Sexuelle Aufklärung Sind Nazis gegen Sex?

Es gibt das Klischee, dass Rechte prüde und verklemmt sind. Doch wenn sie vor sexueller Verdorbenheit warnen, haben sie dabei vor allem alles Queere im Sinn, und alles, was nicht direkt der Fortpflanzung dient.

Proteste in Warschau gegen das Gesetzesvorhaben zum Sexualkunde-Unterricht
Attila Husejnow/ SOPA Images/ Getty Images

Proteste in Warschau gegen das Gesetzesvorhaben zum Sexualkunde-Unterricht

Eine Kolumne von


In Polen haben vor wenigen Tagen Tausende Menschen gegen ein Gesetzesvorhaben protestiert, das Sexualkunde-Unterricht an Schulen unter Strafe stellen will: LehrerInnen würden dann bis zu drei Jahre Haft drohen, wenn sie SchülerInnen sexuell aufklären. Der Gesetzesentwurf wurde zwar vorläufig von Polens oberstem Gericht gestoppt, die Abgeordneten der Regierungspartei PiS stimmten aber dafür, an dem Vorhaben weiterzuarbeiten.

So weit, so wenig verwunderlich. Polen ist ein gespaltenes Land, auf der einen Seite stehen diejenigen, die für Menschenrechte, Meinungs- und Pressefreiheit, für Europa kämpfen: diejenigen, die sich über den Literaturnobelpreis für Olga Tokarczuk freuen. Und auf der anderen Seite erzkonservative, nationalistische, minderheitenfeindliche Kräfte, die sich nun, nach dem erneuten Sieg der PiS-Partei bei den Parlamentswahlen, noch stärker im Aufwind sehen, und die Tokarczuk zur "Anti-Polin" erklären, wenn sie über Verbrechen spricht, die von ihren Landsleuten begangen wurden.

Bei der "sexuellen" Aufklärung geht es nicht nur um Sex als Handlung

Bevor sich jetzt diejenigen freuen, die mir immer wieder schreiben, ich solle mich "erst mal um Polen kümmern", bevor ich irgendwas an Deutschland kritisiere, sei gesagt, dass es ähnliche Versuche, sexuelle Aufklärung zu bekämpfen, auch in Deutschland immer häufiger gibt. Rechte und Konservative verwenden dafür - neben "Genderwahn" - gern den Begriff der "Frühsexualisierung": ein Kampfbegriff, hinter dem die eigenartige Angst steht, dass Kinder oder Jugendliche, die erfahren, dass es Homosexualität gibt oder dass Babys nicht vom Storch gebracht werden, rollig übereinander herfallen würden. Daraus spricht nicht nur ein beachtliches Misstrauen gegenüber der eigenen vermeintlich strammen Heterosexualität, sondern vor allem der Wunsch, sexuelle Vielfalt und Freiheit einzudämmen - und Gesundheit und Sicherheit. "Sexuelle" Aufklärung heißt nicht nur, jungen Menschen etwas über Sex als Handlung beizubringen, sondern auch über Menstruation, Geschlechtskrankheiten, sexualisierte Gewalt.

In Polen gibt es ein Fach, das "Erziehung zum Familienleben" heißt und unter anderem von Priestern unterrichtet wird. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie viel man da lernt. Das polnische Model Anja Rubik hat ein Aufklärungsbuch geschrieben und sagte im SPIEGEL-Interview, dass Jugendliche ihr erzählten, was sie bisher über Sexualität gelernt hätten: "dass sie in der Hölle schmoren werden, wenn sie sich selbst anfassen. Dass sie ihre Tage haben, weil die Gebärmutter weint, da in ihr kein Baby heranwächst". Sie war auch unter den Demonstrierenden vor dem Sejm. "Ich werde nicht aufhören, für sexuelle Bildung zu kämpfen", erklärte sie.

