Sexismus in der Werbung Horst besteht auf seinem Frischfleisch

Es gibt noch immer viel Sexismus in der Werbung - das hat oft nicht mit nackter Haut zu tun, aber immer damit, wie Frauen auf Plakaten präsentiert werden. Über eine Diskussion, die geführt werden muss.

Eine Kolumne von


Das Verbot sexistischer Werbung ist so ziemlich der Veggie-Day unter den feministischen Themen. Viel Trubel um kleine Änderungen, harte Fronten, und irgendwelche Horsts regen sich auf, weil sie weiterhin das gewohnte Fleisch verfügbar haben wollen.

Aber es wird schwerer für die Horsts. Denn es scheint, als würde es zumindest in Berlin in absehbarer Zukunft ein Verbot sexistischer Werbung geben. Friedrichshain-Kreuzberg hat ein solches Verbot auf bezirkseigenen Flächen schon, Pankow ebenso. Die Linke versucht dasselbe jetzt in Charlottenburg-Wilmersdorf, eine Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung ist wahrscheinlich. Der "Tagesspiegel" berichtet von einer ähnlichen Initiative in Mitte.

Für die landeseigenen Flächen ist die Idee im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag festgeschrieben: Der "Ausschluss von sexistischer Werbung und diskriminierenden Inhalten" auf neu ausgeschriebenen Werbeflächen des Landes gilt als Ziel, und auch bei privaten Werbeflächen soll ein Gremium eingesetzt werden, das solche Inhalte verhindert. Justizminister Heiko Maas hatte mal ähnliche Pläne, es gab viel Aufregung und kein Ergebnis.

Ich bin üblicherweise skeptisch bei Verboten, aber ich bin auch skeptisch bei Bullshit. Typisch ambivalentes Thema, einerseits. Andererseits: Beim Verbot sexistischer Werbung reicht es eigentlich schon zu sehen, wer dagegen ist, um dafür zu sein. Wenn CDU, FDP und AfD von etwas genervt sind, kann es nicht völlig falsch sein. Harald Martenstein hat vor ein paar Jahren ein Verbot sexistischer Werbung mit Nordkorea und den Taliban verglichen. Das ist natürlich Quatsch, aber gewisse Zweifel sind insofern verständlich, als man, um Sexismus loszuwerden, logischerweise auch an der Publikationshäufigkeit bestimmter Leute sägen müsste, just saying.

Jedenfalls sehe ich schon, warum man auf Verbote verstört regieren kann, weil sie generell nach etwas klingen, bei dem wenig Endorphine rumkommen. Aber offensichtlich gibt es auch Verbote, die die Welt besser machen, wie zum Beispiel dass man seine Kinder nicht schlagen darf und dass es nicht möglich ist, bei Amazon bekifft Mopswelpen zu bestellen. Jetzt könnte man sagen, okay, Kinderschlagen ist ein schlechtes Beispiel, bei Werbung ist immerhin üblicherweise keine Gewalt im Spiel. Stimmt. Aber wenn Leute sich daran gewöhnen, dass es okay ist, halb nackte Frauen als dekorative Elemente zu betrachten, dann geht definitiv was in die falsche Richtung. Alles umstürzen, möglichst schnell.

Was verlieren wir, wenn es keine sexistischen Werbeplakate mehr gibt? Konkret soll es bei dem neuen Entwurf der Linken darum gehen, Werbung zu verhindern, die diskriminierend, frauenfeindlich oder sexistisch ist. Wann das der Fall ist, ist in einer Liste aufgezählt und soll konkret von einer Jury entschieden werden: Zum Beispiel wenn Frauen als schön, aber hysterisch/dumm/naiv dargestellt werden, halb nackt neben angezogenen Männern knien oder Kinder auf sexualisierte Art dargestellt werden. Mir ist unklar, was im Kopf von Leuten los ist, die sagen, "doch, das wollen wir behalten!", aber die Gedanken sind frei.

Nacktheit an sich ist nicht sexistisch

Natürlich ist oft nicht komplett eindeutig bestimmbar, was sexistisch ist, weil Leute Bilder verschieden wahrnehmen. Nacktheit an sich ist es nicht. Es gibt Werbung, da ist es leichter zu sagen, dass etwas schiefläuft, wie neulich bei den Anzeigen von Yves Saint Laurent, auf denen extrem dünne Models in Posen zu sehen waren, die man, sagen wir mal, als Politikerin nicht aufs Wahlplakat tun würde, außer man wäre in der Pornopartei, aber die gibt es nicht.

Das andere ist von der Ästhetik her vielleicht okay, aber die Idee ist trotzdem unglücklich: Der Autobauer Renault hat gerade einen Nagellack vorgestellt, der auch zum Ausbessern von Lackkratzern am Auto geeignet ist - klingt einerseits praktisch, andererseits auch so, als würden Frauen dazu neigen, ihre Autos zu zerschrammen. Ich habe den starken Verdacht, dass das genau die Art von Werbung ist, die man sich in ein paar Jahrzehnten angucken wird mit demselben Grusel, den man heute hat, wenn man Frauengold-Spots guckt.

