Selbstmord-Debatte bei Anne Will "Ich frage mich bis heute, warum er das getan hat"

Sterbehilfe für Todkranke, Adolf Merckles Selbstmord, Hitler und Euthanasie - bei Anne Will wurde zusammengeworfen, was nicht unbedingt zusammengehört. Roger Kusch war zufrieden: Der Erfinder des "Selbsttötungs-Automaten" dominierte die Debatte, die eigentlich zu komplex ist für 60 Minuten.

Eigentlich sollte Anne Will über die Bomben in Gaza diskutieren. Doch dann kam die Nachricht vom Selbstmord des Pharma-Milliardärs Adolf Merckle. Die Redaktion änderte kurzfristig Thema und Gästeliste, und so lief die Sendung am Sonntagabend unter dem Titel: "Tabu Freitod - wer hat das Recht, Leben zu beenden?"

Der umstrittene Sterbehelfer Roger Kusch nutzte den Selbstmord des Großunternehmers, um seine Geschäftsidee - Suizidbegleitung auf Bestellung - erneut zu propagieren. Im vergangenen Sommer war er noch als "Todesengel" durch die Talkshows gereist, Plasberg und Friedman versuchten mal mehr, mal weniger erfolgreich, ihn vor der Kamera bloßzustellen. Eine Einladung in Anne Wills Studio blieb Kusch verwehrt. Bis jetzt.

Der Rechtsanwalt, der einen "Selbsttötungsautomaten" entwickeln ließ, begleitete nach eigenen Angaben fünf Menschen bei ihrem Selbstmord, seinen Klienten berechnet er mehrere tausend Euro. Kuschs Antwort auf die Frage, ob man einem Menschen beim Sterben helfen darf, lautete: Man darf nicht nur, man muss sogar. Jeder, ob krank oder nicht, hat das Recht auf einen "Tod in Würde".

Mit in der Runde saß der Publizist und Filmemacher Oswalt Kolle, der seine krebskranke Frau Marlies in den Niederlanden in den Freitod begleitete. Auch er hatte eine Anwort: Sterbehilfe ist richtig, weil manchmal keine andere Wahl bleibt. "Hühner haben mehr Anspruch auf Freiraum als Menschen im Altersheim."

Der Augsburger Bischof Walter Mixa, der Ursula von der Leyen einst vorwarf, mit mehr Kindergartenplätzen die Frau zur "Gebärmaschine" zu degradieren, gab sich bei Anne Will ungewohnt handzahm. Seine Antwort: Gott. "Keiner außer Gott darf über Leben bestimmen", sagte Mixa in der Sendung. "Die Kirche muss für verzweifelte Menschen beten", predigte er, "ihnen mit Barmherzigkeit in der Misere beistehen."

"Darf ich Ihre Hand halten?"

Doch was ist, wenn der Beistand zu spät kommt, wenn die Verzweiflung stärker ist? Will fragt, ob es eine Sünde ist, sich das Leben zu nehmen. Mixa weicht aus, spricht von verlorener Liebe. "Ich hab's nicht verstanden", hakt Will nach. "Ja, es ist eine Sünde", sagt Mixa schließlich. "Eine Haltung gegen die Liebe zu Gott, gegen das eigene Dasein, gegenüber den Nächsten."

Oswalt Kolle bleibt unbeeindruckt. "Ich bin ein echter Heide", gesteht er. Walter Mixa lächelt angestrengt. Die Kamera zoomt auf die goldene Kreuzkette, die schwer auf dem Gewand des Bischofs ruht. "Jeder muss Abschied nehmen können auf die Weise, die er für richtig hält.", sagt Kolle bestimmt.

Doch so leicht lässt sich der Kirchenmann nicht aus der Diskussion drängen. Plötzlich greift Mixa die Hand von Anne Will und hält sie fest. Verzweifelte Menschen hätten niemanden, der sie an die Hand nimmt, "ich darf das jetzt bei Ihnen mal tun, Frau Will." Die Gastgeberin schaut irritiert und wendet sich Roger Kusch zu: "Warum nehmen Sie die schwer kranken Menschen nicht an die Hand?"

