Frauenhass "Aus männlicher Fragilität kann Gewalt entstehen"

Kate Manne ist Philosophin und Feministin. Wie sie mit Internettrollen umgeht und warum Männer zwar als Machos auftreten, aber ihre Abhängigkeit von Frauen tatsächlich gefährlich werden kann, erklärt sie hier.

Frau nach den Isla-Vista-Morden 2014: "Er hatte das Gefühl, ihm würde etwas vorenthalten"
Jae C. Hong/ AP

Frau nach den Isla-Vista-Morden 2014: "Er hatte das Gefühl, ihm würde etwas vorenthalten"

Ein Interview von


Warum fordern Männer Frauen auf, "doch mal zu lächeln"? Die Wissenschaftlerin Kate Manne untersucht aus sozialphilosophischer Sicht, wie misogyne Strukturen bis in den Alltag wirken - einer ihrer Grundgedanken: Männern wird in sexistischen Gesellschaften beigebracht, dass sie einen moralischen Anspruch auf weibliche Zuneigung besitzen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Manne, wann wurden Sie zuletzt im Internet angefeindet, weil Sie eine Frau sind?

Manne: Puh. Ich bin sicher, wenn Sie jetzt einen Blick auf meinen Twitter-Account werfen, werden Sie ein paar Typen finden, die irgendetwas mansplainen. Allgemein gilt: Alles, was online erscheint und von einer Frau geschrieben wurde, erntet misogyne Reaktionen. Und weil ich zum Thema Feminismus und Philosophie forsche, und das auch noch aus der privilegierten Position der Wissenschaftlerin, kriege ich oft das Schlimmste ab.

Zur Person
  • Suhrkamp
    Kate Manne ist Philosophin an der Cornell University, zudem schreibt sie u.a. für die "New York Times" und "Huffington Post". Ihre sozialphilosophische Misogynie-Analyse "Down Girl" wurde 2017 von der "Washington Post" zu einem der besten Bücher des Jahres gekürt.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie damit um?

Manne: Ich habe ein Netzwerk aus Unterstützer*Innen, Leute, die an mich glauben. Das hilft. Normalerweise retweete ich Hasskommentare und weise auf einen Rechtschreib- oder Sachfehler hin. Wenn meine Glaubwürdigkeit in Frage gestellt wird, lade ich ein, meinen akademischen Lebenslauf zu sichten.

SPIEGEL ONLINE: Sie blocken nie?

Manne: Nur, wenn Trolle extrem hartnäckig sind. Die höfliche Korrektur macht die meisten übrigens aggressiver als das Ausblenden. Aber ich gehe damit auch nicht ihretwegen so offen um, sondern um anderen Frauen zu zeigen, dass es möglich ist, diesem Bullshit - um mal einen, nun, Fachausdruck zu nutzen - öffentlich etwas entgegenzusetzen: Es ist möglich, sich zu wehren und gleichzeitig mit den eigenen Botschaften und Projekten weiterzumachen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Down Girl" analysieren sie aus sozialphilosopischer Sicht, wie Sexismus als Ideologie und Misogynie als Geflecht aus Sanktionen und Regeln Gesellschaften prägen. Welche Rolle spielt dabei der Hass gegen Frauen im Internet?

Manne: Er wirkt als eine von vielen Sanktionen. In meinem Buch beschreibe ich eine grundlegende moralische Asymmetrie zwischen Männern und Frauen. Es herrscht die Erwartung, dass eine Frau Bestimmtes bereitstellt: emotionale Güter wie Liebe, Aufmerksamkeit, Zuneigung, aber auch etwa Haus- oder Erziehungsarbeit. Gleichzeitig fühlen Männer sich moralisch berechtigt, diese Dinge zu beanspruchen und sie sich sogar einfach zu nehmen. Weil dieses Arrangement unfair ist, fühlt sich diese Dynamik für Frauen wie eine Pflicht an, für ihn aber wie ein moralisch berechtigter Anspruch - und deshalb kann es gefährlich werden, etwa wenn sie ihm Zuneigung verweigert.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Kate Manne
Down Girl: Die Logik der Misogynie

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
500
Preis:
EUR 32,00
Übersetzt von:
Ulrike Bischoff

SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie damit?

Manne: Wenn Zuneigung von einer Frau gefordert, aber nicht geliefert wird, der Mann aber trotzdem meint, ihm stehe sie moralisch zu, können Übergriffe der nächste Schritt sein. Indem er als Troll auf Twitter fremde Frauen belästigt, indem er ihm fremde Frauen auffordert "doch mal zu lächeln", weil er selbst von ihnen emotionalen Zuspruch erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Männlichkeit in Ihrem Konzept dann sehr fragil, weil sie so stark von weiblicher Gunst abhängt?

