Margarete Stokowski

Sexuelle Gewalt Lernt, was eine Vergewaltigung ist

Eine EU-Studie offenbart erschreckende Einstellungen der Deutschen zu Vergewaltigung. Aber wie sollte es auch anders sein, wenn nicht mal vermeintliche Experten sensibel mit dem Thema umgehen?
Demo gegen sexuelle Gewalt

Demo gegen sexuelle Gewalt

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Das liest sich zutiefst beschissen: "Jeder vierte Deutsche findet Vergewaltigungen okay - manchmal", so war es am Montag auf "Welt Online" zu lesen . Jeder Vierte? Kann das sein? Jede Vierte auch? Und wie oft ist "manchmal"?

Der Artikel bezog sich auf eine Umfrage der Europäischen Kommission  (PDF). Zum "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen" veröffentlichte diese in der vergangenen Woche unter anderem Zahlen darüber, was die Leute so über Vergewaltigung denken, wobei Vergewaltigung heißt: Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung. Die Ergebnisse sind, gelinde gesagt, unangenehm.

Von 27.818 interviewten EU-Bürgern fanden 27 Prozent, dass es unter bestimmten Umständen in Ordnung ist, jemanden zu vergewaltigen. Gleiche Zahl, 27 Prozent, für Deutschland. 17 Prozent fanden, "dass Gewalt gegenüber Frauen oft vom Opfer provoziert wird" (in Deutschland: 19 Prozent). Als Beispiele, wann es okay ist, jemanden zu vergewaltigen, nannten einige: Wenn die betroffene Person Drogen genommen hat oder besoffen ist. Wenn sie freiwillig mit nach Hause gekommen ist. Oder wenn sie freizügige Kleidung trägt.

"Wie kann das sein?", fragte "Welt Online" und fand, es sei vielleicht auch ein sprachliches Problem. In den Interviewfragen hieß es nämlich: "Es gibt Personen, die finden, dass Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung unter bestimmten Umständen gerechtfertigt ist. Glauben Sie, dass dies bei folgenden Situationen zutrifft?"

Da wurde nicht gefragt: "Glauben Sie, dass man Menschen manchmal vergewaltigen darf?" Also schrieb "Welt Online": "Wäre der Begriff schon in der Frage gefallen, wären die Ergebnisse womöglich anders ausgefallen. So sehr beide doch das gleiche, unentschuldbare Verhalten zum Ausdruck bringen."

Nun ja. Das Problem ist: Auch im Real Life hat kein Mensch ein Display im Gesicht, auf dem im Ernstfall aufblinkt: "Achtung, Sie sind kurz davor, jemanden zu vergewaltigen. Möchten Sie fortfahren?" Die gefühlte Differenz zwischen "Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung", was für viele einfach abstraktes Zeug ist, und dem harten Begriff "Vergewaltigung" spiegelt sich in der Uninformiertheit vieler Menschen wider, wenn es um sexuelle Gewalt geht. Es gibt Leute, die eine Vergewaltigung nicht anzeigen, weil sie ja "nur oral" war und andere, denen schlicht nicht klar ist, dass es nicht okay ist, Ohnmächtige zu penetrieren.

Nach allem, was zum Fall Gina-Lisa Lohfink geschrieben wurde, ist es gut denkbar, dass alle drei Beteiligten - die zwei Männer und Gina-Lisa Lohfink - zum Zeitpunkt der Tat keinen besonders, nun ja, geschulten Begriff von Vergewaltigung hatten. So etwas entschuldigt kein Verbrechen, aber es macht die Aufklärung auch nicht einfacher. Es ist ein Problem, dass es nicht selbstverständlich ist, in der Schule oder von den Eltern zu lernen, was eine Vergewaltigung ist. Es ist ein Problem für Frauen und Männer.

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Stokowski, Margarete

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Vergewaltigungen passieren nicht einfach, weil viele Menschen böse oder triebgesteuert sind. Sie passieren, weil Menschen die Grenzen anderer Menschen überschreiten, und das teilweise ohne sich dessen bewusst zu sein oder im Glauben, sie dürften das, weil sie sich das Recht in einer Vorgeschichte - Essen ausgegeben, Getränke gekauft, nach Hause gebracht - quasi erkauft haben.

Einerseits scheint es logisch: Schon klar, dass man niemanden vergewaltigen sollte. Andererseits ist es offenbar doch nicht so klar. Es scheint zwar inzwischen auch Konsens zu sein, dass Eltern ihre Kinder nicht schlagen sollten - aber für manche ist eine Ohrfeige eben kein Schlag. Ähnlich ist es mit Gewalt zwischen Erwachsenen. Als ich mal in einem Text eine Studie erwähnte, in der es um Gewalt in Beziehungen ging, versuchten mich Leser darauf hinzuweisen, dass die Prozentangaben völlig irreführend und übertrieben seien, weil darin unter "Gewalt gegen Frauen" auch Fälle stünden, bei denen der Partner die Partnerin nur mal geschubst habe. Ach so.

Sie waren damit zumindest in nicht allzu kleiner Gesellschaft. Dass Frauen bei Missbrauchs- oder Vergewaltigungsvorwürfen oft übertreiben oder Taten erfinden, fanden in der EU-Studie 24 Prozent der Deutschen (EU-Durchschnitt: 22 Prozent).

Wie könnte man Leuten beibringen, wo das Problem liegt? Die Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten Baden-Württemberg hat neulich einen bizarr schlechten Kinospot zurückgezogen , der zur Kampagne "Stop Rape!"  gehörte. (Auf ihrer Facebook-Seite brilliert sie mit so genialen Parolen wie "Sexismus ist ein No-Go, erst recht in Schwäbisch Hall ".) Es handelte sich um einen kurzen Film, den Studierende einer Konstanzer Hochschule für das Kinovorprogramm gedreht haben. Darin drückt ein Mann eine Frau auf einen Küchentisch und vergewaltigt sie. Dann sieht man sein grinsendes Gesicht, er erklärt, wie gut das Treffen mit der Frau gewesen sei, "war schon geil". Am Ende wird ein Text eingeblendet, in dem steht, dass jede dritte Minute eine Frau in Deutschland vergewaltigt wird.

Hätte ich diesen Spot im Kino gesehen, wäre mir mein Popcorn hochgekommen. Nachdem vielfach kritisiert wurde, dass der Film erstens Opfer retraumatisieren kann und zweitens nicht unbedingt dazu dient, Täter abzuschrecken, wurde er aus dem Vorprogramm genommen und von der Facebook-Seite gelöscht. Eine Kampagne von vermeintlichen Expertinnen und Experten. Es ist 2016, und wir sind noch sehr weit am Anfang.