S.P.O.N. - Oben und unten Geil, Brüste

Was wird uns fehlen, wenn Heiko Maas sexistische Werbung verbietet? Wenn wir denken, unsere Freiheit hinge davon ab, dass überall Brüste hängen, ist das ein schlechtes Zeichen für unser Frauenbild.

Frau vor Frau auf Werbeplakat
DPA

Frau vor Frau auf Werbeplakat

Eine Kolumne von


Als ich ein Kind war, dachte ich, "sexistisch" sei das Fremdwort für "sexy", und beides wären Synonyme für "irgendwas mit Sex". Man kann drüber lachen. Aber für eine Stelle bei "Welt Online" hätte es gereicht.

Justizminister Heiko Maas will geschlechterdiskriminierende Werbung in Deutschland unterbinden . Plakate, auf denen Menschen als reine Sexobjekte dargestellt werden, sollen verboten werden. Soweit die Nachricht . Viel mehr weiß man noch nicht. Der entsprechende Gesetzentwurf ist noch nicht mal veröffentlicht, da kämpfen überall schon wackere Ritter dafür, dass sie morgens auf dem Weg zur Arbeit auch weiterhin Brüste an Sommerreifen serviert kriegen.

FDP-Chef Christian Lindner findet , dass die "Pläne zum Verbot von Nacktheit und sexualisierter Werbung" ja wohl "an Spießigkeit kaum zu überbieten" seien. Verbot von Nacktheit? Ernsthaft? "Die Verhüllung von Frauen zur Bändigung von Männern zu fordern, das kannte man von radikalen islamischen Religionsführern, aber nicht vom deutschen Justizminister."

Nun hat Heiko Maas ja gar nicht gefordert, dass irgendeine Frau sich verhüllen möge. Aber Lindner ist mit seiner Verwirrung nicht allein. Bei "Welt Online" sieht man Maas' Pläne schon als "weitere Geste der kulturellen Unterwerfung" , so als hätten die nackten Ärsche aus der Astra-Bierwerbung bisher das Abendland zusammengehalten.

Dass es Studien gibt, die zeigen, dass Produkte gar nicht unbedingt besser verkauft werden, wenn sie in einem Kontext mit Sex präsentiert werden - geschenkt. "Sex sells" klingt so gut, da glaubt man gerne dran, das will man behalten.

Viel Sex, viel Klick

Man kann darüber streiten, inwiefern Verbote in solchen Fällen hilfreich sind oder nur letztes Mittel sein können - und ob es vielleicht schon Zeit für ein letztes Mittel ist. Aber im Moment dreht sich die Kritik an Maas' Plänen hauptsächlich ums Verbieten an sich, während noch gar nicht so klar ist, was genau eigentlich verboten werden soll. Aber weil es irgendwie um Sex geht, bietet es sich natürlich an, schon mal irgendwas rauszuhauen, weil: Geil, Brüste. Wer über Brüste redet, kriegt Aufmerksamkeit. Warum also nicht jetzt schon den einen oder anderen Kommentar vom Stapel lassen. Viel Sex, viel Klick. Zur Not dreht man es eben so, als wolle Heiko Maas uns sämtliche Erotik verbieten, irgendwie wegen Islam oder so. "Erst Böhmermanns Satire, jetzt unsere Sexualität", verkündet "Welt Online". Erst darf man nicht mehr lachen, und dann darf man nicht mehr vögeln. Skandal!

Ein Blick auf die Nachrichten und Kommentare zu Maas' Plänen zeigt, wie viel da allerdings durcheinander läuft:

"Heiko Maas will Verbot sexistischer Werbung", so lautete die ursprüngliche Meldung (SPIEGEL) , im gedruckten Heft unter dem Titel "Werbung ohne Sex". Daraus wurde dann: "Heiko Maas will erotische Werbung verbieten" bei "Welt Online". "Bild.de" titelte zunächst: "Maas will Sex-Werbung verbieten" und korrigierte dann zu: "Sexualisierte Werbung bald verboten?" Auch beim MDR spricht man von "Sex-Werbung" , bei der deutschen "Huffington Post" von "Reiz-Reklame" . Die "Augsburger Allgemeine" warnt : "Heiko Maas will ein Verbot nackter Haut zu Reklamezwecken" und titelt: "Zu viel Sex: Minister Heiko Maas will Werbung zensieren". Andere schreiben: "Maas (SPD) will zu viel nackte Haut zensieren", "SPD-Minister erwägt Verbot: Wie sexy darf Werbung sein?"

