Show-Trash im TV Stangen-Strip, Mausefalle und ein paar Hänger
Um kurz nach Mitternacht hat einer der beiden schmächtigen Schiedsrichter im dunklen Anzug nochmal in die Kamera gegrinst und begeistert gesagt: "Wir haben nachgeschaut: Das ist die längste 'Guinness World Record'-Fernsehshow live auf der Welt. Das ist in sich ein Rekord!" Ja, prima. Da konnte Oli Geißen sich freuen, dass es doch sinnvoll war, vier Stunden durchzumoderieren. Wer Rekorde aufstellen will, braucht nunmal Geduld. Und Geduld brauchten die Zuschauer der RTL-Show am Samstagabend reichlich.
Sieben Sekunden lang kann ein kräftiger Mann einen gasgebenden Lamborghini mit bloßen Händen aufhalten - aber das bedurfte zwanzig Minuten Vorbereitungszeit inklusive Pannen, die RTL gleich mitüberträgt. Als Außenreporterin Inka Bause spontan wieder zu Geißen ins Studio zurückgab, wusste der Moderator einfach nicht mehr, was er sagen sollte, bis Gast Barbara Schöneberger einsprang: "Mensch, wie läuft es bei dir eigentlich gerade beruflich?" - "Kleiner Hänger."
Und bevor nachher zehn Stuntmänner eine halbe Minute im Schutzanzug brannten, zeigte RTL die Einpackprozedur auf dem Studioparkplatz, ohne dass irgendwer dazwischenplapperte. Viertel vor zwölf am Samstagabend, und bei RTL läuft ohne Ton, wie Männer in Skimasken gesteckt, mit Brandpaste eingeschmiert und angezündet werden.
Reihenweise zertrümmerte Klodeckel
Zuvor ließ Geißen Ex-Stripperinnen rückwärts die Stange hochklettern und zeigte Männer, die Klodeckel mit ihrem Kopf zertrümmerten oder sich von einer an der Decke befestigten Bohrmaschine schwindelig drehen ließen.
Man merkte rasch: Die "Guinness Show" ist so etwas wie "Wetten dass...?" ohne Gottschalk und trotzdem länger. Dabei muss man Geißen eigentlich gratulieren: Denn dass der RTL-Allzweckmoderierer es schaffte, diesen Fernsehabend wesentlich aufzuheitern, war nun wirklich nicht zu erwarten. Und das lag wahrlich nicht an der "Welt-Premiere" der neuen Horst-Schlemmer-Single "Gisela", mit der Hape Kerkeling zu später Stunde enttäuschte.
Es lag an der Konkurrenz. Denn in der ARD tanzten russische Nachrichtenmoderatorinnen und schwedische Ringer um den Sieg beim ersten "Eurovision Dance Contest" in einem Londoner BBC-Studio vor sehr kleinem, sehr müdem Publikum.
Guter Eindruck für den achten Platz
Es hätte ein Abend werden sollen, der es mit dem etablierten Song Contest aufnehmen kann - etwas kleiner vielleicht, aber genauso spannend. Vorsichtshalber waren neben den vielen westeuropäischen Ländern nur Russland, Litauen und die Ukraine zugelassen, damit nachher nicht wieder alle weinen müssen, weil sich die Oststaaten angeblich gegenseitig die Punkte zugeschoben haben. Und - nun ja: Was bleibt anderes zu sagen, als dass das deutsche Paar Wolke Hegenbarth und Oliver Seefeldt einen guten Eindruck machte, aber eben nur den achten Platz erreichte? Vielleicht, dass vor allem beeindruckend war, wie sehr sich die ARD bei RTL und "Let's Dance" bedient hatte.
Hegenbarth und Seefeldt kannten sich schon aus der RTL-Show, beim von Thomas Anders moderierten "Countdown" saß vorher Schiedsrichter Joachim Llambi auf der Couch, und danach trat wie in der Finalshow von "Let's Dance" das Ensemble des "Dirty Dancing"-Musicals auf.
Dass auch noch die Titelmusik des "Dance Contest" an die RTL-Show erinnerte, mag daran gelegen haben, dass diese ein von der BBC eingekauftes Format ist. Und bei der BBC macht man sich offenbar auch nicht allzu viel Mühe, wenn noch Titelmelodien herumliegen, die sich wiederverwerten lassen.
Auf Sat.1 bloß Balder mit Bart
Apropos keine Mühe geben: Was bringt einen Sat.1-Redakteur eigentlich dazu zu glauben, dass es Spaß machen könnte, ein paar hundert Leute in eine Halle zu setzen und dazu zu zwingen, Reiner Calmund, Ingo Lenßen, Pro-Sieben-Elton und Ex-Bohlen-Freundin Estefania dabei zusehen zu lassen, wie die in der Mitte Minigolf spielen? "Jetzt wird eingelocht" hieß der Spaß, der eher ein Witz war, und die Mädchenband Monrose ist als erstes rausgeflogen, weil sie an Bahnen wie der "Mausefalle", dem "Nierentisch" und der "Achterbahn" versagte. Wahrscheinlich war das ein cleverer Schachzug der jungen Damen, um sich nicht länger blamieren zu müssen.
Dass im Hintergrund ständig die Internetadresse eines großen Schuhhändlers eingeblendet war, muss schleichwerbetechnisch ein totales Versehen gewesen sein. Aber, ach, wenn Sat.1 am Abgrund steht und sich selbst runterschubst, mag man auch nicht mehr eingreifen.
Zwischendurch haben Pur gesungen: "Es ist, wie es ist. Du bist, was du bist." Und das einzige, das in bleibender Erinnerung bleiben wollte, ist, dass Moderator Hugo Egon Balder sich einen sehr weißen Bart hat stehen lassen.
"Sie haben nichts in Ihrem Leben bis heute verpasst", sagte Thomas Anders zu Beginn des Abends im Ersten. Er bezog sich darauf, dass es bisher noch keinen "Eurovision Dance Contest" gegeben hatte. Wenn wir ehrlich sind: Am Ende des Abends galt das immer noch: Wer die Shows verpasst hatte, hatte nichts verpasst.