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16. Januar 2016, 14:36 Uhr

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Frauen, schaut "Mad Max"!

Eine Kolumne von

Leute, die sonst das Netz mit frauenfeindlichen Kommentaren vollrülpsen, demonstrieren jetzt in ihrem Namen. Auf diese Hilfe sollte sich niemand verlassen.

Ganz kurz, liebe Damen und Herren, öffnete sich ein mediales Fenster, aus dem hinaus einige vernünftige und viele krude Meinungen über die Gewalt gegen Frauen geschrien wurden. Ein paar lustige Positionen waren zu bemerken. Von Herrn Augsteins Position - Frauen, stellt euch nicht so an, mit der er ganz im Zeichen der bislang offiziell vertretenen Position der meisten Männer steht - bis hin zum anderen Extrem: dem deutschen Bären. Dem Frauenbeschützer.

Seltsame Vögel demonstrieren im Namen der Frauen. Nazis jubeln. Leute, denen man weder im Dunkeln noch bei Tag begegnen will. Leute, die das Netz mit frauenfeindlichen Kommentaren vollrülpsen, benutzen kurzfristig ein Geschlecht, das sie latent verabscheuen, sei es aus Unsicherheit oder wegen irgendwas im Kopf, stellten sich also vor die geistig und körperlich schwachen, ähm, Dings, Frauen, die sie normalerweise nicht wahnsinnig schätzen. Es sei denn in der Küche. Nackt. Kleiner Scherz.

Es gibt, und die meisten Frauen werden es nicht anders erleben, in meinem Umfeld mehrheitlich angenehme, kameradschaftlich agierende Männer. Und dennoch müssen die anderen existieren, die man zum Glück meist nur aus der Entfernung beobachtet. Übergriffige Chefs, Freier, Zuhälter, Schläger, Maskulisten, und so lange, bis die Menschheit durch Bildung und Aufklärung zu einer Gesellschaft gelangt ist (okay, das werden wir vermutlich nicht mehr erleben), die wirklich für alle gleichberechtigt funktioniert, müssen sich die körperlich Unterlegenen etwas einfallen lassen.

Die Frau, das schützenswerte Wesen

Gut, haben wir mal darüber geredet. Gut, haben viele Frauen vielleicht realisiert, dass es weltweit immer noch ein Problem für sie gibt, das auf fehlender Muskelmasse gründet. Es scheint, dass keine Regierung in der BRD bisher in der Lage war, Gesetze so anzuwenden, dass die Hälfte der Bevölkerung, die sie stellvertritt, zufriedenstellend vor Gewalt geschützt wäre. Vielleicht, um der deutschen Regierung, die im Moment in vielen Belangen ein wenig überfordert scheint, nicht noch mehr Arbeit aufzuladen, ist es auch nicht vollumfänglich möglich.

"FAZ"-Autorin Frau Baum schrieb auch etwas, von dem ich mir nur einen Satz merkte: "Meiner kleinen Schwester sage ich, dass sie auf den Boden gucken und schnell weitergehen soll, wenn sie sieht, dass ihr eine Männergruppe entgegenkommt."

Alter! Die Frau, das schützenswerte Wesen. Wenngleich unwahrscheinlich ist, dass mich jemand beschützen wollte, ich möchte mich darauf nicht verlassen müssen. Wie in allen Bereichen ihres Lebens tun Frauen also gut daran, sich nicht auf Hilfe und Zuneigung zu verlassen, sondern sich selber zu schützen. Vor Gewalt und Übergriffen, von wem immer sie ausgehen. Eben nicht zu Boden blicken, sondern geradeaussehen, laut werden, Kampfsport lernen, aggressiv werden, Mut haben, zusammenhalten, "Mad Max" schauen... Und nicht darauf setzen, dass man von der Gewalt körperlich Stärkerer verschont wird, wenn man nur besonders niedlich, unsicher, unauffällig, leise ist oder zu Boden schaut.

Wenn Sie, liebe männliche Leser (dem Geschlecht in den Kommentarspalten geschuldet, nehme ich an, dass hier keine Frauen verkehren), eine Frau kennen, bitte geben Sie ihr den Text doch zu lesen. Falls sie lesen kann. Kleiner Scherz.

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