Performancekollektiv She She Pop Wenn Frauen zu sehr gendern

Oberschenkelfettwülste, Stammtischwitze und Menstruationsblut: Das Performancekollektiv She She Pop erklärt Trash-Darbietungen zur sozialpolitischen Mission. In "Ende" wollen sie so "das Bild der Frau zerstören" - was dem Stück am Berliner Theater Hebbel am Ufer allerdings mehr oder weniger originell misslingt.

Benjamin Krieg/ HAU Hebbel am Uf

Von Christine Wahl


Was unterscheidet eine Frau von einer Batterie? Ganz klar: Die Batterie hat auch eine positive Seite. Oder: Warum können Frauen kein BSE bekommen? Genau: Weil BSE eine Hirnkrankheit ist.

Eine Stammtisch-Zote nach der anderen gibt die Performerin Ilia Papatheodorou im Berliner Theater Hebbel am Ufer zum Besten; eine gefühlte Stunde lang. Sie steckt dabei in einem Outfit, das mit großer Sorgfalt alle Regeln der Unvorteilhaftigkeit befolgt. In die mindestens eine Nummer zu klein gewählten, fleischfarbenen Leggings hat Papatheodorou seitliche Oberschenkelfettwülste aus Zeitungspapier gestopft. Aufgeblasene Gummihandschuhe im Ausschnitt sorgen für einen Kunstbusen im Kuheuter-Format. Und wenn's ganz trashig kommt, umspielen zusätzlich rote Wollfäden den Schritt der Performerin: jawohl, das Menstruationsblut.

Was tut Frau nicht alles für ihre Reputation in der so genannten Gender-Debatte? Das ist nur eine vieler Fragen, die das Performancekollektiv She She Pop in ihrer neuen Produktion aufwirft. Denn auch wenn es auf den ersten Blick nicht unbedingt danach aussieht, ist Ilia Papatheodorou mit ihrem Trash-Kostüm selbstredend in höchster gesellschaftspolitischer Mission unterwegs: Am eigenen Beispiel will sie ein für allemal "das Bild der Frau zerstören".

Die Kolleginnen Mieke Matzke und Lisa Lucassen sowie Sebastian Bark - der Quotenmann von She She Pop - leisten fleißig Klischeehilfe: Alle Stereotype, die ihnen zum Stichwort "Weiblichkeit" einfallen - das Repertoire reicht von "Brüste" über "fürsorglich" oder "Prosecco" bis zu "Minderwertigkeitskomplex", "Orangenhaut" und "scheues Reh" - werden auf der hinteren Bühnenwand notiert und von Papatheodorou im Laufe des Abends mehr oder weniger originell exekutiert.

Ende der Stereotypen-Fahnenstange nicht in Sicht

Zu den spektakuläreren Klischeezerstörungsmaßnahmen gehört zweifelsfrei die Proseccospucknummer: Auf ex kippt die Performerin den süßlichen Schaumwein aus der Flasche in sich hinein, um ihn anschließend in kleinen kunstvollen Sprudelfontänen aus ihrem Mund in relativ weit entfernte Gläser zu ergießen. Trotz ihres engagierten Einsatzes muss sich Papatheodorou - auch dies bekanntlich ein robustes Weiblichkeitsklischee - am Schluss geschlagen geben: Mission impossible, wird von der Bühne vermeldet. Bei der Frauenbild-Zertrümmerung seien, nun ja, bestenfalls Etappensiege zu erringen; ein Ende der Stereotypen-Fahnenstange - große Überraschung - nicht in Sicht.

Womit wir immerhin beim eigentlichen Thema des Abends wären: "Ende" heißt dieses jüngste Werk von She She Pop, denen ja in ihren besten Arbeiten tatsächlich das seltene Kunststück gelingt, aus einem vermeintlich kleinen, persönlichen Bezugsrahmen heraus die ganz großen gesellschaftspolitischen Fragen aufzurollen. Mit "Testament" etwa, ihrem 2010 entstandenen Theaterhit zum Generationsvertrag, tourte die Ende der neunziger Jahre in Gießen gegründete Performancegruppe über sämtliche relevanten Theaterfestivals von Berlin bis Tokio.

Auf der Folie des Shakespeare-Stückes "König Lear", in dem der alte Monarch sein Reich an die Töchter verteilt und findet, dass die ihn für seine immense materielle Großzügigkeit nicht angemessen zurücklieben, standen die Performerinnen dort mit ihren realen Vätern auf der Bühne. Eng am Shakespeare-Text und gleichzeitig frei von peinlicher Bildungshuberei kamen dabei höchst gegenwärtige Fragen zu Erbe, Pflege, väterlich-töchterlichen Erwartungshaltungen und der ökonomischen wie emotionalen Lage der Nation zur Sprache.

