Sexualstraftäter Warum "einfach anzeigen" nicht einfach ist

Nach einer Sexualstraftat wird Opfern oft geraten, Anzeige zu erstatten. Das ist verständlich - zeugt aber auch von einem naiven Glauben an Polizei und Beratungsstellen. Tatsächlich kann auch ein neuer Albtraum beginnen.

Fachtagung zur Prävention von sexuellem Missbrauch: Naiver Glaube
Julian Stratenschulte/ DPA

Fachtagung zur Prävention von sexuellem Missbrauch: Naiver Glaube

Eine Kolumne von


Wenn ein Mensch Opfer einer Sexualstraftat wird und anderen davon erzählt, kann viel passieren: Es kann sein, dass die Leute sagen, man solle die ganze Sache lieber vergessen. Es kann aber auch sehr gut sein, dass sie sagen: "Ich hoffe, du zeigst den Täter an", "Du musst damit zur Polizei", "Du musst mit einem Anwalt reden oder mit einer Beratungsstelle". Alle diese Aufforderungen sind verständlich, aber aus allen schreit auch die Unwissenheit, was es bedeuten kann, eine solche Tat zur Anzeige zu bringen. Es kann einfach heißen, dass ein neuer Albtraum anfängt.

Es soll hier nicht darum gehen, irgendwem von einer Anzeige abzuraten. Im Moment aber haben viele Menschen von diesem Vorgang eine Vorstellung, die sich selten erfüllt. Vermutlich ungefähr so: Eine Frau wird sexuell belästigt oder missbraucht, also geht sie am nächsten Tag - oder besser noch am selben - zur Polizei, natürlich mit allen nötigen Beweismitteln. Dort gibt sie bei den freundlichen Beamten alles Nötige zu Protokoll und geht nach Hause. Bald darauf bekommt sie einen Brief, dass man den Täter gefasst habe, er habe gestanden und erhalte folgende Strafe, etc. Ich weiß nicht, ob das ungefähr das Bild ist, das Leute im Kopf haben, aber weit entfernt kann es nicht sein.

Nur ein Unglücksfall?

In Lübeck steht der ehemalige Chef des dortigen Weißen Rings vor Gericht. Zwei Dutzend Frauen haben ihn angezeigt, sie werfen ihm sexuelle Belästigung vor. Zur Anklage kam es aber nur in einem Fall wegen des Vorwurfs des Exhibitionismus. Im Verfahren traten auch Zeuginnen auf, die ihre Erfahrungen mit dem Weißen-Ring-Vertreter schildern sollen.

Einige Beispiele: Eine Frau kam zu Detlef Hardt, nachdem ihr Geschäft ausgeraubt worden war. Sie berichtet, dass er immer wieder auf übergriffige Art ihre Nähe gesucht habe: Er habe sie an die Brust fassen wollen, anzügliche Sprüche gemacht und sie einmal auf einen abgelegenen Parkplatz gefahren, laut ihrer Aussage mit eindeutigen Absichten, die sie aber zurückgewiesen habe. Eine andere Frau kam zum Weißen Ring, nachdem ihr Mann ihr gegenüber gewalttätig geworden war. Hardt habe ihr an die Brust gefasst und sie gegen ihren Willen geküsst. Wieder eine andere Frau berichtet, Hardt habe ihr geraten, ihr ungeborenes Kind zur Adoption freizugeben und sich zu prostituieren, und vor ihr masturbiert. Der Mann bestreitet alle Vorwürfe.

Nun könnte man sagen, ja, dieser Leiter des Weißen Rings in Lübeck wäre ein Fall, ein sehr unangenehmer, aber doch nicht die Regel. Ein Unglücksfall für den Weißen Ring, könnte man sagen. Vielleicht. Andererseits kann ich berichten, dass ich selbst vor einigen Jahren wegen eines Vergewaltigungsfalles mal einen Beratungshilfe-Schein von dieser Organisation haben wollte - eine Art Gutschein, mit dem eine Beratung bei einer Anwältin bezahlt wird, wenn man ein geringes Einkommen hat.

Das zuständige Amtsgericht hatte meinen Antrag abgelehnt, weil mein Fall angeblich zu lange her war (auch eine sehr unangenehme Erfahrung). Ich wollte zum Weißen Ring und mehrere Frauen, die mit ihm Erfahrungen hatten, rieten mir ab. Das heißt, ich wollte zu einer der größten Opferhilfsorganisationen, und mir wurde davon abgeraten.

Ich könne den Schein zwar kriegen, aber es könnte gut sein, dass im Zuge dessen ein pensionierter Polizist seinen Arm um mich legt, um mich zu trösten, so ungefähr formulierten es die Frauen. Ich ging trotzdem hin, bekam den Schein, niemand legte einen Arm um mich, aber beide Kontakte, telefonisch und persönlich, verliefen nicht gerade glücklich, gelinde gesagt. Kurzgefasst, in einem Fall onkelig-flapsig, im anderen aggressiv bevormundend. Beide Male nichts, was ich als Unterstützung bezeichnen würde.

Es braucht viel Kraft, den Täter anzuzeigen

Kürzlich wurde ein Fall publik, bei dem Polizeibeamte in Mecklenburg-Vorpommern versuchten, Teenagern nahezukommen. Eine 15-Jährige etwa hatte Anzeige erstattet, weil Bilder von ihr beim Sex online gestellt worden waren. Der Polizist, der die Anzeige aufgenommen hatte, lud das Mädchen daraufhin per SMS zu einem Fotoshooting ein. Die Porträts landeten unter anderem auf seinem Instagram-Profil.

