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03. Februar 2018, 08:53 Uhr

Umbruch der Machtverhältnisse

Das Schreien der Männer

Eine Kolumne von

Frauen nerven, sagen die, die den Zustand der Ungleichheit zu erhalten versuchen. Sollen sie. Die Ablösung alter Verhältnisse funktioniert eben nicht mit Höflichkeit.

Die positive Sicht auf die Welt, der ich mich zutiefst verpflichtet fühle, könnte bedeuten: Die verbalen Entgleisungen einiger, ihr Hass, die Sehnsucht nach Stärke und Sichtbarkeit, sie sind der erfreulichen Entwicklung des Lebens zuzuschreiben.

Was viele gerade als Backlash wahrnehmen, ist nicht mehr als ein ratloser Versuch, den Status quo der Ungleichheit zu erhalten. Mein großes Verständnis dafür. Es ist nicht einfach, Macht abzugeben. Es ist verwirrend, plötzlich verschiedene Geschlechter oder gar deren Uneindeutigkeit mitdenken zu müssen. Es ist unerfreulich, auf klare Ansagen, die man als Führungsperson gewohnt war, Widerspruch zu bekommen.

Ich weiß, wovon ich rede. Ich hasse Widerspruch. Er hält einen in seinem absolut überlegenen Denkprozess auf. Es ist nicht einfach zu akzeptieren, dass Menschen gleichen Geschlechts heiraten. Inzwischen in 20 Ländern. In einigen Bereichen überwiegt die Anzahl von Frauen in Führungspositionen. In vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens werden Ungerechtigkeiten und gruppenbezogenes Komplettversagen sichtbar.

Man kann an der #MeToo-Kampagne herumnörgeln - was auch geschieht, was auch in Ordnung ist -, und doch ist sie nur eine weitere kleine Aktion im Kontext eines revolutionären Umbruchs von Machtverhältnissen, und das nervt mitunter, ermüdet, langweilt. Und das wird nicht die letzte ermüdende Aktion gewesen sein. Shit happens, wenn eine Hälfte der Weltbevölkerung als zweitrangig behandelt wird. Irgendwann ist halt gut. Irgendwann wird es Zeit, etwas Neues zu probieren.

Es lief doch recht behaglich - sagen die Männer

Der immer wieder gehörte Vorwurf, dass Frauen nerven, dass sie Wut und Argumente nicht trennen können - ja nun. Die Ablösung alter Systeme erfolgt nicht durch Höflichkeit. Einigen Frauen wie Männern ist nicht einsichtig, warum sich irgendetwas ändern muss auf der Welt. Es lief doch recht behaglich, so wie es bisher nie war. Mit klar verteilten Zuständigkeiten. Mit der Herrschaft der Männer über den weiblichen Körper, ihrer Macht zu deuten, zu strafen, ihrer Macht über Finanzen und Produktionsmittel.

Zu diesem für Teile der Bevölkerung angenehmen Zustand gibt es keinen Weg zurück. Die Steinzeit hat sich auch nicht halten können. Irgendwann setzt sich selbst bei der Spezies Mensch die Intelligenz durch, und intelligent ist es, zu erkennen, dass eine gleichberechtigte Gesellschaft in jeder Hinsicht für alle angenehmer ist.

Geteilte Verantwortung, gebremster Wettbewerb unter Männern, ausreichend Schlaf, freundlicheres Arbeitsklima und vor allem nachweislich mehr Effektivität und Umsatzzuwachs in Unternehmen, die relativ gleichberechtigt besetzt sind, sind eigentlich gute Argumente genug. Aber.

Es fällt den meisten Menschen sehr schwer, Gewohnheiten zu verändern, selbst wenn man weiß, dass sie schädlich sind. Veränderungen benötigen Geduld und immer wieder Momente der guten Laune, um durchzuhalten. Schauen wir uns die diesjährigen Modenschauen in Paris an, und gehen davon aus, dass ModedesignerInnen immer einen hervorragenden Sinn für gesellschaftliche Veränderungen haben, dann beobachten wir erfreut ein neues Männerbild. Männer, die endlich schöne Kleidung tragen und Spaß haben dürfen.

Stellen wir uns nun AfD-Mitglied Jongen oder einige wütende Männer der Backlash-Bewegung in so einem attraktiven Gewand vor, dann ahnen wir, wie sich die Welt ändern wird. Sie wird lustiger. Bunter. Und in anderen Bereichen genauso blöd wie bisher. Weil wir leider Menschen sind.

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