"Frühlingsopfer" von She She Pop Tanz die Mutter!

Wer bringt größere Opfer, Mütter oder ihre Kinder? Die Performerinnen von She She Pop arbeiten in "Frühlingsopfer" die Beziehung zu ihren Müttern auf. Ein großer Theaterabend über alles außer Schuld und Erziehungsfehler.

Dorothea Tuch

Von Christine Wahl


So originell wie die Performerinnen von She She Pop haben sich bisher wenige Künstler in den Theaterolymp katapultiert. Ihr Abend "Testament", in dem sie vor vier Jahren mit ihren realen Vätern auf der Bühne standen, wird noch heute zu Recht von Berlin bis Tokio gefeiert.

Die Theatermacherinnen hatten den alten Shakespeare-Stoff vom König Lear, der sein Reich unter den Töchtern aufteilt, als Gegenleistung aber bitteschön auch bedingungslos geliebt werden will, klug ins Heute gewendet und gefragt: Was erwarten pensionierte Väter - ehemalige Germanisten, Physiker, Architekten - und ihre finanziell vergleichsweise prekäre Töchter-Generation voneinander? Welche Tauschwerte stehen klar und deutlich, welche eher verschwiegen im Raum, wo zwar aller Wahrscheinlichkeit nach keine ganzen Ländereien, zumindest aber ein paar wertvolle Kunstdrucke oder Goethe-Gesamtausgaben zu vererben sind? Was nimmt man sich gegenseitig übel, was hat man einander verziehen?

Die Messlatte könnte also nicht höher hängen, wenn She She Pop jetzt mit der Mütter-Variante "Frühlingsopfer" am Berliner HAU nachziehen. Zumal man den Fluch des Sequels ja kennt: 90 Prozent aller kreativen Erfolgsfortsetzungsversuche gehen erfahrungsgemäß schief. Und She She Pop? Sie schaffen es tatsächlich, das kleine Neuauflagenwunder. Denn die Performerinnen Johanna Freiburg, Ilia Papatheodorou, Berit Stumpf und der She-She-Pop-Quotenmann Sebastian Bark finden erneut eine ganz eigene, bestechende Form für ihre Familienaufstellung.

Zu Tode getanzt

Anders als die Väter bei "Testament" sind die Mütter nicht live, sondern lediglich als überlebensgroße Videoprojektionen anwesend, mit denen die erwachsenen Kinder im Laufe des Abends variantenreich in Kontakt treten. Dieses Setting ist nicht nur ein sprechendes Bild für die selbst in ihrer Abwesenheit übermächtig präsenten Mütter, sondern bietet natürlich auch jede Menge symbolträchtiges Spielmaterial: Dank technischer Finessen können die Live-Performerinnen und ihre Video-Mütter einander überblenden, ineinander verschwinden, sich wieder auseinander dividieren und erneut distanzloser ineinander geraten, als ihnen möglicherweise lieb ist.

Diese ausdifferenzierte Bildsprache ist für "Frühlingsopfer" zentral. Denn während mit den Vätern seinerzeit in handfesten Dialogen gerungen und gestritten wurde, arbeiten She She Pop die Mutter-Tochter-Beziehung präzise als verbale Vermeidungsgeschichte heraus. Am Beginn des Abends steht eine für die meisten Zuschauerinnen mutmaßlich anschlussfähige Suada darüber, was in den folgenden neunzig Minuten alles nicht vorkommen wird. Gespräche über "Schuld" und vermeintliche "Erziehungsfehler" zum Beispiel. "Einige von uns haben ihre Mutter noch nie ernsthaft kritisiert", sagt Johanna Freiburg zu Beginn. Denn entweder, so glauben die Töchter, würde die Fundamentalkritik in der Mutterseele erdrutschartige Verwerfungen anrichten. Oder sie würde kurzerhand zum Lob uminterpretiert. Oder mit einer massiven freudianischen Verdrängungsleistung rückstandslos entsorgt.

Absolut logisch und konzeptionell zwingend also, dass sich die Begegnung zwischen Müttern und Töchtern nach dieser aufschlussreichen "Vorrede" ins Körperliche verlagert: Anders als bei den Vätern mit "Lear" dient bei den Müttern kein Drama, sondern eine Ballettkomposition aus dem Jahr 1913 als Folie - mit einem aus heutiger Sicht entsprechend kruden Plot: In Igor Strawinskys "Le Sacre du Printemps", dem "Frühlingsopfer", wird eine Jungfrau dem Frühlingsgott zur Versöhnung geopfert. Die Auserwählte darf sich dabei rituell zu Tode tanzen.

She She Pop überblenden diese religiöse Opfergeschichte nun mit sehr irdischen Verzichtsfragen: Wer bringt Opfer in der Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen Mutter und Kind? Der Begriff "Opfer" ist dabei natürlich von Anfang an ein für den Abend überaus fruchtbarer Stein des Anstoßes, denn en vogue ist Verzicht in der Selbstverwirklichungs-gesellschaft ja bekanntermaßen nicht.

Und so eindeutig die Verzichtsrechnung zunächst auch aussehen mag - drei der vier Mütter haben ihrer Ehe beziehungsweise ihren Kindern den Beruf geopfert - so komplex verschieben sich im Verlauf dieses Abends der leisen Gesten und des Lesens zwischen den Zeilen die Koordinaten: Mit dem Verzicht haben die Mütter natürlich auch Projektionen und Ansprüche aufgebaut, die ihrerseits möglicherweise zu anders gelagerten, aber ähnlich harten töchterlichen Opfern führen.

All das wird bei She She Pop im zweiten Teil vor allem vertanzt - wobei es selbstredend nicht um formvollendete Choreografien und gestreckte Beine geht, sondern um Expression und Kommunikation - jenseits des Verbalen. Dass das auf beiden Seiten auch mal linkisch aussieht, ist mitnichten ein Betriebsunfall, sondern gehört - im Gegenteil - absolut zwingend zum Ehrlichkeitsprogramm dieses großen Abends.



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Scheidungskind 11.04.2014
1. ...
Wer die Aufgabe des Berufs zugunsten der Erziehung der Kinder als Opfer empfindet, hängt zu sehr an den Kompensationsmöglichkeiten für seine Minderwertigkeitsgefühle. Gut finde ich, dass dieser und andere Mechanismen von she she top nicht mit persönlicher Schuld belegt werden - dann kann auch klar werden, dass solcherlei Prägungen kaum in der Macht der Eltern liegen, sondern - einmal ausgeprägt - akzeptiert werden sollten und eine Wiederholung in der nächsten Generation allenfalls durch ein entsprechendes Bewußtsein und daraus folgend fundamentale Entscheidungen, welche Priorität der Erziehung des Kindes eingeräumt werden soll, vermieden werden kann.
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