Margarete Stokowski

Belästigungsdebatte Bis es peinlich wird, nichts zu wissen

Die Belästigungsdebatte verunsichert Sie? Sie wissen nicht, was jetzt noch erlaubt ist? Ignoranz ist jedenfalls keine Option mehr - denn es gibt da einen ganzen Forschungszweig, der weiterhelfen kann.
Party in Berlin

Party in Berlin

Foto: Jens Kalaene/ dpa

Die Sexismusdebatte mag nicht so recht abflauen. Das ist ganz angemessen, denn Sexismus mag ja auch nicht so recht abflauen. Im Moment werden jeden Tag neue Geschichten öffentlich, in denen es um Belästigung oder Missbrauch geht. Vergangene Woche ging es an dieser Stelle darum, wie von der Schuld der Täter abgelenkt wird und wer sich mitschuldig macht, wenn Belästigung und Missbrauch verdeckt werden. Es gibt diese Leute, die erklären wollen, dass Flirten ja wohl immer ein bisschen übergriffig ist und der lustige Tanz der Geschlechter doch eh nur ein Spiel ist ; da sind manche Frauen schlimmer als Franz Josef Wagner. Aber neben denen, die Übergriffe kleinreden oder eine neue Prüderie wittern, gibt es auch die, die ernsthaft interessiert, entsetzt und änderungswillig sind.

Manchmal kleidet sich der junge Wunsch nach Änderung in die leider gar nicht so kleidsame Frage: "Was darf man denn als Mann überhaupt noch?" Der "Berliner Kurier" titelte am Freitag mit der Erklärung : "Was Mann darf". Das wäre fast schon süß, wenn es nicht so ausgelutscht wäre. Männer dürfen offensichtlich sehr viel, ohne bestraft zu werden, die Frage ist nur, ob sie es auch sollten.

Zu fragen, was Männer jetzt überhaupt noch dürfen, impliziert, dass nun hauptsächlich die Freiheiten von Männern beschnitten oder zurechtgestutzt werden sollen. Als ginge es nicht viel eher darum, welche Freiheiten Frauen bisher oft fehlten und was eigentlich normal sein sollte - nämlich sich im öffentlichen Raum oder in beruflichen Kontexten zu bewegen, ohne befürchten zu müssen, dass sie blöd angemacht werden.

Nun gilt, was bei den einen "blöd angemacht" ist, bei einigen anderen immer noch als Kompliment, für das Frauen dankbar sein müssten. Das ist nicht neu. Die Idee, das Kompliment könnte aussterben , gibt es in jeder Sexismusdebatte. Dazwischen sterben jedes Mal zahlreiche Tier- und Pflanzenarten aus, aber das Kompliment hat bisher überlebt. Komplimente bleiben tatsächlich weiterhin möglich. Im Job dürfen Sie Frauen Komplimente machen, wenn sie gut gearbeitet haben, es ist ungefähr alles erlaubt, was nicht die Formulierung "als Frau" enthält: exakt dieselben Komplimente, die Sie auch einem männlichen Kollegen machen würden. So einfach. Mehr brauchen Frauen auch nicht.

Aber über Komplimente zu reden, wo es um Belästigung geht, ist blöd und billig, denn die große Frage ist nicht, was dürfen Männer noch, sondern: Wie vermeiden wir Belästigung und Unfreiheit? Und das ist komplizierter. Dafür ist allerdings die #metoo-Aktion als Lernmaterial geradezu ein Geschenk, weil sie so unspezifisch ist: Unter #metoo finden sich Erzählungen über blöde Sprüche, kurze unerwünschte Berührungen, gröbere Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen.

Vorarbeit für den Machterhalt

Das bedeutet nicht, dass all diese Fälle gleich schwerwiegend sind, sondern es deutet an, dass sie alle entlang derselben Machtgrenzen geschehen und sich zu einem Kontinuum anordnen lassen, das nicht durch Zufall oder Magie entsteht. Es lässt erahnen, dass all diese Taten im alltäglichen Denken und Handeln von Menschen begründet liegen und dort beginnen, wo ein Mensch das Gefühl hat, er hätte das Recht, in die Freiheit eines anderen einzugreifen, sei es kommentierend oder tätlich.

