Shakespeare-Premiere am Burgtheater Großer Rave im alten Rom

Love Parade und römische Triumphzüge funktionieren nach denselben Regeln: Stefan Pucher inszeniert am Wiener Burgtheater Shakespeares "Antonius und Cleopatra" als glitzernde Metrosexuellen-Show. Dafür buhte ihn das Premierenpublikum zornig aus - absolut zu Unrecht!
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Metrosex am Burgtheater: Die spinnen, die Wiener

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Der Schauspieler Alexander Scheer, bekannt aus Kinohits wie "Sonnenallee", gilt vielen aufgeschlossenen Theaterfreunden als begnadeter Teufelskerl auf den Spuren Klaus Kinskis. Leider gibt es aber auch den Rockmusiker Alexander Scheer. Der möchte gern Keith Richards sein und ist mehr Florian Silbereisen. Im Wiener Burgtheater hat nun der Regisseur Stephan Pucher das Beste aus den zwei unterschiedlichen Begabungen Scheers gemacht.

Er lässt ihn einen römischen Herrscher spielen, der Octavian heißt, aber es jederzeit mit Caligula aufnehmen könnte, ein mit den langen Knochen schlackerndes, eitles, zähnefletschendes, komisches, mörderisches Kind. Das ist ein großer Spaß. Und er lässt Alexander Scheer mit seiner Rocktruppe auftreten und auf Englisch singen. Das ist ein großer Krach. Aber es dient in "Antonius und Cleopatra" auch bloß als Schlachtenlärm, um zu zeigen: So schlimm hört sich Krieg an.

Stefan Pucher ist der letzte echte Pop-Begeisterte unter den Regisseuren in der ersten Liga des deutschsprachigen Theaters. Er hat sich von der Kostümbildnerin Annabelle Witt mal wieder so traumhaft schöne Schwulen-Leibchen und Silberstiefel, Paillettenkleider und goldene Büstenhalter zusammentragen lassen, dass man schon wegen dieser tollen Kleider fröhlich "Aaah!" und "Uiii!" schreien möchte, wenn seine Helden auf den Brettern des Burgtheaters Einzug halten.

Noch bezaubernder ausstaffiert sind die prachtvollen Triumphwägen, die hier einer nach dem anderen vorn an die Rampe zuckeln, um uns mit der ganzen Rasselbande um Antonius und Cleopatra und ihren Widerstreiter Octavian bekanntzumachen. Allesamt fahren sie im grandios Kitsch-seligen Bühnenbild von Barbara Ehnes auf phantastischen Love-Parade-Gefährten ein. Auf einem sieht man zum Beispiel zwei blau leuchtende, monströse Seepferchen. Auf einem anderen zwei majestätische Elefanten, zwischen denen Cleopatra später Hof halten wird. Der allererste Liebeswagen aber ist ein fahrbarer Whirlpool aus Glas, in dem Antonius und Cleopatra, unser auch nach mindestens zehnjähriger Affäre immer noch total ineinander vernarrtes Heldenpaar, ihre halbnackten Körper in einer großen Ladung Badeschaum aneinanderreiben.

"Du warst doch schon halb vergammelt"

"Antonius und Cleopatra" ist die Geschichte eines Untergangs aus sexueller Hörigkeit. Der tapferste Krieger des römischen Imperiums und die mächtigste Frau der Welt verspielen ihre Macht und ihr Leben, weil ihre Hormone verrückt spielen. Am Anfang des Stücks erfährt Antonius - schon seit Jahren der weiße Mann im Bann der dunkelhäutigen vermeintlich Wilden -, dass daheim in Rom seine Ehefrau Fulvia gestorben ist. Er muss in die Hauptstadt, um seinen Herrschaftsanspruch zu sichern. Nur widerwillig lässt ihn Cleopatra ziehen. In Rom versöhnt sich Antonius mit seinem stärksten Feind Octavian. Er willigt ein, sich mit ihm und dem schwachen Lepidus die Macht zu teilen und Octavians Schwester zu heiraten. Weil seine Brunst Antonius aber wieder in Cleopatras Arme treibt, bricht bald der große Krieg mit Octavian los.

In Wien macht Pucher aus diesem finsteren, mit dem ebenso blutigen "Macbeth" verwandten Stoff eine melodramatische Hommage an "Lawrence von Arabien" und andere orientbegeisterte Schmachtfetzen. Seine Cleopatra ist Catrin Striebeck, die einen schönen Körper, eine famose Nase und ein wunderbar schrilles Brüllorgan besitzt - überhaupt spielt sie, als sei sie "Asterix und Cleopatra" entsprungen. Den Antonius spielt Wolfram Koch als graubärtigen, verlebten Altplayboy, der ausstaffiert ist als Doppelgänger des libyschen Diktators Gaddafi und sich offenbar nicht bloß die Lust zum Kriegführen aus dem Hirn gevögelt hat, sondern auch seinen Charme: "Du warst doch schon halb vergammelt, als ich dich aufgelesen hab", raunzt er Cleopatra an. Sie aber lässt ihn cool abtropfen: "Ich bitte dich, bausch deinen Abgang nicht so auf."

Wir sehen also einem alternden Liebespaar zu, das sich zofft und doch unrettbar aneinander klebt. Dagegen stellt Pucher die irre One-Man-Show des Octavian, der nur sich selber liebt - und deshalb gewinnt. Octavian darf sich Cäsar nennen, und Alexander Scheer zeigt, was man so landläufig unter Cäsarenwahn versteht. Er tänzelt und feixt, leckt die Lippen und schmollt, er wütet und stampft mit seinen Silberstiefeln auf wie ein römischer Rumpelstilz.

Zwei Stunden hat diese Comicversion von "Antonius und Cleopatra" einen schönen Schwung, wenn es jedoch nach der Pause auf einem Segelboot mit Leuchtglobus in die Schlacht und dann ans Sterben geht, gerät Pucher etwas außer Puste. Dafür bricht am Ende wütendes Buhgeschrei im Premierenpublikum los, als sich der Regisseur und seine beiden Glamour-Fachfrauen für Bühne und Kostüme am Ende verneigen. Diese ungnädige Reaktion ist noch ein bisschen ungerechter als der Aufstieg des irren Octavian auf den Alleinherrscherthron in Rom. Denn Stefan Puchers Wiener Shakespeare-Arbeit ist ein wunderbar schillernder, schlauer Spaß in einer bisher weit und breit praktisch völlig humorlosen Theatersaison. Die spinnen, die Wiener!

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