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Jolie-Debatte: Reine Männersache

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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Die Herren Busen-Erklärer

Eine Frau besteht aus zwei Brüsten. Sind die weg wie bei Angelina Jolie, ist sie keine Frau mehr. Aber was denn sonst? Das erklären uns dann die Experten: Mediziner, Soziologen, Ethiker - die fast alle Männer sind. Warum sagen uns eigentlich immer nur Herren, wo der Hammer hängt?

Hat sich im Feuilleton schon ein Mann zu Angelina Jolies Brüsten geäußert? Oder las man nur in Netz-Foren die vielen verstörenden Kommentare zu einer OP, die uns alle nichts angeht? Viele fühlen sich da anscheinend um eine Onanie-Phantasie betrogen. Das ist aber auch eine Unverschämtheit! Wie soll man sich die Schauspielerin jetzt noch in Ruhe nackt vorstellen und dabei an sich herumnesteln, bitteschön, wenn sie kaputt ist?

Alles nur PR, sagen die einen, zum Beispiel nicht bedenkend, dass US-Schauspieler, wenn sie nicht versichert sind, keine Jobs bekommen und Frau Jolie dem eventuell zuvorkommen wollte. Wo kämen wir denn da hin? Eine Frau besteht aus zwei Brüsten. Sind die weg, ist es wie nach dem Ende ihrer Gebärfähigkeit: Sie ist keine Frau mehr, sondern - ja, was denn?

Genau das soll uns doch schnell mal ein Philosoph oder Sprachwissenschaftler, ein Soziologe oder Humanethiker erklären! Anstoß einer Feuilletondebatte. Das macht man bei uns so. Das haben wir schon immer so gehalten. Der Mann erklärt, Kraft seiner angeborenen, im guten Falle zehn Zentimeter langen (sorry, der kleine Sexismus bot sich gerade an) Deutungshoheit, die Welt.

Schwarze wollen nicht mit bestimmten Termini bedacht werden? Frauen wollen nicht von ihrem Chef in den Kopierraum gedrängt werden? Der Kaiserschnitt, die Beschneidung von Mädchen? Alles kein Problem, findet irgendein Mann, man muss sich einfach ein wenig lockermachen. Und dann folgen zu allen möglichen Themen, vor allem zu solchen, die den Mann nicht direkt betreffen, vehemente, immer ein wenig beleidigt klingende Erklärungen, Verteidigungen.

Schrille Ziege, dominante Kuh

Einfach mal sagen: Ja, klar, hab ich nicht bedacht. Oder aber auch: Oh, Entschuldigung, wenn ich schweige, aber ich habe mal gerade überhaupt keine Meinung dazu und brauche das Geld auch nicht. Liegt dem deutschsprachigen Erklärer nicht. Er hat seine Meinung, und die gehört gehört.

Frauen, die mit ähnlicher Penetranz in den Medien auftreten wie die meisten männlichen Experten, heißen Alice Schwarzer und beweisen, dass Frauen keine besseren Menschen sind. Aber sollten wir, wenn wir schon alle nicht so großartige Geschöpfe sind, nicht in gleicher Anzahl nach Geschlechtern verteilt öffentlich sichtbar sein, uns blamieren und unseren Senf zu allem abgeben? Warum erklärt uns vornehmlich immer noch der Mann, wo der Hammer hängt? Weiß er es einfach besser? Oder sind wir geneigt, ihm eher zu glauben?

Als ich zum ersten Mal mit einer Pilotin flog, fühlte ich mich besonders sicher - und hatte den abstoßenden Gedanken: Eine Frau, wie toll, zehn Zentimeter zu wenig, da muss sie sich jetzt aber mal richtig ins Zeug legen.

Strengt sich eine Frau im Fernsehen an, einen Mann bei seinem natürlich gegebenen Redefluss zu unterbrechen, erscheint sie uns unangenehm. Ist eine Frau humorvoll, erscheint sie uns suspekt. Hält sie einfach die Klappe und leckt sich die Lippen, ist sie lächerlich. Erklärt sie laut ihren Standpunkt, ist sie eine dominante Kuh oder eine schrille Ziege - keine Entsprechung für sonor bis aggressiv schwadronierende Männer übrigens.

Glauben Sie Männern eher als Frauen? Und warum ist das so?

Reine Gewohnheit vermutlich, die sich sicher in hundert Jahren geändert haben wird. In manchen Teilen der Welt. Warten wir also, ob uns Experten die weibliche Anatomie erklären, so wie sie es in den letzten hundert Jahren getan haben. Oder zählen wir bei dem nächsten hergestellten Medienärgernis das Geschlechtsverhältnis der belehrenden Weltversteher.