Das beginnt auf ganz harmlose Art schon im Umgang mit Kindern , wenn kleine Mädchen immer wieder Lob dafür kriegen, wie sie aussehen, und Jungs dafür, was sie tun. Oder wenn man Mädchen beibringt, dass es wichtig ist, nicht zickig und anstrengend zu werden. Und jetzt das Neue: Es muss normaler werden, diese Vorarbeit zu sehen, die die meisten von uns tagtäglich leisten, um Machtstrukturen zu erhalten, diese Vorarbeit, die weg muss, wenn sexualisierte Gewalt weg soll.

Denn im Moment ist es noch so, dass man mit Nichtwissen in Genderfragen sehr gut weiterkommt. Es ist immer noch salonfähig, nicht zu wissen, wie sich im Alltag Geschlechterrollen verfestigen, und es ist völlig normal, damit zu kokettieren, dass man nicht weiß, was genau diese Gender Studies eigentlich tun (was natürlich auch daran liegt, dass von deren Arbeit medial oft nur die besonders freakig zu erzählenden Pointen ans Licht kommen).

Es ist tatsächlich sogar immer noch üblich, keine Ahnung davon zu haben, welches die grundlegenden Einsichten der sogenannten Zweiten Welle des Feminismus waren, also der Frauenbewegung der Siebzigerjahre, unter anderem der Satz: Das Private ist politisch. Es muss peinlich werden, diese Dinge nicht zu wissen, so wie es peinlich ist, wenn man denkt, der Käse würde im Kühlregal wachsen. Es sollte zum Allgemeinwissen gehören, dass am Anfang eine Kuh im Spiel ist, oder eben: Sozialisation und Herrschaft.

Nicht von null anfangen

Das sage ich nicht, damit meine Themen angesehener werden, sondern zum einen, weil ich das alles selbst gern früher gewusst hätte und mir damit vieles erspart geblieben wäre. Und zum anderen (und vor allem): weil Leute ständig danach fragen. Es gibt ein wahnsinniges Bedürfnis, die Unfreiheiten zu verstehen, die mit Geschlechterdingen einhergehen, und das Gute ist, dass es Menschen gibt, die seit Jahrzehnten daran arbeiten. Wir müssen heute nicht von null anfangen.

Es wäre zugegeben leichter, einfach Listen von Handlungsanweisungen an Männer zu verteilen , aber ich käme mir blöd vor dabei. Man kann natürlich Tipps geben wie: Unterbrechen Sie keine Frauen, labern Sie keinen unprofessionellen Scheiß, nehmen Sie Frauen ernst und fassen Sie andere Leute nicht zur Unzeit an. Unterbrechen Sie als Mann andere Männer, wenn sie Quatsch machen . Natürlich.

Aber: Ich glaube, dass die Art von Revolution, die im Gange ist, wenn sexuelle Belästigung abgeschafft werden soll, nicht über To-do-Listen funktioniert. Ernsthaftes politisches Engagement entsteht nicht aus dem Befolgen von Regeln, sondern aus einem grundlegenden Gefühl von Verantwortung und direkter Zuständigkeit.

Der Autor Christian Gesellmann wünscht sich, "dass Frauen Männern öfter sagen, wenn sie Idioten sind" . Ich meine, hey, es gibt Leute, die finden, dass ich damit mein Geld verdiene, und ich finde diesen Wunsch schon nachvollziehbar und teils berechtigt, aber nur teils: Denn die eigentlich große Aufgabe für Männer ist, sich beim Thema Sexismus auch eigenständig zu informieren. Erwarten Sie nicht von Frauen, dass sie Sie ehrenamtlich fortbilden. Die Bibliotheken und Internetseiten dieser Welt stehen Ihnen offen. Das wäre meinerseits der einzige Punkt auf einer revolutionären To-do-Liste.

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