Seitensprung-Debatte in Berlin Geis oder geil?

Seitensprung als der beste Weg zur Selbsterkenntnis. Unter dem Motto "Treue ist vergebliche Liebesmüh" diskutierte Jörg Thadeusz in Berlin mit Experten wie Desiree Nick und Norbert Geis von der CSU über die Frage: Sex - besser in der Beziehung oder in der Abstellkammer?

DDP

Das Ergebnis des Disputs, droht Moderator Jörg Thadeusz, werde man selbstredend an die Paarberatungsstellen des Landes, und auch an die katholische Kirche weitergeben. Na, die können was erleben. Dabei ging es harmlos los, mehr oder weniger, je nach Tierchen/Plaisierchen: Die These "Treue ist vergebliche Liebesmüh'" steht auf der Leinwand, die im Berliner Meistersaal hinter der Bühne hängt.

Die mehr als 200 Zuschauer haben kleine Geräte, die aussehen wie Röhrenfernbedienungen, in der Hand und lassen sich die Bedingungen dieses öffentlichen Streitgesprächs erklären: Drei mal während des Schlagabtauschs der acht Disputanten darf man über obige These abstimmen, drei Mal also seinen anonymen Senf dazugeben, ob man Treue (sexuelle soll es wohl sein, über die genauen Definitionen wird später noch gestritten) als elementar für eine Paarbeziehung erachtet, oder eher nicht. Und der Hammer wäre ja, das lässt Thadeusz durchblicken, wenn am Ende ein anderes Ergebnis als vor der Diskussion herauskäme.

Das Format, das sich nicht mit leidiger Senderplatzsuche, hohen Produktionskosten und Quotendruck aufhält und schlichtweg ganz ohne Fernsehen auskommt, stammt aus England, wo die Streitkultur eine bessere sei, hatte die Importeurin Jutta Falke-Ischinger anfangs geschwärmt. Aber vielleicht können auch Deutsche streiten lernen. Und man will ja gern mitmachen, tippt also die Pro-, Contra- oder Enthaltungs-Taste, versucht, kurz beim Sitznachbarn zu spicken, wie er es so hält, wird aber mit einem vorwurfsvollen Anti-Abschreib-Blick bedacht, und voilà: nur 29,1 Prozent der Anwesenden halten Treue tatsächlich für vergebene Liebesmüh, 61, Prozent glauben an die Tugend, und 9,7 Prozent, ähm, gucken erst mal. Abwechselnd dürfen die Disputanten nun ihre Thesen und Begründungen ausführen, dreieinhalb Minuten hat jeder dafür.

"Untreue ist für Anfänger"

Professor Doktor Eckart Voland, Anthropologe aus Gießen, wirft den ersten Stein aus der Untreue-Ecke: Nur 16 Prozent aller je untersuchten Gesellschaften hätten sich auf Monogamie geeinigt. Außerdem, sagten die Biologen, sei sexuelle Anziehung ohnehin nicht bewusst kontrollierbar. Und Evolution sei nun mal eh ein "außermoralischer" Vorgang (wobei man dieses hübsche Adjektiv unbedingt in den aktiven Wortschatz hinüber schieben sollte). Mit anderen Worten: Der Mensch ist untreu, um möglichst viele Gene zu hinterlassen, denn Reproduktion liegt ihm näher als Eheversprechen.

Schnell rüber zu den Treuen. Norbert Geis, MdB für die CSU, hat auch eine Umfrage gelesen, darin: Treue sei extrem wichtig, auch schon für junge Leute. Treue schaffe den Raum für die Liebe, und jetzt wäre eigentlich die Definition fällig, denn dass es hier anscheinend nicht allen um rein sexuelle Treue geht, stört zuweilen die Verständigung. Aber andererseits kann man die Plädoyers auch einfach mal fließen, und Geisens Wort zum Sonntag ausklingen lassen.

Wieder zu den Tunichtguten: Der Paarberater und Autor Michael Mary schmeißt gleich eine Handvoll Thesen in den Saal, Sätze wie aus dem "Brigitte"-Psycho-Ressort, mit ähnlichem "ist aber was dran"-Effekt: "Untreue hilft bei der Selbsterkenntnis", "Untreue hilft bei der Rückeroberung verlorenen Selbstbewusstseins" etwa, oder "Untreue rettet erstarrte Beziehungen", und das ist die Krönung: Mit dem Blick auf die nächsten Redner, das Ehepaar Zurhorst, das Beziehungscoaching betreibt, Paarbücher schreibt und auf Treue schwört wie ein Angeklagter auf die Bibel, habe schließlich nach Eigenaussage auch erst nach dem Seitensprung von Herrn Zurhorst seine Erkenntnisse gewonnen. So! Da hat sich die Untreue aber mal so richtig von ihrer besten Seite gezeigt!