Und dann wieder gibt es Beispiele, die ganz offensichtlich direkt aus der Hölle kommen, wie der Tierfutterlieferant, der eine Frau in Unterwäsche zeigt mit dem Spruch "Frischfleisch gibt's bei uns", die Kamera, die beworben wird mit "Fast so schön wie Ihre Frau, aber mit Ausknopf" oder der Lkw-Verleih, bei dem eine liegende Frau fordert: "Miete mich!"

Allerdings gibt es diese skurril-sexistische Art von Werbung im öffentlichen Raum gar nicht so besonders oft. Die drei letzten Beispiele sind alle von der Initiative "Pink Stinks" gesammelt. Ich wüsste nicht, wann ich zuletzt so etwas gesehen habe, außer auf Twitter (wo ich aber auch schon gesehen habe, wie Rattenbabys gehäutet werden, und das ist auch nicht normal).

Es ist nicht so viel, was den Leuten da weggenommen wird im Fall eines Verbots, und wer frauenverachtende Hirnwäsche angucken will, findet am Kiosk immer noch genügend Auswahl bei den sogenannten Frauenzeitschriften. Da arbeiten eifrige Redaktionen Woche für Woche an unser aller Verderben, und es sieht nicht aus, als planten sie, damit aufzuhören.



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Seite 1
toll_er 20.06.2017
1. dem Horst seine Freude
Ja ja, jeder hat so seinen Horst in sich. Oder eben auf der anderen Seite ihre Nicole. Schauns, mit Ihrem Sprüchlein " Ich habe den starken Verdacht, dass das genau die Art von Werbung ist, die man sich in ein paar Jahrzehnten angucken wird mit demselben Grusel, den man heute hat, wenn man Frauengold-Spots guckt." hecheln Sie Ihrer/unserer Zeit voraus... das ist diese Art vorauseilenden Gehorsams in Hinblick auf eine Debatte, die dem Wettlauf des Hasen mit dem Igel (den Igeln) ähnelt. Und die Sache mit dem Lippenstift... sorry, aber wenn Sie sofort daran denken, das Frauen mehr Kratzer in die Autos fahren.... prüfen Sie mal Ihr Weltbild von Frauen. Ich kenne viele Männer, die sich gern klammheimlich diesen Lippenstift ausleihen würden... ... um dem ganzen mehr oder weniger Grenzwertigen in der Werbung vorzubeugen, hier ein ganz konstruktiver und schnell umzusetzender Vorschlag: Keine Frauen mehr in Werbeclips einsetzen.
dasbeau 20.06.2017
2. Grundsätzlich...
Grundsätzlich bin ich diesbezüglich ja ganz Ihrer Meinung, Frau Stokowski, dass Sie aber bei der Diskussion des Themas die diversen waschbrettbäuchigen, nur mit Unterhose bekleideten Models und/oder Fußballstars komplett unter den Tisch fallen lassen (oder auch biersaufende, fußballfanatische Kumpels; Männer, die mit Jeans in Badewannen steigen oder sich dieser im Waschsalon entledigen etc. pp.), wirft wiederum kein sehr gutes Licht auf Sie selbst. Warum soll nur Werbung, die "frauenfeindlich" ist, verboten werden? Weil's "männerfeindlich" bei Ihnen vielleicht gar nicht gibt? Das wäre bedenklich.
Oberschlawutzi 20.06.2017
3. Ach ja, sexistische Werbung ...
Vor nicht all zu langer Zeit sah ich in der Sparkasse meines damaligen Vertrauens ein Werbeplakat, in dem eine Frau hinter einem als Tisch fungierenden Mann saß und darauf ihr Essen einnahm. Natürlich musste ich da ein Mail loswerden, auf das ich eine entschuldigende Antwort bekam. Was soll man da sagen? Die Bedienung von Klischees ist ein endloses Futter von Werbefuzzis und Komödianten, denen halt die Kreativität abhanden gekommen ist. Ärgerlich. Betrifft nicht nur Frauen und nervt nicht nur Frauen. Aber Klischees findet man überall. So sind sie halt, die CDUler, die AFDler, die Grünen, die Frauen, die Männer, hahaha, nervnervnerv ...
Thomas Schnitzer 20.06.2017
4.
Solange mindestens ein Drittel aller Bilder für Nylon-Strumpf-Werbung mit Männerbeinen aufgenommen wird, weil die dem weiblichen Schönheitsideal langer schlanker Beine näher kommen können wir gerne über die Rolle der Idiotie in der Werbung sprechen. Aber nicht, wenn dabei mal wieder nur eine Hälfte der Menscheit als relevant angesehen wird.
Komisch 20.06.2017
5. Unsinnige Diskussion
Vor ein paar Jahren gab es eine Werbung für das "light" Produkt eines Colaherstellers. Ich erinnere mich noch, wie ein junger, knapp bekleideter Mann mit einer Palette Dosen der betreffenden Cola durch ein Büro voller Frauen gestapft ist. Hier war er das Sexsymbol und wurde in eine Rolle gesteckt. Beides ist legitim, sofern es anspricht. Werbung ist dazu da, um ein Produkt der Zielgruppe näher zu bringen. Man könnte natürlich darüber diskutieren, warum man Frauen suggerieren muss, dass sie sich permanent für zu stabil gebaut halten und deswegen "light" Produkte konsumieren wollen, aber an dieser Stelle geht es um Werbung. Kann man mit nackten Männern oder Frauen besserere Werbeergebnisse erzielen, warum nicht.
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