S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Die Mär vom bösen Menschen

Wo sind all die fiesen Menschen, die uns Normalbürger angeblich ständig nerven, ausrauben oder gar verprügeln? Sind Schreihälse und Schläger womöglich nur eine Erfindung der Sicherheitsindustrie? Mein Rat: Gehen Sie mal auf die Straße und suchen nach ihnen. Sie könnten was erleben.

Die unangenehmen Menschen sind nicht nur immer die anderen, sie sind auch irgendwo anders als ich. Fiese Leute finden vornehmlich in den Nachrichten statt, im Internet, in Büchern, in Filmen, ich kenne sie aus Geschichten, aus Statistiken, als Online-Kommentatoren oder anonyme Drohbriefschreiber.

Im wirklichen Leben begegne ich nur selten ekligen Möppes. Zwei Besoffene in Stuttgart fielen mir ein, die unabhängig voneinander tobsüchtig gegen Tische und Pflanzschalen traten. Entfesseltem Jähzorn beizuwohnen, ist wie eine Tür zu öffnen, hinter der ein Raum voller Schleimfässer befindlich ist. Für Sekunden kann ich mir Menschen, die foltern, töten und Kinder prügeln, tatsächlich vorstellen. Brutalität erzeugt bei mir sehr große Beklemmung, ähnlich wie schreiende oder hupende Menschen mir zuwider sind.

Fast einer Japanerin gleich habe ich eine gehörige Verachtung für solche, die andere mit ihren Launen tyrannisieren. Doch ich treffe sie selten. Wo also sind all jene, die die Welt verderben? Verlasse ich meine Wohnung und halte mich nicht im Straßenverkehr auf, begegnen mir freundliche Büroangestellte, lachende Verkäufer, humorvolle Polizisten, hübsche Passanten, die nicht rempeln.

Wo sind die Menschen, die mich aufregen?

Ich will nicht davon ausgehen, dass es an mir und meiner feengleichen Ausstrahlung liegt, dass mir zu 99 Prozent nette Menschen begegnen, aber es muss seinen Grund haben, dass man Schläger so selten trifft, Mörder nur einmal, und wie viele Oligarchen kennen Sie?

Ich traf in meinem Leben einen Serienmörder, er hatte 57 Menschen getötet. Er war klein, gedrungen und ziemlich blöd. Ich begegnete zwei Staatssicherheitsmitarbeitern mit ungewöhnlichen Verhörmethoden, ich traf einige Ex-Rote-Khmer-, ähm -Mitglieder?, einen Textilfabrikanten in Bangladesch, der seine Arbeiterinnen einschloss, damit sie keine Pausen machten, und einen Mann, der mich, als ich klein war, getreten hat, aber sonst?

Wo sind all die Menschen, die mich aufregen? Wäre es möglich, dass wenige davon existieren? Dass das Tier Mensch eine Erfindung von Konsortien ist, um die Bewohner der Welt zum Abschluss von Versicherungen zu bewegen, zum Kauf von Waffen und Sicherheitszäunen?

Apropos, selbst blöde Nachbarn hatte ich erst einmal. Sie gingen vor Gericht, weil ich einen Betongarten mit einem Holzdeck versehen hatte, kein Tropenholz, ich schwöre. Es ist doch erstaunlich angesichts der grauenhaften, empfundenen Verrohung der Welt, der ständig wodkatrinkenden Jugendlichen, der amoklaufenden Familienväter, Bankräuber und NPD-Angehörigen, wie heiter ein Ausflug auf die Straßen der meisten Städte doch ist. Selbst Hamburger habe ich schon lächeln sehen.

Das Böse im Menschen, natürlich

Natürlich wäre es kolumnistischer Suizid, würde ich plötzlich so tun, als glaubte ich nicht an das Böse im Menschen. Es führte zu nichts, außer zu Texten über Buschwindröschen und putzige Nager. Doch unter uns, ich habe die meisten Menschen, denen ich begegne, sehr gerne. Hassen kann man meist nur, was man nicht kennt. Weshalb die Ausländerfeindlichkeit in Wohnquartieren ohne Bewohner mit Eltern aus Ländern, die nicht aus Deutschland sind, am höchsten ist. Ich hasse anonyme Leserbriefschreiber, so wie es auch die meisten Online-Kommentatoren tun.

Die erregende Erkenntnis des heutigen Textes ist also: Lassen Sie uns alle mehr im öffentlichen Raum verkehren. Verlassen wir unsere Wohnungen, und begegnen wir Artgenossen mit ausufernder Begeisterung und kleinen Umarmungen.

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