Margarete Stokowski

Sexismus Frauen können das auch

Wer die Ursprünge von Übergriffen verstehen will, muss die Erkenntnis ertragen, wie viel von unserem Alltag sexistisch geprägt ist. Dazu gehört auch die Frauenfeindlichkeit, die Frauen selbst pflegen.
Frauen bei der gemeinsamen Magazinlektüre

Frauen bei der gemeinsamen Magazinlektüre

Foto: Jens Kalaene/ picture alliance / dpa

Während weiterhin täglich neue Vorwürfe der Belästigung und Vergewaltigung gegen Politiker , Produzenten, Regisseure, Schauspieler und Uno-Mitarbeiter  öffentlich werden, fragen sich immer noch viele Leute, was genau es mit der Sexismussache in ihrer eigenen, kleineren Welt auf sich hat. Die einen wüssten gern, ob sich nun endlich was ändert, und die anderen wissen nicht, warum es so einen Aufstand gibt.

Auch viele von denen, die skeptisch sind, warum jetzt plötzlich so viel über Sexismus geredet wird, sagen, sie würden ja gerne verstehen, was da los ist. Sie hätten gern Erklärungen und Zusammenhänge: Warum bleiben so viele Täter unbestraft, warum schweigen so viele Opfer, warum hört das alles denn nicht auf?

Es reicht leider noch nicht, dass jetzt so viel über Sexismus geredet wird, wenn nicht auch haufenweise Menschen ihr tägliches Handeln ändern. "Being heard is one kind of power, and being free is another", hat Jia Tolentino kürzlich im "New Yorker" geschrieben . Wir sind jedoch noch weit entfernt davon, dass das Sprechen über sexualisierte Gewalt dazu führt, dass diese direkt verurteilt wird.

Dabei ist es nicht so, dass auf der einen Seite Frauen stehen, die längst alles wussten, und auf der anderen Seite Männer, die wahlweise widerwärtige Täter sind oder ahnungslose Trottel, die von allem nichts mitbekommen haben. Es ist etwas komplizierter. Es gibt Männer, die das Ausmaß des Problems längst kannten, und es gibt Frauen, die es weiterhin leugnen.

"Noch unfairer als Hexenverbrennungen"

Mangelnde Solidarität kennt viele Facetten. Manchmal sind es Männer, die die Sache runterspielen wollen. Männer, die schreiben, dass sie überfordert sind von der Debatte, weil ihnen jegliche Fachkenntnis fehlt (kleiner Scherz, so schreiben sie das natürlich nicht, aber so ist es wohl). Männer, die Mitleid für die Täter empfinden, wie Woody Allen für Harvey Weinstein. Männer, die sagen, es sei alles nicht so wild, wie Volker Schlöndorff über Dustin Hoffman.

Oder Männer, die von "Inquisition" sprechen und erklären, die jetzigen Listen von mutmaßlichen Tätern seien eigentlich noch unfairer als Hexenverbrennungen , bei denen ja immerhin Zeugen aussagen mussten. Was für ein heller Wahnsinn! "Welt"-Feuilletonchef Andreas Rosenfelder reiht sich damit in die Parade der Männer ein, die Hexenverbrennungen thematisieren - natürlich nur als Metapher, siehe Trump, der eine Hexenjagd gegen sich selbst sieht oder Horst Seehofer und die "Hexenjagd gegen das Auto".

Das ist alles falsch. Und genau so falsch können Frauen es auch. Es ist ein häufig gemachter Denkfehler, dass etwas, was eine Frau tut, nicht sexistisch gegen Frauen sein kann. Es gibt Leute, die sagen, die schlimmsten sexistischen Sprüche über Frauen machen Frauen doch selbst. Ich denke das nicht, aber glaube, dass es besonders auffällt, wenn sie es tun - weil man insgeheim vielleicht doch irgendeine Art von Solidarität erwartet. Aber diese Solidarität ist keineswegs selbstverständlich.

Der französische Frühsozialist Charles Fourier schrieb vor 200 Jahren, "dass die Frauen, wie alle in Knechtschaft lebenden Klassen, sich untereinander hassen". Und selbst wenn sie einander nicht hassen, so machen sie sich doch oft genug das Leben schwer und beteiligen sich an frauenfeindlichen Ritualen. Oder sie stellen sich in der Debatte um Übergriffe instinktiv auf die Seite von Männern, weil denen Unrecht geschehen könnte.

