Shakespeare im Zelt Der Krieg frisst die Liebe

Sommerlich leicht beginnt die Thalia-Inszenierung von "Viel Lärm um Nichts" in einem Zirkuszelt am Elbufer. Doch der junge Regisseur David Bösch wollte keine belanglose Sommerkomödie abliefern – er dreht Shakespeare durch den Wolf und lässt das Liebesglück des Originals am Ende im Blut versinken.

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Es ist nur ein kleiner Schritt von der Komödie zur Tragödie. Eine kleine Verspätung, eine verpasste Rettung in letzter Sekunde, und was vor dem Altar hätte enden sollen, endet auf dem Kirchhof. In Shakespeares Komödien klappt es am Ende dann doch, in der Regel – nicht aber in der Version von "Viel Lärm um nichts ", die David Bösch für das Thalia Theater inszeniert hat, in einem auf Sand gebauten Zirkuszelt zwischen den Backstein-Neubauten der Hamburger Hafencity und der Elbe. Bei Bösch, Jahrgang `78, wird aus dem lustigen Beziehungsringelreihen nach zweieinhalb Stunden ein Gemetzel von fast Macbeth’schen Ausmaßen.

Shakespaeare-Zelt: Zirkusatmosphäre am Hamburger Elbufer
Patrick Bannwart

Shakespaeare-Zelt: Zirkusatmosphäre am Hamburger Elbufer

Eigentlich geht es in "Viel Lärm um Nichts " um die Liebe, die endlich einziehen kann, nachdem der Krieg vorbei ist. Und um Benedikt und Beatrice, die beide gar keinen Partner wollen. Hochmodern, das Ganze – beziehungsunwillige Heiratsfähige, die sich mit lustigen Sprüchen den Ernst des Lebens vom Leib zu halten versuchen. Sitcom-Personal gewissermaßen. Den sich aufdrängenden Kommentar zum allgemeinen demographischen Lamento jedoch vermeidet Bösch. Er wird nur einmal kurz über die Bühne geschwenkt als Claudio, der zweite Liebessucher in "Viel Lärm um nichts " ausruft: "Die Welt muss bevölkert werden! " Es bleibt jedoch bei der Absichtserklärung.

Ansonsten nämlich sind die Kriegsheimkehrer zunächst vor allem kindlich fröhlich, brausen nach der Landung in ihren Fallschirmjäger-Overalls auf Mofas durch das Zirkuszelt am Elbkai, essen mit den Mädchen Eis am Stil, spielen mit Herzchen-Ballons und singen schmalzige Schlager zur Gitarre. Drinnen, auf der kreisrunden Drehbühne von Patrick Bannwart, einem wahrhaftigen Liebeskarussell inklusive Strandbar-Lichterketten, herrscht zunächst die gleiche sommerliche Leichtigkeit wie draußen vor dem Zelt. Da steht das Publikum mit Weingläsern im rosagrauen Abendlicht, aus Strandlautsprechern an windschiefen Masten klingt leicht blecherne italienische Schlagermelancholie, Damen mit Dreiviertelhosen spazieren barfuß durch den Sand. Alles ist schwebend und ein bisschen entrückt – Fellini-Stimmung gewissermaßen.

Und die herrscht zunächst auch auf der Bühne, Zirkusatmosphäre im Zirkuszelt. Das Ensemble spielt mit Lust und Schwung, macht in der Tat viel Lärm. Sandra Flubacher begeistert als heiter-melancholische Zofe Margarethe, macht das Premierenpublikum sogar zum lockrufenden Komplizen bei der Kuppel-Intrige, die Beatrice und Benedikt zusammenbringen soll. Flubacher tanzt mit einer Tüte Konfetti, Tim Poraths Claudio singt in eine Blume, Alexander Simons Benedikt streitet ausgelassen mit Judith Hofmann als Beatrice und bittet dann das Publikum, doch mal schnell ein Foto von den beiden zu machen. Claudio will Hero heiraten, und das klappt auch fast. Die erste Intrige, die Don Pedros böser Bruder Don Juan spinnt, ist schnell aufgedeckt und richtet keinen Schaden an. Der Text ist bis aufs Skelett entschlackt, damit mehr Raum bleibt für die Spielfreude.

Eine Umarmung, die zum Schwitzkasten wird

Unter der sommerlichen Oberfläche aber lauert der Krieg, aus dem die Männer eben erst zurückgekehrt sind. Ihre Kampfanzüge behalten sie an. Match-Maker Don Pedro ist ein manisch-depressiver Romantiker mit finster dräuendem Blick, der an Einsamkeit leidet, seinen missratenen Bruder wie ein strafender Mafioso zusammenschlägt. Bösch lässt seine Kriegsheimkehrer im Lauf der Zeit immer mehr Gewaltspiel-Klischees aus dem Kino vorexerzieren – der Kopf, der am Haar gepackt und immer wieder unter Wasser gedrückt wird, die Umarmung, die zum Schwitzkasten wird, der Revolver mit nur einer Kugel irgendwo in der Trommel, Benzinkanister und Zigarette. Der Krieg hat die Liebe, zumindest die glückliche, unmöglich gemacht.

Und so trickst Don Juan mit seinen Schergen den weichen Wirrkopf Claudio aus, überzeugt sogar Heros Vater, dass seine Tochter eine Schlampe ist, dass sie die Ehe schon gebrochen hat, bevor sie überhaupt geschlossen wurde. Claudio und Don Pedro schwören Rache, die riesige rosa Hochzeitstorte, die nach der Pause die Bühnenmitte ausfüllt, stürzt schnell zusammen.

Beatrice fordert Benedikt, den sie doch gerade erst für sich entdeckt hat, auf, die Schande ihrer verleumdeten Cousine zu sühnen. Benedikt, der sich auf emotionalem Neuland befindet - Alexander Simon lässt ihn stottern, zögern, murmeln, unvermittelt kichern, dass es eine Freude ist – Benedikt also soll nun zum Rächer werden, soll sich gegen seine Freunde wenden. Bei Shakespeare ist der Termin für das Duell erst am nächsten Tag, so dass noch Zeit bleibt für Rettung, für ein paar Clownereinen und ein Happy End. Bei Bösch ist der Krieg in den Männern zu mächtig, die Clowns sind gestrichen. Es gibt eine spätwesternhafte Bauchschuss-Szene, einen ausgedehnten Liebestod – und am Ende schweben die Herzballons der nun wieder einsamen Damen hinauf in die Zeltkuppel und verschwinden. All das ist folgerichtig, aber auch sehr schade. Man hätte diesem Ensemble das Happy End gegönnt.

Mit der Sommerleichtigkeit ist es vorbei, und draußen ist es auch schon dunkel. Die angestrahlten Kräne auf der anderen Seite des Flusses und die finsteren Fassaden der Hafencity – plötzlich erinnern sie viel mehr an Scorsese als an Fellini.



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