Adam setzt sich frauenpolitisch korrekt außer Gefecht

Gemessen an jenem gehaltvollen, klugen Theaterglücksfall ist "Ende" eher eine charmante Fingerübung. Zwar werden auch hier ambitionierte Bögen gespannt: Der Abend entspinnt sich entlang der biblischen Schöpfungsgeschichte. Denn "als Gott beginnt, die Wesen und Dinge zu benennen und ihnen einen Platz zuzuweisen", so die Performerinnen, "entsteht im Chaos allmählich Ordnung und Ruhe: der Anfang vom Ende." Für das Bühnengeschehen bedeutet das: Die Klischeebekämpferin Papatheodorou brezelt ihre Figur nicht nur mit Apfelbäckchen aus Orangenhaut auf, sondern auch mit einer Art Universalbedeutung, denn sie gibt in diesem Spiel natürlich gleichzeitig die Eva.

Kollege Sebastian Bark, für den das "Ende" erklärtermaßen dann erreicht ist, wenn er sich selbst in einen Zustand kompletter Handlungsunfähigkeit versetzt hat, performt einen Adam wie aus dem Bilderbuch der Gleichstellungsbeauftragten: Mit beachtlichen Selbstfesselungs- und Knebelungskünsten setzt er sich erst mal frauenpolitisch korrekt selbst außer Gefecht - um am Ende freilich großkotzig festzustellen, dass er sogar noch als blinder, lahmer, taubstummer Husar perfekt imstande sei, "sein Geschlecht zu repräsentieren".

Lisa Lucassen wendet sich unterdessen in der Rolle der "himmlischen Heerscharen" der Kunst des Exorzismus zu und schmettert sich im Laufe des Abends durchs komplette Meat-Loaf-Album "Bat out of Hell". Und Mieke Matzke schließlich, der in diesem End-Spiel die ultimative Renommee-Rolle Gottes zugefallen ist, versucht unermüdlich die Requisiten zu systematisieren, die auf der Bühne herumliegen: Mineralwasserflaschen, Teebeutel, Eddings, Orangen und Müllbeutel aus der seligen Probenzeit, in der noch alles möglich war und man sich nicht entscheiden musste, ob die Sprudelflasche jetzt in der Kategorie "Wasser" oder "Gefäß" einzuordnen sei. Logisch, dass da der Versuch, "Flüchtling" oder "Demokratie" einzusortieren, erst recht in Meat Loafs "Hölle" führen muss.

Sicher: Es gibt lustige und auch ein paar erhellende Momente in "Ende". Aber gemessen an "Testament" bleibt das Spiel um die letzten Dinge recht vorhersehbar, der Erkenntniswert überschaubar, die Sieben-Schöpfungstage-Dramaturgie nicht ohne Längen. Klar liegt das Unfertige in der Natur des "Endes", das wir ja bekanntlich oft so schwer finden können. In den Zuschauerraum schwappt das nicht enden Wollende trotzdem als sehr reales, nicht ganz anstrengungsfreies Gefühl.



insgesamt 5 Beiträge
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übel_ismir-schonlang 09.10.2013
1. und für den Trash ...
... zahlt womöglich noch jemand Eintrittsgeld ... kaputte Welt.
Olaf 09.10.2013
2.
Zitat von sysopBenjamin Krieg/ HAU Hebbel am UfOberschenkelfettwülste, Stammtischwitze und Menstruationsblut: Das Performancekollektiv She She Pop erklärt Trash-Darbietungen zur sozialpolitischen Mission. In "Ende" wollen sie so "das Bild der Frau zerstören" - was dem Stück am Berliner Theater Hebbel am Ufer allerdings mehr oder weniger originell misslingt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/she-she-pop-mit-ende-im-berliner-theater-hebbel-am-ufer-a-926913.html
Frauen, Karneval und Umwelt. Drei ganz heiße Themen.
altmannn 09.10.2013
3. Endlich!
Die Aufarbeitung dieser Themen in Kunst und Kultur war überfällig.
mel80 09.10.2013
4. Warum?
"in höchster gesellschaftspolitischer Mission unterwegs: Am eigenen Beispiel will sie ein für allemal "das Bild der Frau zerstören". Warum eigentlich will man das so positive Bild der Frau in der Gesellschaft denn zerstören? Frauen werden geliebt, geschätzt und verehrt. Was wollen die denn mehr? Frauen haben so viel erreicht. Warum dann zerstören? Muss den heute alles zerstört und gleichgeschaltet werden? Ich verstehe das alles nicht mehr.
pepe_sargnagel 10.10.2013
5.
Zitat von übel_ismir-schonlang... zahlt womöglich noch jemand Eintrittsgeld ... kaputte Welt.
Man muss sich erst mal eine Welt vorstellen in der alle die gleiche Musik hören, den gleichen Sport betreiben, die gleichen Klamotten tragen und sowieso alle gleich sind. Ich fänds langweilig. Sie fänden es wahrscheinlich toll! Aber wollen dann doch wahrscheinlich auch mal einen "schönerern Urlaub als der Nachbar", "eine teuere Uhr", "ein schickeres Auto", oder sonstwas, das sie von anderen abhebt und dennoch werden viele nicht verstehen warum Sie das wollen und so viel dafür ausgeben... Ich dagegen verstehe das schon!
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