Serdar Somuncu über die Wiedervereinigung "Man kann demonstrieren. Und wenn man will, kann man dabei sogar 'Wir sind das Volk' brüllen"

Wo steht Deutschland 30 Jahre nach dem Mauerfall? Der Kabarettist Serdar Somuncu darüber, warum er sich bei Besuchen in der DDR als Türke statt als Wessi fühlte - und, was Integration für ihn bedeutet.
Von Christian Bock
Serdar Somuncu: "Da entstand plötzlich ein Konsumdruck"

Serdar Somuncu: "Da entstand plötzlich ein Konsumdruck"

Foto: Felix Kästle/ DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Somuncu, 1989 waren Sie Anfang 20, noch in der Ausbildung. Wann haben Sie sich zum ersten Mal als Wessi wahrgenommen?

Somuncu: Das war erst nach der Wiedervereinigung. Als ich vor 1989 im Osten auftrat, fühlte ich mich eher als Türke. In der BRD gab es bilaterale Abkommen mit der Türkei und deshalb auch viele Gastarbeiter, und ich war damals noch türkischer Staatsbürger und fühlte mich noch eindeutiger.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre Erinnerungen an diese Reisen?

Somuncu: Es gab da Kulturfestivals, bei denen sich Künstler aus Westdeutschland und anderen europäischen Ländern mit Künstlern aus der DDR treffen sollten. Ich habe die Atmosphäre als sehr offen empfunden und eine Mentalität kennengelernt, die bei Weitem nicht so ist, wie es heute im Rückblick gewertet wird: Natürlich war es nicht so, dass alle ideologisch verbrämt waren oder das System Stasi alles verseuchte. Es war eine Phase des Aufbruchs, in der vieles möglich war, so kurz vorm Mauerfall. Die heftigen Eindrücke kamen dann für mich eher in der Zeit zwischen dem Mauerfall und der Wiedervereinigung.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit genau?

Somuncu: Da wurde der Osten ja überschwemmt von Goldgräbern, die einfach rübergemacht hatten, um ihre Geschäfte anzukurbeln. Viele Türken aus West-Berlin haben zum Beispiel Dönerbuden eröffnet auf dem Marktplatz in Frankfurt an der Oder und die Ostdeutschen nahmen das dankbar an, weil für sie Döner etwas vollkommen Exotisches war. Aber unter diesen Goldgräbern waren eben auch Leute, die es nicht so gut gemeint haben. Leute, die Immobilien vermarktet haben. Einer meiner ersten Eindrücke nach dem Mauerfall war, dass überall Werbeplakate hingen. Da entstand plötzlich ein Konsumdruck gemischt mit einer ideologischen Überschwemmung durch den Westen - als Betrachter empfand ich das als sehr anstrengend.

SPIEGEL ONLINE: In einer Dokumentation, in der auch Sie zu Wort kommen, zieht SPIEGEL TV 30 Jahre nach dem Mauerfall Bilanz. Wie fällt Ihre aus?

Serdar Somuncu: Ich würde es mit einem abgewandelten Helmut-Kohl-Zitat sagen: "Vieles ist besser geworden, einiges schlechter." Ich denke, dass es den Menschen in Ostdeutschland auf jeden Fall besser geht. Materiell, aber auch in Sachen Freiheit. Man kann sagen, was man denkt. Man kann ja heute unbehelligt auf die Straße gehen und demonstrieren. Und wenn man will, kann man dabei sogar "Wir sind das Volk" brüllen. Es gibt eben auch eine zunehmende Frustration und eine Extreme innerhalb der Bevölkerung - und das aber nicht nur im Osten, sondern auch in anderen Teilen Deutschlands. Das ist auch der unzulänglichen Aufarbeitung der Wiedervereinigung zu verdanken.

SPIEGEL ONLINE: Was ist schief gelaufen?

Somuncu: Die Westdeutschen sind nicht daran gewöhnt worden, dass es einen zweiten Teil Deutschlands gibt, der ideologisch anders geprägt ist. Sie mussten nicht mit großen Veränderungen umgehen, das kam erst später. Die Kommunikation ist auf beiden Seiten schief gegangen. Das, was real passierte, war eben keine Assimilation oder Angleichung. Es war das Zusammenwachsen zweier grundlegend unterschiedlicher Länder, und dafür braucht es Kommunikation. Übrigens nicht nur von der Bevölkerung, sondern auch von der Politik.

SPIEGEL ONLINE: Hätte also der Westen den Osten anders integrieren müssen?

Somuncu: Integration ist für mich so ein Schlagwort, bei dem nie klar ist, was es genau bedeuten soll. Manchmal ist Integration die Forderung der Mehrheit, dass die Minderheit sich anpassen soll. Manchmal ist Integration ein Aufeinanderzugehen. In diesem Falle glaube ich, ist und war erforderlich, dass beide sehr unterschiedlich geprägte Systeme erst einmal aufmachen und sich hinterfragen: Was an dem, was bisher geschah, war gut? Und was an dem, was vor uns liegt, kann besser werden? Das ist nicht passiert. Heute ist außer dem grünen Ampelmännchen und dem Rechtsabbiegerpfeil nicht viel übriggeblieben von der DDR. Klar hat sich der Westen schnell das, was gut war, ans eigene Revers geheftet; das gilt auch für Menschen, Katharina Witt, Fußballer, Weltmeister. Aber das Bewusstsein, dass der Osten einen eigenen Platz einnehmen muss, hat bis heute nicht eingesetzt. Noch immer ist der Osten ein Fremdkörper.

ZDF / SPIEGEL TV

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das konkret fest?

Somuncu: Zum Beispiel daran, dass immer das, was man selbst nicht sein will, auf den Osten projiziert wird: Dass etwa Rechtsextremismus als Problem des Ostens erzählt wird. In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung, in denen ich in der ehemaligen DDR auftrat, hatte ich eher das Gefühl, dass das Bewusstsein gegen rechts viel stärker ausgeprägt war als im Westen: In Bremerhaven zum Beispiel zog die DVU ja Anfang der Neunzigerjahre ins Stadtparlament ein, war auch durchaus stark in den Bundesländern. Da war Rechtsextremismus einfach vorhanden und man ging irgendwie damit um.

SPIEGEL ONLINE: Und im Osten?

Somuncu: Da war das anders. Die Menschen hatten große Angst vor Rechtsextremismus, weil es sich um ein tabuisiertes Thema handelte, gleichzeitig war rechtes Denken auch eine große Verlockung, weil es die Möglichkeit zum Widerstand gegen das Establishment bot. Und ja: Natürlich spielte hier auch eine Identitätssuche eine Rolle - es war ja auch eine Zeit der Orientierungslosigkeit.


Der zweite Teil der Dokumentation "Deutschland Bilanz", produziert vom ZDF und SPIEGEL TV, beleuchtet am 8. August um 22.15 Uhr im ZDF, was in Ost und West an Traditionen geblieben ist.