Georg Diez

Sexismus-Debatte Hauptsache, es ist laut und krass

Die Gegenbewegung zu #MeToo ließ nicht lange auf sich warten: Reaktionäre Journalisten lenken vom Sexismus-Diskurs ab und zweifeln die Aufklärung von sexuellem Missbrauch an.
Schauspieler Spacey

Schauspieler Spacey

Foto: Matthias Balk/ dpa

Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass rhetorisch gern Bedrohungen konstruiert werden, mit möglichst großen Worten, um von den Phänomenen selbst abzulenken, von den Fakten, von der Wirklichkeit.

"Post-truth" nennen das die einen, "post-fact" die anderen, es gibt postfaktische Politik und postfaktische Publizistik. Es ist dabei weniger ein Kampf um Wahrheit oder Lüge, es geht mehr darum, die Frage nach der Wahrheit grundsätzlich zu vermeiden und die Diskussion im Raum des Raunens zu halten.

Donald Trump, natürlich, ist der Meister dieser Taktik, es ist eindrucksvoll und deprimierend, wie er es geschafft hat, dem Journalismus seinen Rhythmus aufzuzwingen und eine ganze Branche mit ADHS zu überziehen .

Am deutlichsten wurde das Prinzip Trump im Fall von Fake News, einem Vorwurf, der ursprünglich gegen Breitbart und all die anderen Lügenmedien gewendet war, die Trump zum Sieg heuchelten, schummelten, hetzten - ein Vorwurf, den Trump mit dem Mittel der Inversion einfach umdrehte und recht erfolgreich gegen die in Stellung brachte, die ihn attackiert hatten, CNN etwa oder die "New York Times".

Das Muster ist also bekannt: Wenn es darum geht, reale Vorwürfe, reale Vorgänge, reale Vergehen aufzudecken, zu beschreiben oder zu beheben, dann ist es das Leichteste, die Diskussion zu zerstören, indem man "Wolf" schreit. Oder "Hexenjagd". Oder "The biggest crowd ever". Oder "Totalitarismus".

Worte wie eine Grabplatte auf den Diskurs

Hauptsache, es ist laut und krass und lenkt davon ab, worum es wirklich geht: Das sind die Redeweisen des Reaktionären, weil sie die Aufklärung verhindern, indem sie alles, was recherchierbar, belegbar, nachvollziehbar ist, erst einmal in einen Nebel des Verdachts verwandeln.

Mittlerweile, das zeigt sich an einigen Artikeln und Stellungnahmen zur #MeToo-Debatte um sexuellen Missbrauch, ist dieses Muster bis weit in den publizistischen Mainstream auch in Deutschland vorgedrungen: Die Schlagworte und Argumentationsmuster scheinen dabei automatisch abrufbar zu sein, es wirkt fast als seien es Schablonen, die sich über die Wirklichkeit legen.

Da ist zum Beispiel Thea Dorn, die eines der größten aller möglichen Worte verwendete, knapp unterhalb des Faschismus, um über eine breite und sich gerade in verschiedenen Ländern und in verschiedenen Milieus auf verschiedene Art und Weise entwickelnde Bewusstseinswerdung zu reagieren - ein Wort, das wie eine Grabplatte auf den Diskurs knallen sollte: Totalitarismus, mehr noch, "moralischer Totalitarismus".

Ich glaube nicht, dass Thea Dorn, die sich ihr Pseudonym von Theodor W. Adorno geliehen hat, der vor dem mörderischen deutschen Totalitarismus fliehen musste, wirklich denkt, dass in der Sexismus-Debatte eine ideologisch schlüssige und tödliche Kraft liegt, die mit dem Faschismus oder dem Kommunismus vergleichbar ist - aber so ein Wort steht dann erst einmal drohend im Raum und kommt natürlich auch in rechten und reaktionären Kreisen gut an.

Es geht darum, so scheint es, einen Veränderungsprozess zu unterbinden, der in Gang gekommen ist, indem man, auch das ist mittlerweile gelerntes Wissen in diesen diskursiven Kreisen, eine emanzipatorische gesellschaftliche Entwicklung in einen Kulturkampf verwandelt, wo "Philister" auftreten, die "auf bloßes Hörensagen hin" moralisch argumentieren, was scheinbar besonders unappetitlich ist, oder eine "Homosexuellen-Lobby", die wie jede Lobby im Hintergrund die Fäden spinnt.

Mühsam unterdrückte Ressentiments

Diese beiden Begriffe stammen aus dem Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen" vom vergangenen Donnerstag zum Fall Kevin Spacey, geschrieben hat den Aufmacher der Ressortleiter Edo Reents . Besonders auffällig an dem Text war, abgesehen von dem mühsam unterdrückten Ressentiment und der hochtrabenden Art, mit der hier etwa "nicht mehr gut zu machende Verfahrensfehler" angeprangert wurden, dass der Text selbst entscheidende Fehler hat, weniger des Verfahrens und mehr der Recherche.

