die Tiefe des Raumes nutzt, diese großartige Tiefe. Jede Story bekommt so mehrere Ebenen, alles bedeutet etwas.

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Foto: seen.by

SPIEGEL ONLINE: Ozu galt als perfektionistisch - ein Adjektiv, das viele auch für Ihr Werk verwenden.

Crewdson: Natürlich tue ich alles, was ich kann, um das perfekte Bild herzustellen. Zugleich weiß ich, dass Perfektion nicht erreichbar ist. Viel von der Spannung und dem Mysterium der Fotografie liegt genau darin begründet: Ich habe den Wunsch, das perfekte Bild in einem Standfoto zu schaffen - und weiß, dass es unmöglich ist. Das treibt mich an, weiterzumachen.

SPIEGEL ONLINE: Dabei ist Frustration programmiert.

Crewdson: Frustration ist entscheidend, wenn man Kunst machen will. Denn Kunst zu machen heißt, etwas zum Leben zu erwecken - und es gibt immer etwas, was dagegensteht. Seien es Kameraprobleme oder schlechtes Wetter. Die Frustration - und die Lösung! - sind für meinen Arbeitsprozess fundamental.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Ihrer Bilder zeigen menschliche Subjekte, aber in einer entrückten Weise. Wie nehmen Sie Bezug auf diese Menschen? Während eines Shootings, aber auch konzeptionell?

Crewdson: Wir veranstalten ein Casting. Und wir geben Ihnen eine Beschreibung des Bildes vor der Session. Ich möchte aber möglichst keinen Kontakt außerhalb der Produktion mit ihnen. Ich möchte meine Darsteller nicht kennen, ich sollte Ihnen sogar in gewisser Weise fremd sein, denn ich möchte, dass dieses Gefühl der Distanz im Bild ganz deutlich wird.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt tatsächlich wie ein Analytiker, der seine Beziehung zu Patienten beschreibt - intimste Themen, größtmögliche professionelle Distanz.

Crewdson: Absolut!

Das Interview führte Marc Erwin Babej