Frauenfeindliche Frauenzeitschriften

"Die Unschuldsvermutung hat in diesen Tagen einen schweren Stand", hieß es in einem Text in der "FAZ" von Corinna Burdas , als wäre nun der Rechtsstaat aus den Angeln gehoben, weil Menschen über Gewalt sprechen, die ihnen passiert ist. Und als könnten viele Beschuldigte nicht noch jahrzehntelang ihr Tun fortsetzen, seit es die ersten Vorwürfe gibt. Und im "Standard" kommentierte Rechtsanwältin Katharina Braun , Männer stünden inzwischen "unter Generalverdacht, sexuell übergriffig zu sein", und überhaupt, es sei "bald keine normale Kommunikation zwischen den Geschlechtern möglich".

Es gibt Frauen, die über das Aussehen anderer Frauen so oberflächlich und klischeehaft schreiben, dass man sich fremdschämt, wie bei Antje Hildebrand über Maria Furtwängler  in der "Welt". Es gibt Frauen, die "drüber stehen", wenn sie belästigt werden und die das auch von anderen erwarten. Es gibt Frauen, die Trump gewählt haben, obwohl sein Verhalten Frauen gegenüber bekannt ist.

Die meisten frauenfeindlichen Frauenzeitschriften wie "InTouch" oder "Closer", die daraus bestehen, Mängel an Körpern und im Liebesleben von weiblichen Prominenten aufzuzeigen, werden von Frauen gemacht. Und in Blowjob-Ratgebern erklären Redakteurinnen ihren Leserinnen, wie sie beim Blasen ihren Würgereiz unterdrücken, und warum es sich lohnt, dem Mann einen zu blasen, auch wenn man nicht möchte (Anerkennung, juhu).

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Stokowski, Margarete

Untenrum frei

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Seitenzahl: 256
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05.10.2022 21.37 Uhr

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Alle Frauen wachsen mit dem Wissen auf, dass sexualisierte Gewalt möglich ist, aber wir gehen unterschiedlich damit um. "Welche Frau (...) wächst nicht mit dem Dauerhinweis auf, sich zu schützen, aufzupassen?", hat die Soziologin Paula-Irene Villa im Deutschlandfunk Kultur gefragt . Einige internalisieren diese Hinweise so sehr, dass sie finden, man ist als Frau selbst schuld, wenn doch etwas passiert. Als sei Belästigung oder Vergewaltigung eine Lawine, die über eine Frau hereinbrechen kann, wenn sie nicht genügend aufpasst.

Keine Huldigung von Sexisten

Wer die Ursprünge übergriffigen Verhaltens verstehen will, muss es ertragen zu sehen, wie viel von unserem Alltag sexistisch geprägt ist. Das ist kein Rumheulen und keine Gleichmacherei, sondern Analyse und Anklage. Manchmal kommt dabei auch heraus, dass Frauen sich sexistisch verhalten.

Denn Herrschaft hat noch nie so funktioniert, dass sie sich nur durch ein paar einzelne Handlungen von Herrschenden gegen Beherrschte stabilisiert, sondern sie braucht Zusammenarbeit. Wenn sie nicht auf purer Gewalt aufgebaut ist, braucht sie irgendeine Art von Vorteil, den die Beherrschten haben, und sei es die Sicherheit, dass sich so bald nichts ändert am Gewohnten - und die Angst davor, wie ein anderes System aussehen würde (ob man da noch Komplimente bekäme, sich hübsch machen dürfte oder einfach Mutter sein...). Ein großer Teil der Ablehnung feministischer Ziele sowohl durch Frauen als auch durch Männer beruht immer noch darauf, dass ihnen die Ziele nicht klar sind.

Die Feststellung, dass Frauen auch sexistisch sein können, darf nicht darin enden zu sagen, dass Frauen an ihrem Elend selbst schuld sind. Alles, was sich daraus ergibt, ist die noch dringlichere Frage, wie die Art von Zusammenarbeit zu beenden ist, bei der Sexisten gehuldigt wird und Frauen sich selbst und einander schaden.

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