Manne: Dieses patriarchalische Arrangement macht Männer hochgradig abhängig von Frauen, ja - er ist ein man-child: dominant und bedürftig zugleich. Das Problem ist nur eben, dass aus dieser männlichen Fragilität Gewalt entstehen kann, mein Beispiel dafür ist immer der Massenmörder Elliot Rodger, der in einem Video auf YouTube schilderte, wie quälend es für ihn war, dass Frauen ihm keine Liebe und Sex "schenkten" und ankündigt, jede einzelne "blonde Schlampe" umzubringen - und im Anschluss sechs Menschen ermordete. Er nahm es nicht nur als Enttäuschung wahr, dass keiner mit ihm zusammen sein wollte, er hatte das Gefühl, ihm würde etwas vorenthalten, das ihm zustehe.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren in Ihrem Buch, dass misogynes Handeln zu häufig psychologisiert wird - aber ist es nicht sinnvoll, einem Charakter wie dem von Rodger auf den Grund zu gehen, um Ursachen zu erkennen?

Manne: Ich plädiere dafür, Misogynie als politisches Phänomen in einer patriarchalen Gesellschaft zu begreifen, in der bestimmtes Verhalten sanktioniert wird, hält sich eine Frau nicht an die Regeln - weil sich aus dieser Perspektive der Fokus auf die Opfer verschiebt, es dann darum geht, womit Frauen umgehen müssen und weniger darum, was Männer fühlen. Es ist schwierig, genau herauszufinden, ob jemand wirklich in einem tiefsten Inneren hasserfüllt ist oder nur unsicher - für das Opfer, das mit den Konsequenzen leben muss, ist es aber auch nicht relevant. Außerdem ist doch real das Mitgefühl für Männer, und selbst für Massenmörder, extrem ausgeprägt. Das ist völlig unangemessen. Aber diese himpathy, wie ich sie nenne, sorgt eben ebenfalls dafür, dass ein ungerechtes System erhalten bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie denn im Umgang mit Rodger diese Form des Wohlwollens bemerkt?

Manne: Indem zum Beispiel in der Berichterstattung über die Morde immer wieder seine Einsamkeit und soziale Isolation beschrieben wurde. Solche Frames sind für mich ein Ablenkungsmanöver; beides kann ja aber durchaus auch Ergebnis seines Handelns sein, seines eigenen Scheiterns. Und es handelt sich hier um einen Mann, der sechs Menschen ermordete. Da sollte nicht seine Verfassung Mittelpunkt der Diskussion sein. Der Impuls, mit Menschen in psychischen Notlagen mitzufühlen, ist per se ja gut. Wir sollten uns nur immer bewusst machen, warum wir wem Verständnis entgegenbringen und uns fragen, ob es hier nicht einen Gender-Bias gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, dass Misogynie sich selbst kaschiert - weil der Mensch, der Frauenhass benennt, mehr davon produziert. Wie meinen Sie das?

Manne: Dadurch, dass von Frauen erwartet wird, immer Rücksicht auf andere zu nehmen, wird schon der Versuch, Aufmerksamkeit für die eigenen Verletzungen einzufordern, als unzulässig wahrgenommen. Nach misogyner Logik liegt so schon im Benennen von Frauenfeindlichkeit ein Grund, eine Frau zu bestrafen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst kritisierten unter anderem mal öffentlich das Buch von Jordan Peterson, einem Psychologieprofessor und YouTube-Star, der mit seinen Thesen sexistischen Ideologien in die Hände spielt.

Manne: Peterson drohte, mich zu verklagen, weil ich seine Arbeiten misogyn nannte - er wollte mich ruhigstellen, wenn man so will. Das ließ er dann fallen, aber seine Trolle auf Twitter kamen trotzdem. Gar nicht mal so sehr mit Beschimpfungen, viele versuchten, mir mangelnde Expertise nachzuweisen, indem sie etwa die Anzahl von Petersons und meinen Publikationen verglichen. Naja, er ist 20 Jahre älter als ich und hat natürlich mehr gearbeitet - wenn man das denn überhaupt gelten lassen will als valides Vergleichsmittel.

SPIEGEL ONLINE: Sind solche Gegenreaktionen nicht dennoch Anzeichen eines Fortschritts - weil sie eben auch bedeuten, dass sich etwas bewegt?

Manne: Die reaktionären Tendenzen sind ein Symptom einer Liberalisierung. Ich würde nicht abstreiten, dass wir große Fortschritte gemacht haben - übrigens auch durch das Netz, das nicht nur von Trollen bevölkert ist, sondern eine Bewegung wie #MeToo auch erst zu der gesellschaftlichen Kraft machen konnte, die sie heute ist. Seitdem nehmen wir die Aussagen von mutmaßlichen Vergewaltigungsopfern ernster, seitdem stehen Menschen häufiger an ihrer Seite. Aber ich glaube nicht, dass wir uns unvermeidbar stetig vorwärts bewegen. Ich bin da weder Optimistin noch Pessimistin. Ich glaube nur, dass es schlicht keine Antwort darauf gibt.



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