Eine Diskussion, die wuschig macht

Etwas konsterniert stehen folgerichtig dann die Eheleute am Mikrophon, und erzählen davon, dass Herrn Zurhorst Seitensprünge immer zuwenig waren (also nicht in Anzahl, sondern in Effekt), denn man sei ja viel mehr als nur ein Partner für ein bisschen Sex in der Abstellkammer, und Frau Zurhorst weiß aus Erfahrung, dass ein wirklich ausgefülltes Sexleben nur in der Beziehung geht. Und wie die beiden da so traut parallel lächelnd die Parole "Untreue ist für Anfänger" ausgeben - und wahrscheinlich "True Love" von Bing Crosby als Klingelton eingespeichert haben - ist es fast schade, dass man nicht einen von beiden später total betrunken in einer Hotelbar aufreissen, und damit die Dramaturgie einer guten HBO-Serie vorwegnehmen kann: Es macht einen ja immer ein bisschen wuschig, wenn Menschen von ihrem eigenen Weg zum Glücklichsein auf andere schließen. Das ist übrigens auch das gleiche Problem, das einem Prediger jeglicher Glaubenskajüten bereiten.

Aber jetzt steht da ja auch schon Desiree Nick, und zetert in der ihr eigenen Unterhaltsamkeit über die Treue, diese "bourgeoise Fantasie des Biedermeier". Beziehungen sind dynamisch, sagt sie, und darum morphe ein festes Konstrukt wie die lebenslange Traue eben eventuell irgendwann in eine lebenslange Lüge.

Was hat der letzte Treuefreund dagegen zu sagen? Professor Hans Bertram, Soziologe von der HU Berlin? Der schmuggelt glatt das Thema Kinder in die Diskussion, was, wenn man es genau nimmt, in etwa das Pendant zu illegal mit Metallfüllung frisierten Boxhandschuhen ist: Ein Totschlagargument, das hier nichts zu suchen hat. Ja, WENN einer Beziehung Kinder entstammen, und WENN die Beziehung wegen der Untreue eines der Partner zu ende geht, und WENN das Kind dann in seinen Grundsätzen erschüttert, traumatisiert ist, DANN... Aber wer sagt denn - und das wäre vielleicht ebenfalls besser zu definieren gewesen -, dass man Untreue plötzlich nicht mehr heimlich betreiben soll? Also Akzeptanz von offen ausgelebter Untreue ist vielleicht wirklich eher etwas für sehr weit Fortgeschrittene, auch wenn das Ehepaar Zurhorst dazu im Takt die Köpfe schütteln würde.

Chapeau, Ihr treulosen Tomaten

Auf der Untreueseite hält jedenfalls jetzt noch der Grüne MdB Volker Beck die Fahnen für das "Sich aufeinander Verlassenkönnen" hoch - und schwenkt diese virtuell mit den Worten: "Leben Sie so, wie Sie wollen". Was dem einen die verlässliche Partnerschaft, ist der anderen eben die ganzheitliche Exklusivität im Bett.

Puh, Plädoyers zuende, Stimmung aufgeheizt, Thadeuzs lässt das zweite Mal über die These abstimmen, behält das Ergebnis aber für sich. In kurzen, scharfen Worten beharken sich hernach die Teilnehmer, Geis ist sauer weil Thadeusz ("gegen die Abmachung!") den Parteikollegen (und untreuen Ehemann) Seehofer erwähnt hat, Nick nimmt das Stichwort dankbar auf und tönt gegen Bigotterie, das Team Zurhorst und das Team Mary kabbeln sich, wie vielleicht bei Paartherapeuten mit unterschiedlichen Ansichten und Buchverkaufserfolgen üblich.

Von den Zuhorsts kommen ein paar Vorstöße gegen Internetpornografie, die "direkt am Herzen vorbei" in die Lenden schießen würde. Ja aber, ist das denn nicht gerade das Geile daran?! Kurz kommt das Publikum zu Wort und will einerseits dem Partner genügen, andererseits Sex nicht so wichtig nehmen. Und auch das 100-sekündige Schlussplädoyer fällt unterhaltsam aus: Geis zum Beispiel verknüpft die Treue ganz stark mit den Grundmauern der Gesellschaft, und man sieht auf der anderen Seite schon Sodom und Gomorrha verführerisch winken, diese Deibel.

Dann aber endlich die Schlussabstimmung: Chapeau für die treulosen Tomaten, denn tatsächlich hat sich das demagogische Bild gewandelt, jedenfalls im Meistersaal. Eine Mehrheit von 49 Prozent würden die These jetzt nicht mehr unterschreiben, 41,7 Prozent hören nach wie vor "True Love", die Nichtwähler bleiben in etwa gleich. Der ebenfalls gleichbleibend unterhaltsame Moderator reisst noch ein paar FDP-Witze, und am besten macht man sich vor dem Sektempfang vom Acker.

Sonst endet der Abend noch sonst wo.



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