Man wisse ja nicht, was genau passiert sei zwischen Kevin Spacey und einem seiner Ankläger, schrieb Reents, und baute darauf seine Argumentation auf, hier werde ein Mann "im Zuge einer aus dem Ruder laufenden Berichterstattung, die jede Beschuldigung ungeprüft weiterverbreitet" symbolisch vernichtet - das Problem dabei ist, dass Reents selbst wesentliche und zu diesem Zeitpunkt verfügbare Erkenntnisse einfach weglässt und damit den Eindruck einer hysterischen Hatz auf Spacey erzeugt.

Es war aber zu dem Zeitpunkt am Donnerstag längst bekannt, dass es mehr als einen Fall gab, mehr als ein Dutzend Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs waren publik , die zum Teil bis weit in die Achtzigerjahre zurückreichten - es geht also anders, als Reents seinen Lesern suggeriert, und da hätte er nur googeln müssen, um ein gut belegtes Muster von sexuellem Fehlverhalten zu erkennen.

Aber das Ziel scheint ja eh ein anderes bei dieser Art von Post-truth-Journalismus - das Ziel scheint ein generelles Klima von Verdacht und Verschwörung, in dem dann die eigenen Argumentationen und Wahrheiten platziert werden können. Es ist immer das gleiche Muster. Die einen sagen: Es gibt ein System von Missbrauch. Die anderen sagen: Es gibt ein System von Verdacht.

Weibliche "Beschwerdekultur"?

Und deshalb, auch darauf konnte man warten, darf natürlich in der Diskussion ein anderes Wort nicht fehlen, das in den Kulturkämpfen unserer Zeit gern verwendet wird: die Hexenjagd oder eben McCarthyismus, ein weiterer Vergleich aus dem 20. Jahrhundert, der beliebte Begriffs-Steinbruch, in dem noch jedes Gegenwartsphänomen in einen schiefen historischen Zusammenhang gezerrt wird.

Adam Soboczynski bringt diesen Begriff - "McCarthy-haft" - am Ende seines Leitartikels auf Seite eins der Wochenzeitung "Die Zeit" , auch hier ist es der Feuilleton-Chef selbst, der die momentane Diskussion um Sexismus mit einem rhetorischen Trick umlenken will und den Vorwurf gegen die richtet, die den Vorwurf erheben: "Wer Vergewaltigungsvorwürfe dazu nutzt, seine kleinen Alltagsrechnungen zu begleichen, verharmlost schwere Straftaten", so die Behauptung.

Das Problem hier ist zum einen, dass diese Behauptung logisch nicht schlüssig ist. Vor allem aber stellt sich die Frage, die der Autor leider nicht beantwortet, wer entscheidet, was eine kleine Alltagsrechnung ist und was sexueller Missbrauch: Wer also etwa den 456 schwedischen Schauspielerinnen, die gerade öffentlich Belästigungen, Bedrängungen und mehr beklagt haben , sagt, dass das eben der Alltag sei, mit dem sie leben müssten.

Der Argumentation des Autors nach fällt auch das unter "Beschwerdekultur" weiblicher Leidensgemeinschaften, wie er Katharina Rutschky zitiert, all das wäre seiner Inversionslogik nach ein weiter Schritt zur "Verharmlosung von Gewalt". Und in der Aufklärung, wie sie "New Yorker" oder "New York Times" oder "Le Monde" oder viele andere betreiben, sieht er vor allem, auch das ein immer automatisch abrufbarer Begriff, "mediale Geilheit".

Es war ja erwartbar, dass die Gegenbewegung zu #MeToo nicht lange auf sich warten lassen würde, mitten hinein in eine Entwicklung, die gerade erst beginnt, und während sich immer neue Fakten und Facetten ergeben. Es ist dennoch mindestens verblüffend zu sehen, wie sich Journalisten weigern, Tatsachen zu benennen und vielleicht ein Mindestmaß an Einfühlung zu zeigen und sich eine Welt zusammenzimmern, nur damit sie sie mit kulturkritischen Betrachtungen überziehen können.

Denn am Ende geht es ja doch um so etwas wie eine demokratische Öffentlichkeit, die das ermöglicht, was gerade geschieht: eine Diskussion darüber, wie wir gemeinsam gerecht leben wollen und was sich dazu eventuell ändern muss. Aber diese Diskussion allein, die unter den Bedingungen der digitalen Demokratie ihre Form erst noch finden muss, verstört, so scheint es, manche Menschen elementar.

Das Ergebnis ist ein sehr deutscher, täterfixierter Exkulpationsdiskurs.

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