Verklemmtheit ist an sich erst mal nichts Rechtes

Nun gibt es das Klischee, dass Rechte eh prüde und verklemmt sind. Dass Nazis "Angst vorm Streicheln" haben, wie Die Ärzte in "Schrei nach Liebe" sangen. Und, na ja, man hat manchmal den Eindruck, sie flehen geradezu darum, so gesehen zu werden. Als kürzlich die Wissenschaftlerin Madita Oeming auf Twitter ankündigte, ein Uni-Seminar zu unterrichten, indem es um Pornos geht, begann ein Shitstorm, der unter anderem von AfD-Politikerin Beatrix von Storch auf Twitter befeuert wurde. ("Die Chinesen bilden Hunderte Millionen Ingenieure und Programmierer aus, und an deutschen Unis schaut man Pornos.") Ausgerechnet von Storch, deren Verhütungsmethode lautet "Schützt euch, indem ihr enthaltsam seid".

Und es stimmt, dass rechte Ideologien immer ein Problem mit freier Sexualität haben. Klaus Theweleit hat in "Männerphantasien" beschrieben, wie faschistische Männer versuchen, sich in ihren "Körperpanzern" zu wehren gegen alles, was ihnen zu schmutzig, zu enthemmend erscheint - und zu weiblich ("Liebe zu Frauen und Liebe zum Vaterland sind Gegensätze").

Es stimmt aber auch, dass Verklemmtheit an sich erst mal nichts Rechtes ist - und dass Rechte nicht in jeder Hinsicht "gegen Sex" sind. In ihrem Buch "Die Politisierung der Lust" beschreibt die Historikerin Dagmar Herzog, wie Erzählungen über Sexualität dazu dienen, das Selbstverständnis von Gesellschaften zu erschaffen und gleichzeitig auch Erinnerungen an andere Zeiten formulieren und manipulieren: So war es unter den 68erInnen verbreitet, die Zeit des Nationalsozialismus und die darauf folgenden beiden Jahrzehnte als sexuell repressive Zeit zu deuten. Der SPIEGEL untertitelte ein Foto von Adolf Hitler in einem Heft von 1966 mit den Worten "Sex-Kritiker Hitler".

Nazis sind sehr wohl für bestimmte Arten der Fortpflanzung

Nur sind Nazis eben nicht prinzipiell gegen Sex, sondern sie wollen Sexualität in ganz bestimmte Bahnen lenken, die ihren politischen Vorstellungen entsprechen. Dagmar Herzog schreibt, man könne das "'Dritte Reich' [...] als ein gewaltiges Unterfangen zur Steuerung der Fortpflanzung beschreiben": Heterosexuelle Arier ohne Behinderung sollten sich miteinander vermehren, alle anderen nicht. Was Rechte und Rechtsextreme auch heute noch abwehren wollen, ist nicht Sexualität insgesamt, sondern freie, selbstbestimmte Sexualität - alles Queere und alles, was nicht direkt der Fortpflanzung dient.

Es ist dementsprechend kein Wunder, dass die polnische Kampagne zum "Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Verdorbenheit" von einem Bündnis von AbtreibungsgegnerInnen initiiert wurde: Wer Frauen dazu drängen will, jede unter noch so schlechten Voraussetzungen zustande gekommene Schwangerschaft auszutragen, hat logischerweise auch ein Interesse daran, dass junge Menschen möglichst wenig Ahnung von sexueller Selbstbestimmung haben - und tut am liebsten auch gleich noch so, als gäbe es nichts als Heterosexualität. In Polen gibt es Aktionen, mit denen ganze Gegenden zur "strefa wolna od LGBT" erklärt werden sollen - "LGBT-freie Zonen".

