Shakespeares "Sonette" in Berlin 400 Jahre Leidenschaft

Liebeslyrik im Hightech-Gewand: Im Berliner Ensemble inszeniert Regiestar Robert Wilson Shakespeares Sonette als farbenfrohe Travestieshow. Der Dichter wird dabei von einer 86-jährigen Schauspielerin gespielt - und Georgette Dee kann als stimmgewaltiger Pausenclown glänzen.

Von Christine Wahl


Die erfreulichste Osterbotschaft aus dem Berliner Ensemble lautet: Beim römischen Liebesgott Amor, auch Cupido genannt, scheint die Krise noch nicht angekommen zu sein. Jedenfalls sind keinerlei Anzeichen zu vermelden, dass die herzige Putte ihren Gürtel bisher auch nur einen Millimeter enger schnallen musste. Im Gegenteil: Wie ein Barockengel aus der Gemäldegalerie schwebt Cupido (Georgios Tsivanoglou) über die Bühne, den Wohlstandsbauch mit einem transparenten Stretch-Hemdchen extra wirkungsvoll in Szene gesetzt.

Seinen Pfeil richtet er auf die verzückte englische Königin Elizabeth I. Die sitzt, ebenfalls wie aus einem Kunstwerk gefallen, im Reifrockkleid zur aufwendigen hennaroten Turmfrisur auf einem Thron, der jede Design-Messe adeln würde. Auf heftige Donnerschläge aus der Hightech-Soundabteilung wechselt dazu das Licht von Orange zu Blau, von Blau zu Weiß: Herzlich willkommen im Edeldesigntheater des Robert Wilson!

Diesmal sind es William Shakespeares "Sonette", die der texanische Künstler im Berliner Ensemble in seine durchgestylten Bilderwelten taucht. Das 154 Sonette umfassende Werk aus dem Jahr 1609 gilt bis heute als Muster hochkultureller Liebeslyrik. Kunstvoll besungen werden darin zunächst ein adonisartiger junger Mann, später eine "Dark Lady" mit angeblichen optischen Defiziten bei umso heftigerer sexueller Anziehungskraft. Ein rivalisierender Poet und männliche Interessenskollisionen um die dunkle Dame liefern den nötigen amourösen Sprengstoff.

Mit anderen Worten: Eine absolut zeitlose Angelegenheit, findet die Kult-Chansonette Georgette Dee, die "Die Zeit" einmal zu "Deutschlands größter lebender Diseuse" adelte. "400 Jahre Sonette. 400 Jahre Liebe, Leidenschaft, Hass - voll meine Themen", ruft sie mit extra dick unterstrichener Ironie von der Rampe. Georgette Dee wurde für diesen "Sonette"-Abend offenbar engagiert, um etwaigen orientierungslosen Zuschauern immer wieder die Brücke zwischen alter Liebeslyrik und heutigen bodenständigen Frühlingsgefühlen zu bauen.

Wo Shakespeare Verse drechselte wie: "Was ist dein Stoff, woraus schuf dich Natur, dass sich Millionen Schatten um dich reihn?", kaut die Diseuse rohe Spargelstangen, stopft sich Erdbeeren in den Mund und lässt junge Kollegen selig an ihrem nicht vorhandenen Busen nuckeln.

Pumphosen und Stehfrisuren

Georgette Dees irdische Rampen-Zwischenspiele haben allerdings noch eine zweite Funktion: Sie füllen die Pausen während der gigantischen Bühnenumbauten. Denn für fast jedes der 25 von ihm ausgewählten Sonette hat Wilson einen neuen perfekt durchstilisierten Kunstraum entworfen; detailverliebte Pumphosenkostüme, Stehfrisuren und marionettenhafte Choreografien inklusive. Von der literaturwissenschaftlich sowieso umstrittenen Chronologie des Lyrik-Zyklus lässt er sich dabei ebenso wenig leiten wie von niederer Figurenlogik.

Wilson nutzt die Sonette vielmehr als assoziative Steilvorlage für seine typischen surrealen Traumwelten. Zur Legitimation dieses Verfahrens lässt er Shakespeare höchstpersönlich auftreten: Die 86-jährige Berliner Theaterlegende Inge Keller, die mit ihrem grauem Pagenkopf überm weiß geschminktem Gesicht tatsächlich jeden Shakespeare-Doppelgänger-Wettbewerb gewinnen könnte, gibt als Dichter-Wiedergänger mit beispielloser Stimmgewalt und Sprachkultur das Motto des Abends vor: "Ich seh" viel mehr, mach ich die Augen zu ... Traums Dunkelhell erhellt die Dunkelheit."

So stehen in Wilsons "Dunkelhell" mal drei androgyne Gestalten - Frauen werden an diesem Abend von Männern gespielt und umgekehrt - an stilisierten weißen Tankzapfsäulen und rocken sich das Bekenntnis schwindender Liebeskraft von der Seele. Dann wieder philosophieren Elisabeth I., gespielt vom großartigen Berliner Theaterurgestein Jürgen Holtz, und Shakespeare vorm Baum der Erkenntnis über die menschlichen Unzulänglichkeiten. Oder Sylvie Rohrer weckt als junger Poet Assoziationen zur Abwrackprämie, wenn sie vor einem roten, an einem toten Baumstamm befestigten Autowrack klagend auf ihr Liebesobjekt zusteuert.

Den Soundtrack zu alledem liefert der US-amerikanische Popstar Rufus Wainwright. Auch er findet das Thema der Sonette - wenig überraschend - zeitlos und durchmisst daher das gesamte musikalische Feld von redundanten Weisen, die an mittelalterlichen Minnesang erinnern, bis zur zeitgeistigen E-Gitarre.

Und weil Wainwright - wie er vorab in einem Interview mit dem Berliner Stadtmagazin "tip" offenbarte - ein glühender Verehrer von Bertolt Brecht und Kurt Weill ist, gibt es im alten Brecht-Theater am Schiffbauerdamm auch die eine oder andere musikalische Reminiszenz an die "Dreigroschenoper". Die übrigens gehört - ebenfalls von Wilson inszeniert - zu den aktuellen Topsellern im Berliner Ensemble.

"Die Sonette" werden da ohne Schwierigkeiten nachziehen: Spätestens nach der Pause quittiert das Publikum jede, aber auch wirklich jede Gesangseinlage mit Szenenapplaus. Ganz zu schweigen von den beiden Zugaben, die Wainwright bei der Schlussverbeugung - in freier Improvisation über die Bühne rockend - gibt. Einmal mehr ist so zu beobachten, wie Wilsons in den sechziger und siebziger Jahren tatsächlich wahrnehmungsverändernde Bilderwelten zum idealen kulinarischen Feiertagstheater für die ganze Familie geworden sind. Das ist edel anzusehen, mit drei Stunden etwas lang bemessen und tut keinem weh.



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