S.P.O.N. - Oben und unten Sie hat gepopelt!

Es ist 2016 und man könnte denken, Frauen könnten völlig normal vor sich hin leben. Mitnichten! Immer noch werden sie ständig beurteilt - dafür, wie sie reden, rumstehen oder rumtun.

Eine Kolumne von


Augen zu, einatmen, ausatmen, Augen wieder auf, die Texte sind immer noch da. Blick zum Datum auf dem Computerbildschirm, immer noch 21. Jahrhundert. Na gut.

Die Sängerin Adele hat also auf einem Konzert in Köln "shut up" gesagt, zum Publikum. Also "Haltet die Klappe." Weil sie gerade ein zehnjähriges Mädchen auf die Bühne geholt hatte, das leider zugab, aus Düsseldorf zu kommen, wofür man ja in Köln selten Applaus kriegt. Also Publikum: Buuuh. Also Adele: "Shut up, she is ten years old, shut up", weiter im Text, Smalltalk, Selfie, bla. Ein komplett nichtiger Moment, aber landauf, landab gingen in diversen Redaktionen die Sirenen los, die so konstruiert sind, dass sie immer heulen, wenn irgendwo eine Frau vom heiligen Protokoll abweicht.

"Focus Online" ist die Story sogar zwei Meldungen wert, klar, einmal Regional- und einmal Kulturteil, da lassen sich die kleinen Edelfedern nicht lumpen. Im Regionalteil heißt es, Adele habe "kurzzeitig ihre Fassung" verloren. "Adeles Gesichtszüge änderten sich blitzschnell von einem Lächeln zu Zorn und sie riss den Mund weit auf: 'Shut up!' brüllte sie in die Menge." Und im Kulturteil fühlt man fein raus, dass "die Stimmung kippte" und es zu "Streit mit dem Publikum" kam. Gala.de verkündet: "Eklat bei Köln-Konzert", Adele sei "böse" geworden, bei "Welt Online" "blaffte sie das Publikum an", auf der Seite der "Berliner Zeitung" "bluffte" sie es an.

Es ist 2016 und es geht menschliche Arbeitskraft dafür drauf, aufzuschreiben, dass eine 28-Jährige, die ohnehin ständig am Fluchen ist, "shut up" gesagt hat.

Fast hatte ich sie vergessen, die kleinen Geier vom Institut für korrekte Frauenkörpernutzung, einem dezentralen Netzwerk, das eine unbekannte Zahl freiwilliger Mitarbeiter hat, die ganz genau hingucken, ob alles ordentlich läuft, wo Frauen rumstehen, rumtun oder reden. Man könnte denken, mit so viel Vintage-Ethik wirkt man etwas aus der Zeit gefallen, aber nö, die Geier erfreuen sich großer Beliebtheit. Manchmal sind sie beeindruckend schnell. So musste sich in einer US-amerikanischen Wettersendung am Samstag, die - ähm - "Wetterfee" bei laufender Kamera ein Jäckchen überziehen, weil sie im Glitzerkleid für zu nackig befunden worden war.

"Diese nasebohrende Feministin"

Kleider, überhaupt, gefährliches Terrain. Mal zu kurz, mal zu beweglich. Die Sportjournalistin Laura Wontorra muss sich gerade mit der "Bild" darüber streiten, ob ein Foto verbreitet werden darf, bei der man Wontorra unters Abendkleid gucken kann, als sie gerade aus dem Auto steigt. Ein Gericht stellte fest, dass die Moderatorin zwar eine Person des öffentlichen Lebens ist, sie aber dennoch eine Intimsphäre hat und daher ihr Intimbereich mit transparenter Unterhose kein Gemeingut ist. Wäre auch das geklärt.

Sie passen aber auch schlecht auf, die Ladys. Die Autorin Laurie Penny trägt den Titel "Nose Picking Feminist" (dt. "nasebohrende Feministin"), seit sie auf einem Podium mal an ihrem Nasenpiercing rumgemacht hat und es dann so aussah, als hätte sie den Popel gegessen. Sie gestand dann auf Twitter, ja, tatsächlich, sie hat auf der Bühne gepopelt. Musste sie gar nicht aufschreiben, es gibt natürlich Videos in Großaufnahme davon auf YouTube.

Fairerweise muss man sagen, dass die Tätigkeiten des Instituts für korrekte Frauenkörpernutzung den Frauen nicht immer schaden. Herzogin Kate zum Beispiel erntete Stürme von Liebe und Bewunderung, als sie im Dezember 2014 eine halbe Sekunde genervt guckte, während sie auf einer Charity-Veranstaltung Geschenke einpackte. Oh, diese Bodenständigkeit, "herrlich", "faszinierend", "sympathisch".

