S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Die Muttisierung der mächtigsten Frau der Welt

Warum ist der Abendkleid-Busen von Angela Merkel ein Thema? Was ist politisch relevant an ihren Hosenanzügen? Und wieso wird die Kanzlerin allüberall zur Mutti verniedlicht? Ganz einfach: Weil's lustig ist! Nur Frauen haben bekanntlich keinen Humor und regen sich darüber auf.

DPA

Eine Kolumne von


Dies ist ein politischer Text, mit dem ich eine immens politische Aussage mache, was völlig ohne Wirkung bleiben wird. Wirkungsbefreit sozusagen, weil von einer Frau geschrieben und damit wenig relevant, weil vermutlich, wahrscheinlich sogar, selbstmitleidig oder jammernd. Das ist die Regel.

Lustige Frauen, die humorvoll kritische Bemerkungen schreiben, gäbe es vermutlich. Die muss man aber sehen wollen, zum Beispiel in Büchern über dicke Frauen, die, wie lustig, auf einmal dünne Frauen sind.

Gibt es in Buchhandlungen eigentlich noch die Sparte "Freche Frauen"? Und gab es jemals Vergleichbares für männliche Autoren? "Freche Männer"? Gab es das? Warum nicht? Und was ist eine freche Frau? Ich bin es mal nicht, ich bin eine jammernde Frau. Per se.

Ach, mir geht es doch auch auf die Nerven. Da will ich gerade einen wirklich lustigen Text über Tiere schreiben oder martensteinesk Witze über das generische Maskulinum machen. Stattdessen muss ich wieder die Welt retten. Dieser verdammte Feminismus, den man gar nicht so nennen müsste, wenn es ihn nicht mehr bräuchte. Dann könnten wir uns einfach völlig geschlechtsneutral die Fakten um die Ohren hauen, aber so weit sind wir noch nicht.

Frauen haben keinen Humor!

Solange es vollkommen normal ist, die Bundeskanzlerin, die erste, die wir haben in der Geschichte Deutschlands und über deren Politik hier nicht verhandelt wird, zur Mutti zu machen. Das abzuschwächen, was in der Welt als mächtigste Person nach dem amerikanischen Präsidenten gehandelt wird, sie kleinzumachen. Und keiner findet etwas dabei.

Ein greiser Mann (sorry, ein bisschen Altersrassismus im Vorübergehen) urteilt über die von der Mehrheit der Deutschen gewählten Kanzlerin. So wie er es vielleicht von seinem Vater, der vielleicht bei den Berittenen gedient hat, gelernt hat. Frauen sind Mütter oder, nun ja, das andere. Dieses andere schien ihm vielleicht zu abwegig, also muss Variante eins herhalten.

Fiel eigentlich einem Journalisten beim Skandal um Merkels Abendkleid (sie hat eine Brust! Holy Shit!) die Überschrift "Der Busen der Nation" ein? Frauen haben aber auch keinen Humor! Wie großherzig hat Helmut Kohl die Zuschreibung "Großvater Deutschlands" getragen, wie verschmitzt lächelte Seehofer bei der Betitelung als "der wilde Horst". Und Brüderle lacht sich in seinem neuen Beruf als, als, als Dingsda, immer noch kringelig über "Randy Raini".

Damit muss man leben können als Mensch in der Öffentlichkeit, das ist kein Sexismus, sondern Spaß. Dass die Hosenanzüge der Kanzlerin seit Jahren ein Dauerthema sind, dieses Schicksal teilt sie ja mit all den Witzen über die immer gleichen Anzüge ihrer männlichen Kollegen. Dass eine große Zeitschrift einen Bericht über Merkel mit "Zu Hause ist sie Ehefrau" überschrieb, ist lustig.

Wenn es nicht so eine ungeheure Trägheit im Hirn offenbaren würde.

Der Feminismus, der vielen so auf den Keks geht, weil er alle zum Nachdenken und zu politischer Korrektheit verdammt, weil es anstrengend ist, auf einmal feminine Endungen zu schreiben, wird dann kein Thema mehr sein, wenn sich jeder bei allem, was er über einen anderen Menschen äußert, fragt: Will ich, dass man mich selbst so beschreibt? Mit anderen Worten: Kann alles noch ein wenig dauern.

Berliner Festspiele: Ein Tag mit … Sibylle Berg und Freunden (13.10.2013)



insgesamt 113 Beiträge
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rehabilitant 05.10.2013
1. Ja, warum eigentlich?
Es ist tatsächlich schwer erklärbar, warum Merkel sich den Spitznamen 'Mutti' eingehandelt hat. Meines Wissens hat sie sich nie fortgepflanzt. Mütterliche Wärme, die manche Frauen ausstrahlen, sucht man bei Merkel auch vergebens. Vermutlich hängt es damit zusammen, dass M. sich in der CDU aller potentiellen Gegner rechtzeitig entledigt und somit nur eine Ansammlung wohlerzogener Kinder um sich hat.
kiddericher 05.10.2013
2. Nicht ganz richtig
.... ist Ihre Feststellung, dass die Mehrheit A. Merkel zur Bundeskanzlerin gewählt hat. Im Bundestag sind insgesamt vier Parteien vertreten, die mit einer knappen Mehrheit (42,7%) diese Bundeskanzlerin (gestützt von 41,5%) gerne ablösen würden - sich aber (noch) nicht trauen. Man sollte der aktuellen Bundeskanzlerin eine Minderheitsregierung zugestehen, dann wüsste Deutschland, dann wüsste Europa, dann wüsste die Welt in relativ kurzer Zeit, was unsere politische Führung auf der Pfanne hat: NIX.
keinuntertan 05.10.2013
3. Nein, Frau Berg, die Gründe liegen woanders!
Warum ist die Halskette wichtiger als der Inhalt ihrer Rede? Damit das Volk von den Inhalten abgelenkt wird. Es könnte ja informiert werden und mitreden wollen. Es könnte ja auf die Idee kommen, Merkels Poliktik zu kritisieren ... Das will das Establishment nicht. Deshalb setzen Springer, Burda und Berthelsmann auf Nebensächlichkeiten.
dannyandy 05.10.2013
4. Mutti nicht nur physisch
Unser aller Angie ist ja gerade psychisch die Klassische Mutter! Kümmert sich um alle, ist nicht nachtragend, liebt alle gleich viel oder gleich wenig aber duldet keine anderen Muttis neben sich. Das liegt aber nicht am Frau sein per se! Wer hätte denn die Iron Lady Mutti genannt, auch bei Indira Gandhi oder Golda Meir würde niemandem dieser Name einfallen, es liegt einfach an der Aura von Angela "Kohl"! Sie ist einfach die Tochter ihres geistigen Vaters!
tweet4fun 05.10.2013
5. Zum Spitznamen "Mutti"
Ich fand diese Bezeichnung für die Bundeskanzlerin noch nie lustig. Genauso hätte ich empfunden, wenn man Schröder "Vati" genannt hätte. Nicht, daß ich das als unhöflich oder ungehörig sehen würde - es ist nur unerwachsen, denn mit der Bezeichnung kommt eine Unterordnung daher, die ich falsch finde. Schließlich sollte man als erwachsener Bürger des Landes den/die Bundeslanzler/in als Erste/r unter Gleichen betrachten. Unterordnung führt zur politischen Unmündigkeit. Solange so etwas in den Köpfen erwachsener Menschen steckt, ist es noch ein langer Weg sowohl zur weiblichen als auch zur politischen Emanzipation.
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