In Österreich gibt es Pläne von ÖVP und FPÖ, das dort geltende Gewaltschutzgesetz so zu ändern, dass ärztliches Personal einer gesetzlichen Anzeigepflicht bei begründetem Verdacht etwa einer Vergewaltigung unterliegt, das heißt: Egal, ob die betroffene Person will oder nicht, der Fall soll zur Anzeige gebracht werden.

Es gibt viel Kritik daran und unter anderem die Befürchtung, dass Betroffene sich im Falle eines solchen Gesetzes nicht mehr ärztlich untersuchen lassen, weil sie keine - vielleicht noch keine - Kraft haben, den Täter anzuzeigen. Sei es, weil sie noch mit ihm zusammenwohnen oder er noch ihr Vorgesetzter ist, sei es, dass sie nicht genügend Beweise haben, die Gründe können sehr verschieden sein. (Die Journalistin Nicole Schöndorfer hat dieses Gesetzesvorhaben in ihrem Podcast analysiert.)

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:21 Uhr
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Das soll alles nicht heißen, dass Menschen sexualisierte Gewalt nicht anzeigen sollten. Allerdings zeugt der Tipp "zeig doch einfach an" oft von einem naiven Glauben daran, dass Gewaltopfern bei Polizei, Beratungsstellen und Gerichten prinzipiell vorbildlich geholfen wird.

Viele Opfer wissen das, weil sie sich mit anderen austauschen oder ihre Tat und deren Verfolgungsmöglichkeiten einigermaßen einschätzen können, und wägen deshalb genau ab, ob und wann sie sich zu einer Anzeige oder einer anwaltlichen Beratung entschließen. Es kann sein, dass sie dafür Jahre brauchen. Nicht, weil sie zu schwach oder zu langsam sind, sondern weil sie wissen, welche Arbeit und Belastung möglicherweise noch auf sie zukommt - zusätzlich zu dem Leid, das ihnen ohnehin schon widerfahren ist.

insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
Wiggins 03.09.2019
1. leider kontraproduktiv
Unbestritten: die beschriebenen Fälle gibt es wirklich. Was den betroffenen Frauen geschehen ist, ist ekelhaft, sowohl beim ersten (Belästigung/ Vergewaltigung) wie beim zweiten Mal (Anzeige, Nichtglauben, erneuter Missbrauch/ Belästigung). Soweit hat Frau Stokowski Recht. Aber, leider: ihrer Kritik stehen keine Zahlen gegenüber, wieviele Missbrauchs-Opfer verständnisvolle, professionell und hilfreich agierende BeamtInnen gefunden haben und mit ihrem Anliegen an der richtigen Stelle waren. "Leider" deswegen, weil der Text so ein einseitiges, negatives Bild entstehen lässt, dass gerade nicht dazu motiviert, Sexual-Straftäter anzuzeigen sondern davon abschreckt. Bärendienst?
spon-facebook-10000468741 03.09.2019
2. Bessere Alternative?
Den "zeig-den-Täter-an!"-Menschen Naivität vorzuwerfen ist gelinde gesagt eine Unverschämtheit. Was ist denn bitte die Alternative zum Anzeigen? Selbstjustiz? Wohl eher nicht. Die Erfahrungen (versuchen) zu verdrängen bis sie nach Jahren vulkanartig aus einem heraussprudeln und dann erneut verdrängen? Auch das kann keine Lösung sein. Schlechte eigene Erfahrungen aufzuzeigen ist vollkommen legitim und Besserung von Beratungsstellen zu fordern ebenfalls. Aber Menschen mit scheußlichen Erfahrungen einen weiteren Grund (diesen Artikel!) zu geben nicht professionelle Hilfe aufzusuchen ist komplett daneben.
Wanne42001 03.09.2019
3. Aber...
Aber was ist die Alternative zur Anzeige? Selbstjustiz oder Lynchjustiz durch Veröffentlichung u gesicherter Vorwürfe ja wohl nicht...
dasfred 03.09.2019
4. Ein Thema, für das es kein Patentrezept gibt
Ob Frau, Oder eben auch Mann, nach einer Vergewaltigung Anzeige erstatten sollte, ist von vielen Faktoren abhängig. Gibt es ausreichend Material, dass die Tat zweifelsfrei belegen kann? Wie war die Situation? Hat der/die Betroffene zuverlässigen Unterstützung durch Freunde? Wie ist die psychische Situation? War der Täter ein Fremder oder kommt er aus dem engsten Umfeld? Welche Auswirkungen wird eine Anzeige auf die Umgebung des Opfers haben? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, noch wichtiger, als eine Anzeige, die bestenfalls eine kleine späteren Genugtuung liefert, ist die schnellstmögliche Aufarbeitung der traumatischen Erfahrung. Nur dann verhindert das Opfer, ein Leben lang Opfer zu bleiben. Wird dieser Punkt verpasst, können noch nach Jahren Posttraumatische Belastungen auftreten, die sich auch in der Partnerschaft auswirken können. Ich fand die heutigen Kolumne sehr gut, weil sie auch nicht Betroffene zum Nachdenken über die Materie, über Täter und Opfer anregt.
kaltmamsell 03.09.2019
5. Selbst ohne Debatte ein sehr wichtiger und richtiger Beitrag
von Frau Stokowski. Danke dafür. Neben der bekannten Konstellation Verwandtschaft und Autoritätspersonen allgemein im privatwirtschaftlichen und öffentlichen Sektor haben wir übrigens auch noch den etwas besonderen Problemkreis übergriffiger Einzelpersonen im medizinischen Fachpersonal.
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