Und man muss fairerweise auch sagen, dass es gar nicht nur um die Nutzung von Frauenkörpern geht. Es reicht, einen zu haben. In einem Text aus der "Welt am Sonntag" heißt es: "Autorinnen wie Kate Tempest, Stefanie Sargnagel und Lena Dunham treffen die Hauptschlagader. Sie haben ihren Körper in den Ring geworfen, wo er schon durch seine nichtnormative Form politisch wird und mit jedem Schulterzucken stärker wird." Stefanie Sargnagel erklärte auf Twitter: "Nur weil mich 100erte wichser wegen meinem gewicht angreifen habe ich nicht 'meinen nicht normativen körper in den ring geworden'". Auf Facebook fragte sie: "Wie wirf man seinen abnormen körper eigentlich nicht in den ring? Indem man sich zu hause versteckt?"

Und leider muss man sagen: Ja. Natürlich muss man sich nicht darum kümmern, was irgendwelche Vögel zum Thema Frauenkörper hochwürgen. Man kann die Geier geiern lassen. Man kann nur eben auch nicht leugnen, dass sie da sind. Die einzige Frau, die nicht ständig nach ihrem Körper beurteilt wird, ist Siri, die iPhone-Stimme. Und die spricht auch nur, wenn sie gefragt wird. Wie angenehm.

S.P.O.N. - Die Kolumnisten
    Liebe Leser,
    die Kolumnentage haben sich geändert. Es gilt künftig folgende Reihenfolge:

    Montag: Jan Fleischhauer - Der Schwarze Kanal
    Dienstag: Margarete Stokowski - Oben und unten
    Mittwoch: Sascha Lobo - Die Mensch-Maschine
    Donnerstag: Jakob Augstein - Im Zweifel links
    Freitag: Thomas Fricke - Die Rechnung, bitte!
    Samstag: Sibylle Berg - Fragen Sie Frau Sibylle
    Sonntag: Georg Diez - Der Kritiker


insgesamt 247 Beiträge
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Seite 1
Spiegelleserin57 17.05.2016
1. ach ja :)
und die Frauen begaffen auch zwar etwas versteckt die Männer. Wozu also der Kommentar. Man muss nicht glaujben dass Frauen dies nicht tun, gbensuao wie sie ebenso gerne malö fremdgehen. Nein, Frauen, sind nicht so benachteiligt wie sie gerne im Rampenlicht stehen wollen, sie tun nur das Gleiche etwas versteckter.
eternalchii 17.05.2016
2.
Was für ein Aufreger! Frauen werden also von anderen Frauen und Männern beurteilt. Genauso wie Männer von anderen Männern und Frauen beurteilt werden. Oder anders gesagt: Menschen bewerten andere Menschen. Für mich stellt sich grade die Frage, warum dieser Artikel geschrieben wurde. Wenn es in dem Bereich irgendein Ungleichgewicht gibt, bin ich für Informationen offen, aber einfach ein paar allgemeine Beispiele, die sich auf beide Geschlechter 1:1 anwenden lassen? Was soll das bringen? Was ist die konkrete Aussage des Artikels?
Olaf 17.05.2016
3. Brüderle lässt grüßen
Medien leben davon jeden Lapsus zu einem Skandal aufzubauschen. Der Feminismus auch, siehe Brüderle. Die Kolumnistin macht ja auch gerade nichts anderes. P.S. Die Einzige die ein wenig Gefühl für die Relationen behalten hat, war Adele. Ein 10 jähriges Mädchen auf der Bühne ausbuhen, weil sie aus Düsseldorf ist. Völlig daneben. Und das wollen erwachsene Leute sein.
StFreitag 17.05.2016
4. Genau deshalb
ist mein(e) Siri ein Kerl. Der popelt auch nicht.
mam71 17.05.2016
5.
Tut mir leid, aber ich kann in all den Beispielen wirklich keinerlei Diskriminierung von Frauen entdecken. Vielmehr werden Frauen hier ziemlich genauso behandelt wie Männer auch behandelt werden. Und ich dachte immer, das sei das Ziel? Zum Thema "Äusseres" hätte ich generell die Empfehlung, dann einfach mal die Auftakelei selbst runterzufahren. Warum schminken sich Frauen überhaupt und stehen nicht zu ihren Pickeln und Falten? Auch der Friseur wäre viel billiger (war ja neulich auch Thema) wenn er nur 5 Minuten mit dem Rasierer einmal rübergeht und auf 9mm trimmt. So mache ich das auch. Billig, pflegeleicht, natürlich. Aber sich 2 Stunden auftakeln, natürlich "nur für mich selbst", um den Müll runterzubringen und sich dann beschweren, wenn man auf eine Botschaft, die man an alle sendet auch von manchen eine Rückmeldung bekommt - nö, sorry... Typische Fälle von naiver Rosinenpickerei. Ausichtsratsquotenposten sind eben nur die eine Seite der Medaille...
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