Kusch erzählt von einem seiner Klienten, erkrankt an Multipler Sklerose. Nicht einsam, aber in Panik. Davor, seinen Körper bald nicht mehr bewegen zu können, vor allem aber vor dem Pflegeheim.

"Hätten Sie ihm nicht die Angst nehmen müssen statt des Lebens?", fragt Will. "Er hat sich selbst das Leben genommen", antwortet Kusch, "er hatte Angst." Und fügt mit einem Seitenblick auf den Bischof hinzu: "Auch die Gnade des Herren führt nicht dazu, dass man beide Hände wieder bewegen kann."

"Sie helfen aber auch Menschen, die nicht todkrank sind", fragt Will weiter, "Sie begleiten auch Menschen, die unter dem Leben leiden, oder?" Kusch: "Dieser Mann hatte ein jahrelanges, unerträgliches Leben vor Augen."

Der Bischof schüttelt den Kopf.

Kusch ist zufrieden - er ist endgültig Teil der Debatte

So sehr sich Anne Will auch bemüht, den Sterbehelfer aus der Reserve zu locken: Kusch wirkt in ihrem Studio selbstsicherer denn je. Während der Vorstellungsrunde schaut er lange in die Kamera. Dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt, zählt nicht, zumindest nicht im Moment. Kusch ist zufrieden.

Die gesellschaftliche Diskussion zur Sterbehilfe läuft nicht mehr nur über ihn, sondern mit ihm - selbst anlässlich eines Falls wie Merckle, bei dem der Zusammenhang zur Angst vor dem Altenheim oder zu tödlichen Krankheiten fern liegt.

Zur Erinnerung: Der Industrielle hat sich wegen seiner Fehlspekulationen umgebracht, aus Scham über seinen Niedergang - nicht aus Angst vor langsamem Siechtum.

Die Regelungen zur Sterbehilfe in Deutschland

Die Grüne und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt tritt in der Runde für mehr Hospize und einen Ausbau der Palliativmedizin ein. Ihre Antwort: Man müsse den Menschen ernst nehmen, nicht seinen Wunsch nach Selbstmord. "Außer man will Geld verdienen wie Sie, Herr Kusch", sagt sie kühl.

Der katholische Bischof, der Skandalsterbehelfer, die Politikerin, der Publizist. Sie alle haben ihre eigene Antwort auf Leben und Tod. Einmal droht die Diskussion zu entgleisen, als Kolle den Begriff der Euthanasie verteidigt. "Hier in Deutschland wird immer der Unsinn verbreitet, Hitler hätte Euthanasie betrieben", poltert Kolle, "das waren aber Mörder, keine Sterbehelfer." Anne Will kann ihn nur mit Mühe wieder in die Sachdebatte zwingen.

Dass es unmöglich ist, eine derart kontroverse Debatte in 60 Sendeminuten abschließen zu können, zeigt der einzige nicht-prominente Studiogast. Als Göring-Eckardt den Leistungsdruck der Gesellschaft anprangert, holt die Gastgeberin Marion Weidner in die Runde, eine Mutter, deren Sohn Alex sich mit 20 an seinem Arbeitsplatz erhängte. "Stand Ihr Sohn unter Druck, Frau Weidner?"

Marion Weidner sagt, dass sie mit Worten wie Sünde oder Druck nichts anfangen könne. Gefasst beschreibt sie, wie sie die Abschieds-SMS ihres Jungen las. Sie soll sich keine Vorwürfe machen, stand drin. Und dass sie sich in der Ewigkeit wiedersehen werden.

Geahnt habe sie nichts, sagt die Mutter, die versucht hat, ihre Ratlosigkeit in einem Buch zu verarbeiten. Ja, sicher, Alex habe Liebeskummer gehabt und auch Geldprobleme. "Aber ich frage mich bis heute, warum er sich wirklich das Leben genommen hat."

Ihre Antwort: Sie hat keine.

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