Wer das Klischee vom generell sexfeindlichen Nazi verbreitet, tut damit Rechten und Rechtsextremen leider letztlich einen Gefallen: Nicht nur können sie sich leicht dagegen wehren, indem sie erklären, dass sie sehr wohl für bestimmte Arten der Fortpflanzung sind, sondern es werden dabei auch diejenigen unsichtbar gemacht, die hauptsächlich unter rechter Sexualpolitik leiden: Mädchen, Frauen, queere Menschen.



insgesamt 106 Beiträge
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Seite 1
banjo1071 22.10.2019
1. Schwer zu sagen
In Polen kommt natürlich die tiefe Religiösität hinzu. Solchen Zusatänder gibt es auch in anderen Staaten, in denen Kirche/Religion und Staat so symbiotisch miteinander verbunden sind. Obwohl nicht rechts regiert (im klassischen Sinne) glaube ich nicht, das es im Iran, konservativen Schulen in Israel oder in gewissen Ländern in Südamerika irgendwie gross anders ist.
stumpen89 22.10.2019
2. Machtpolitik
Die Ablehnung sexueller Aufklärung und Selbstbestimmung ist eine weitere Ausformung rechtsextremer Machtpolitik. Die neue Rechte hat in ihren Augen das Deutungsmonopol, sie entscheidet, was richtig ist und was falsch. Und wenn man sexuelle Vielfalt als 'widernatürlich' ablehnt, übt man damit selbstverständlich Macht über Menschen aus, die diesem Ideal nicht entsprechen. Es geht, wie immer bei Neonazis, Faschisten und Rassisten darum, Macht über andere Menschen auszuüben. Denn nur wer aufgeklärt und informiert ist, kann über die eigene Sexualität frei bestimmen. Und freie Menschen, egal in welchem Bereich, sind den Rechten ein Dorn im Auge, weil man über sie keine Macht mehr ausüben kann. Deshalb lehnen Rechte und Rechtsextreme Vielfalt im Allgemeinen und sexuelle Vielfalt im Speziellen ab.
spon_4_me 22.10.2019
3. Das Geschäftsmodell
von Frau Stokowski ist sagenhaft. Irgendein Publizist oder irgendeine Journalistin behauptet irgendetwas, dann - sofern es einem in den ideologischen Kram passt - ist es keine Meinung, die man mehr oder minder kritisch hinterfragen sollte, sondern: Es stimmt (sonst ist es eine isolierte rechtsextrem-faschistisch-toxisch-maskuline Meinung alter weißer Männer). Eine faszinierende geistige Parthenogenese, bei der es reicht, dass die AfD einen Wort benutzt, um es zum "Kampfbegriff" zu machen und im Empörungsgedärm zu verwursten. "Frühsexualisierung" thematisiert natürlich eine nicht altersgerechte Vermittlung von Sexualität, was der verlinkte Artikel auch gut darstellt; also etwa, wenn 9jährige alles über Analverkehr und nichts über die Struktur männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane wissen. Themen werden nicht dadurch kontrovers oder auch nur rechts, weil ungebildete AfD-Spacken sie kontextfrri verwenden. Und das "Klischee vom generell sexfeindlichen Nazi" kommt doch auch auch Margaretes Eigenanbau, oder - brauchen wir noch mehr ausser Verbrechen und Hetze, um es diesen Leuten vorzuwerfen? Jetzt sind sie auch noch frigide. Pennälerschenkelklopfer wie: Dem Führer war keiner gewachsen? Aber Dank für den Bericht von der polnischen Aufklärungsfront - ich war immer misstrauisch bei einem Land, deren Ministerpräsidentin (!) Schittklo hieß. Wie sich zeigt zu Recht.
igel-online 22.10.2019
4. Vielleicht
liegt ja schlicht in sexueller Verklemmtheit die panische Angst vieler Rechtsextremisten vor einer "Ethnomorphose" begründet. Weil sie sehen, dass andere auf dem Gebiet der Fortpflanzung erfolgreicher sind, als sie selbst. Mal an Therapie gedacht?
bangkobangko 22.10.2019
5. Etwas weit hergeholt
Mein Eindruck ist, dass Nazis soviel und so gerne Sex haben, wie andere auch. Vor allem lassen sie andere damit in Ruhe. Ganz anders hingegen die Christen und ihre Kirche. Bei denen ist es fast schon eine Obsession, sich in dir Angelegenheiten von anderen einzumischen. Allen voran ihr imaginärer Freund der bei allem zusieht. Meinem Empfinden nach einfach nur abartig und pervers.
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