Wer Deko ist, ist Objekt

Was ist da los? Zu viel Sex? Erotik? Zu viel nackte Haut? Wen reizt Reiz-Reklame? Gibt es zu viel sexy Werbung oder zu viel Sex-Werbung? Was soll Sex-Werbung sein? Werbung für Sex? Was ist Werbung "ohne Sex" im Vergleich zu Werbung "mit Sex"? Ist Werbung mit nackten Frauen gleich Werbung "mit Sex"?

In all diesen Gleichsetzungen und Vermischungen liegt das Problem: Nackte Frauenkörper - und um die geht es bei Werbung natürlich bedeutend öfter als um nackte Männerkörper - stehen in unserer Gesellschaft so sehr für Sex, dass wir sie kaum noch in einem nicht sexualisierten Kontext sehen können. Buchcover brauchen nur zwei glatte, schlanke Beine in High Heels zu zeigen und man weiß: Ah, irgendwas mit Sex. (Oder mit Frauenquote.)

Wenn wir aber die nackten Körper oder Körperteile von Frauen - egal ob neben Bierkisten, Sommerreifen oder an Uhren leckend - nicht mehr trennen können von Sex oder Erotik oder unserer Sexualität, dann haben wir ein Problem. Und zwar ein tief sitzendes. Wenn wir denken, dass wir nicht frei sind, weil nicht überall Brüste hängen oder Frauen halbnackt über Mietwagen robben, dann ist das ein schlechtes Zeichen für unser Frauenbild.

Heute ist der 30. Todestag von Simone de Beauvoir . 1949 erschien ihr Buch "Das andere Geschlecht". Es endet mit der Feststellung, dass Menschen nur frei sind, wenn sie einander als Subjekte anerkennen können, unabhängig von ihrem Geschlecht. Das ist natürlich schwierig, wenn man daran gewöhnt ist, die Körperteile des einen Geschlechts überall als Deko rumhängen zu sehen. Wer Deko ist, ist Objekt. Denn Brüste sind so toll - aber sie sind zu toll, um bloßes Dekomaterial zu sein für irgendwelche Trottel, die zu blöd sind, sich kreative Werbung auszudenken.



insgesamt 418 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rst2010 14.04.2016
1. mit gutaussehenden
männern würde man mehr verkaufen;-)) das apelliert im normalmann zwar nicht an die gier, sondern an das konkurrenzdenken, aber das hat in der geschichte schon wesentlich mehr bewirkt, als gier... bei frauen liefe dagegen das erwartete sexuelle verkaufsschema.
kolybri 14.04.2016
2. sehr treffend..
..endlich mal ein Kommentar, der zumindest mal die Begrifflichkeiten auseinanderhält.. Was für ein pointierter Schluss-Satz!
farbkasten 14.04.2016
3. Man liest nur
die Überschrift und weiß: Das MUSS ein Beitrag von Fr Stokowski sein. Und, was ist?! Gibt es eigentlich auch andere Themen für sie außer Empörung (AfD usw), Frust ("sex." Werbung usw) und Selbstvergewisserung (sonst "Frauenthemen"/ Feminismus der letzten Beiträge)?! Ach, die Linksideologie hatte ich vergessen :/
pelayo1 14.04.2016
4.
"dass Menschen nur frei sind, wenn sie einander als Subjekte anerkennen können, unabhängig von ihrem Geschlecht." Menschen kommen aber nur als geschlechtliche Wesen vor, nicht als abstrakte Subjekte. Weltfremde Theorie
alexander_klein 14.04.2016
5.
unsere Freiheit hängt nicht davon ab, dass überall Brüste hängen, aber davon, dass überall Brüste hängen dürfen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.