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29. Juni 2013, 12:04 Uhr

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Wirklich keine Nahtoderfahrung

Eine Kolumne von

Sie schenken der Welt kleine, subjektive Sahnehaufen in Textform: Kolumnisten. Doch wie kommen diese Schreiber an ihre Jobs? Woher nehmen sie ihre Ideen? Und wie leben sie? Ein Blick auf einen Grundpfeiler unserer Informationsgesellschaft.

Aufgrund anhaltender, allgemein scheinender Unkenntnis lassen Sie mich meine heutige Unterrichtsstunde in den Fächern schlechte Laune, Quatsch, misslungene Lebensführung und Klugscheißerei mit der Erklärung des Begriffs Kolumne beginnen. Die nicht mehr ist als eine Erscheinungsform eines Textes in Print- oder Online-Medien (lat. columna Stütze, Säule).

Unsere wieselflinken Freunde von Wikipedia berichten:

"Außerhalb des deutschen Sprachraums, insbesondere in den USA und in den romanischen Ländern sowie in Lateinamerika, arbeiten häufig auch erfolgreiche Schriftsteller gleichzeitig und nicht primär aus finanziellen Gründen als Kolumnisten, entweder regelmäßig für ein und dasselbe Blatt oder als Gastkolumnisten in verschiedenen Medien."

Kolumnistinnen und Kolumnisten werden also nicht in diese kleine, karitative Aufgabe geboren, sie bekommen sie auch nicht mittels Bewerbungsschreiben, sondern in fast allen Fällen werden sie angefragt. Die Damen und Herren Redakteurinnen sitzen in ihrem Versammlungsort, der meist auf einer Dachterrasse mit Pool befindlich ist. Und denken sich etwas aus, was mehr Leserinnen und Leser erreichen, befriedigen oder auch erregen könnte. Oft kommen sie auf die Idee: Lasst uns eine Kolumne einrichten.

Langweiler auf Stehpartys

Das kostet nicht viel, hat einen Wiedererkennungswert, lass uns...Dingsbums fragen. Dingsbums kann alles sein. Dachdecker, Ärztin oder Hobbypilot. Es gibt keine Berufsausbildung zum Kolumnisten und das Verfassen der kleinen, subjektiven Sahnehaufen hat mit dem Beruf des Journalisten nichts zu tun. Journalisten, Sie wissen es doch, sind Menschen, die studiert haben. Die der Wahrheit verpflichtet sind, unterbezahlt, immer knallhart am Recherchieren, in Redaktionsräumen sitzend oder durch die Minenfelder des Lebens wackelnd.

Der gemeine Kolumnist, die Kolumnistin, sitzt weder in Redaktionen, sondern wie in meinem Fall, auf der Veranda eines Gestüts in der Grafschaft Huxville. Seit es Computer gibt, muss die Kolumnistin ihren Text nicht einmal mehr mit Pferden zur Druckerei bringen. Die Kolumnisten sind sehr oft Langweiler, die auf Stehpartys keinen Eindruck schinden würden, oft sind sie nicht einmal besonders mutig, denn Texte zu schreiben ist nun wirklich keine Nahtoderfahrung.

Sehr oft, wie in der Literatur, sagt der Inhalt einer Kolumne wenig über den Charakter der Autorin, des Autors aus. Manche Formulierungen klangen eben gut, andere hat sie oder er irgendwo gelesen, von dritten ist die Kolumnistin, der Kolumnist für die Dauer einiger Sekunden auch überzeugt. Bis sich neue Erkenntnisse ergeben. Nichts ist für die Ewigkeit. Kolumnentexte am wenigsten. Weder bieten sie rein technisch die Länge, um alle Spektren des allgemeinen Erkenntnisstands aufzuzählen, noch ist es ihre Aufgabe, mehr zu bieten als eine flüchtige Haltung. Die im guten Fall einige Leser und Leserinnen für Sekunden verunsichert oder belustigt.

Oft wird Kolumnistinnen und Kolumnisten vorgeworfen, schwarz und weiß zu denken. Von dem Umstand abgesehen, dass dieses Sprachbild ebenso abgelutscht ist wie "Sachen auf den Punkt bringen" oder "Leuten den Spiegel vorhalten", ist auf der Länge von dreitausend oder weniger Zeichen auch nicht mehr möglich als eine knappe Momentaufnahme des Geisteszustands des Schreibenden.

Diese kleine Erklärung war ich Ihnen schuldig, denn immer wieder herrscht eine betroffen machende Unkenntnis über die Grundpfeiler unserer Informationsgesellschaft.

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