Senioren-Protest Gegen infantilen Jugendkult im TV

Im September muss Jürgen Fliege der Telenovela "Sturm der Liebe" weichen - der ARD waren die Quoten zu schlecht. Die Senioren-Union sieht im Absetzen des 58-jährigen Fernseh-Pfarrers einen gefährlichen Trend - und mobilisiert zum Protest.


Fernseh-Pfarrer Jürgen Fliege: Seine Talkshow wird Mitte September abgesetzt
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Fernseh-Pfarrer Jürgen Fliege: Seine Talkshow wird Mitte September abgesetzt

23 Jahre ist Henriette Richter-Röhl alt. Ab Mitte September wird sie als Laura Mahler in der ARD-Telenovela "Sturm der Liebe" inmitten einer malerischen Berglandschaft eine ebenso "stürmische wie komplizierte Liebe erleben", heißt es auf der Homepage des Senders. Fernsehpfarrer Jürgen Fliege muss der "jungen, talentierten Konditorin aus Ostdeutschland" weichen. Er war der ARD zu alt und vielleicht auch nicht mehr stürmisch genug. Immerhin ist Fliege schon 58, und die Quoten waren nicht mehr berauschend.

Elf Jahre war "Fliege!" im Nachmittagsprogramm der ARD zu sehen. Und so soll es auch bleiben - zumindest wenn es nach der Senioren-Union geht. "In den Rundfunkanstalten herrscht ein infantiler Jugendkult", sagte deren Bundesvorsitzender, Prof. Dr. Otto Wulff, zu SPIEGEL ONLINE. "Die Leute in den Rundfunkanstalten sollen endlich erwachsen werden", fordert er.

Morgen wollen Senioren auf Initiative des Internetportals Generation 50plus, der Dr. Ingeborg Gebert-Heiß Stiftung, des Instituts für Senioren Ökonomie und der Senioren-Union in Berlin vor dem Hauptstadtbüro der ARD gegen das Absetzen der Sendung protestieren.

"Schon die alterdiskriminierenden Rauswürfe von Max Schautzer und Karl Moik, die das 60. Lebensjahr überschritten hatten, waren skandalös", erklärt Wulff. "Wenn nun der 57-jährige Jürgen Fliege zum Opfer fällt, dann muss konsequenterweise zur Einschaltquoten-Steigerung die 'Tagesschau' zur Schröder-, Müntefering-, Lafontaine- und Stoiber-freien Zone erklärt werden, denn die sind ja alle über 60."

Die Rundfunkanstalten sollten die Interessen aller Altersgruppen ansprechen und auch die Wünsche der älteren Menschen berücksichtigen. Die Programmdirektoren, so Wulff weiter, seien hingegen einem Jugendwahn verfallen. Dabei sei die Gesellschaft auf die Kompetenz der Älteren angewiesen. "Es ist eine Verblödung des Menschen zu glauben, dass er nicht älter wird", kritisiert Wulff das Vorgehen der ARD.

Friedhelm Görgens, Pressesprecher der Senioren-Union, betont, dass es bei der Aktion in Berlin nicht darum gehe, ob man Fliege gut oder schlecht fände - sondern um die Art des Vorgehens. "Es geht um den Grundsatz: Jetzt ist schon 57 zu alt, bald ist 47 zu alt, und irgendwann ist 40 zu alt," sagte Görgens.

Es sei auch nicht die Absicht des Protests, sich gegen die Jungen auszusprechen. Der 24-jährige Florian Silbereisen solle ruhig eine Volksmusiksendung moderieren. "Mir selbst ist das sowieso recht egal, ich bin Rolling-Stones-Fan", sagt Görgens. "Aber im deutschen Fernsehen dürften die jetzt ja wahrscheinlich auch nicht mehr vorkommen. Ein Aberwitz."



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