S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wir alle sind bildungsfern

Schwiegertöchter werden verheizt, Bauern vorgeführt, arme Würste zu Superstars erhoben. Wir glauben, wir sind schlauer als das Trash-TV, das wir anschauen. Stimmt aber nicht. Wir sind längst Teil des Systems.
Hochzeitsszene aus "Bauer sucht Frau": Teil des Systems?

Hochzeitsszene aus "Bauer sucht Frau": Teil des Systems?

Foto: RTL

"Die Gesellschaft spaltet sich in eine technokratische Elite und eine große Masse, die sich mit mehrheitlich unqualifizierten Jobs über Wasser hält und mit billiger Unterhaltung ruhiggestellt wird." Das findet das Gottlieb Duttweiler Institut in einer Studie über die Zukunft der vernetzten Gesellschaft  heraus.

Nun kann man einwenden, dass Resultate von Studien immer ein wenig vom jeweiligen Auftraggeber abhängig sind. Nun kann man behaupten - war es denn jemals anders, dieses Brot-und-Spiele-System? Doch dann muss man sich fragen, sind wir alle die Leute mit den unqualifizierten Jobs? Wir IT-Leute, Webdesigner, Kunsthersteller, Praktikanten? Und wer ist heute noch für was qualifiziert?

Der Wahn der billigen Unterhaltung ist doch längst Mainstream geworden, und mit Mainstream meine ich uns, die wir nicht Gehirnchirurgen sind, sondern das, was früher als Mittelstand galt. In den Reihen der selbst ernannten jungen Elite hat es sich schon lange durchgesetzt, Fernsehformate zu konsumieren, in denen sich Menschen zum Dackel machen.

Stecker raus, Internet aus

Schwiegertöchter werden gesucht, Superstars und Supermodelle, "Let's Dance" und "Promi-Dinner", all das Zeug, das nichts zum Inhalt hat, außer dass es Menschen vorführt, die sich gerne freiwillig vorführen lassen. Das sehen wir. Ironisch. Wir kommentieren es auf sozialen Netzwerken, wir machen uns zum Teil des Systems. Wir alle sind bildungsfern geworden.

Wir hinterfragen nicht mehr, warum Menschen, die in Idiotensendungen mitwirken, auf einmal als Stars gehandelt werden. Wir konsumieren den Müll, wir stopfen uns damit voll, wir machen Witze darüber, fügen aber bereits einschränkend an: "Ja, aber 'The Voice of Germany' hat echt Qualität." Idiotenprogrammmoderatoren bekommen Fernsehpreise und Werbeaufträge, und sie machen, was überraschen mag, richtig viel Geld mit dem einzigen Talent, das ihnen gegeben wurde: Schamlosigkeit.

Vielleicht sind sie einfach nur schlauer als die meisten, haben erkannt, dass es keinen Sinn in einem unsinnigen Leben gibt, finden es vollkommen unerheblich, dass sie ein Teil der gut laufenden Verblödungsmaschine sind, und denken: Wenn ich es nicht mache, macht's ein anderer.

Trash im Fernsehen gab es schon immer, vor dem Fernsehen waren es eben Hedwig-Courts-Mahler-Bücher oder Stummfilme, Puppenspiele und Bauernkomödien. Nichts gegen die Bauern. Auch sie suchen eine Frau, und sich kulturpessimistisch quengelnd zu äußern ist so langweilig, dass man fast vom Stuhl fällt.

Feuilletons behandeln Trash schon längst nicht mehr als Randgruppen-Phänomen, sie widmen Büchern von Vollpfosten ganze Seiten, sie verhandeln die Scheidung von "Let's Dance"-Moderatoren, und es scheint, als gebe es kein anderes Entkommen von der Gehirnwäsche als strikten Medienverzicht. Stecker raus, Zeitung abbestellen, Internet aus.

Das ist kein jammerndes Feststellen, das ist ein Aufruf zur Selbsthilfe. Das ist Frustrandale. Das ist die Mahnung: Wir sollten auf unsere Gehirne aufpassen und uns nicht tröpfchenweise mit Müll überfluten lassen, bis wir glauben, der Müll sei die Welt, es sei normal, dass wir den Bachelor kennen und über die Probleme von Pseudomillionärsfamilien Bescheid wissen.

Es ist nicht normal. Es ist Zeitverschwendung. Es vernebelt unseren Verstand, macht uns schuldig an ständig neu produziertem Quatsch, dessen einzige Intention es ist, uns ruhigzustellen, das Zeug zu kaufen, das in den Pausen zwischen Kühen, die Bauern heiraten oder umgekehrt, angeboten wird.

Das ist alles nicht lustig. Das ist nicht ironisch, wir werden zum Teil eines Systems, das wir in kurzen Atempausen verachten. Das wollte ich nur schnell sagen. Danke.