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21. Juli 2012, 11:06 Uhr

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Weiden am Männerleiden

Eine Kolumne von

Verstehe einer die Erregungskurven der westlichen Welt: Die Beschneidung kleiner Männer lässt die Kommentatoren in die Tasten hauen, aber die Verbrechen, die überall auf der Welt an Frauen begangen werden, lässt sie kalt.

Die Empörung der Deutschen über die Beschneidung von jüdischen und muslimischen Knaben ist schon fast wieder vergessen. Gespannt warten wir auf das neue Thema, das unserer Solidarität dringend bedarf. Irgendetwas wird es sein, irgendetwas geht ja immer. Aber wollen wir wetten - Unrecht gegen Frauen wird vermutlich wieder nichts sein, was uns in solidarischer Empörung vereinen wird.

Es ist ja immer so schwer vorherzusehen, was den Menschen erregt. Was ihn in eine kämpferische Stimmung zu bringen vermag, daheim, an seinem Computer. Was ihn so irre macht, den Menschen, dass er seinen Mut zusammennimmt und etwas zur Weltordnung beiträgt, und einen Blog-Eintrag verfasst, oder einen Forumsbeitrag. Danach ist der Welt recht geschehen, der Mensch, kann sich ausruhen. Sich wappnen für das nächste Elend, das seiner Worte bedarf.

Im Moment erregt die Beschneidung kleiner Männer die wertsichere Wertegemeinschaft. Finden alle irgendwie nicht gut. Videos schreiender Babys sind nicht schön anzusehen, das kleine verletze Wesen, und ich habe mal wieder keine Ahnung. Denn ich bin weder Baby noch Inhaber eines Penis, mir fehlen also die Voraussetzungen, um aktiv in die Diskussion einsteigen zu können.

Wer denkt an die lebenden Toten Afghanistans?

Ist es grausam, ein Baby ohne Betäubung von der Nabelschnur zu trennen? Ist es barbarisch, kleinen Kindern die Ohren durchzustechen, sie impfen zu lassen? Ich weiß das alles nicht. Ich habe keine Meinung, aber die Erregung der Massen erregt mich. Geht es vielleicht um Sexismus? Schon wieder? Oder haben sich die Bewohner unseres kleinen Landes auch so heftig über Mädchenbeschneidung empört? Falsches Beispiel. Das fand ja nur selten hier in Europa statt und wenn, dann fein versteckt.

Ich will nicht Leid gegen Leid aufwiegen, aber die Wege westlicher Empörung, die würde ich gerne ergründen. Wir alle wissen, dass in den letzten Jahrzehnten 60 Millionen weiblicher Föten oder Babys in Asien gezielt abgetrieben beziehungsweise später getötet wurden. In den Straßengraben geworfen, auf die Müllkippe. Dass in Afghanistan kleine Mädchen erschlagen werden, wenn sie in die Schule gehen. Die Welt schrie empört auf, als die Taliban in Afghanistan alte Tempel zerstörten. Dass die Hälfte der Bevölkerung dort als lebende Tote unter Vorhängen schwitzten, geschlagen als Sklavinnen im Haus gehalten, das interessierte den westlichen Menschen durchaus. Theoretisch.

Wir sprachen von der Vorhaut. Ich habe keine Meinung dazu. Vor Schmerz schreiende Babys sollten nicht gegen weggeworfene Mädchenbabys antreten müssen. Es geht nur um ein Begreifen westlicher Erregungskurven, die unterdessen fast im Stundenverlauf aufwallen und wieder verebben. Warum regt uns etwas so auf, dass wir unbezahlte Schreibarbeit leisten, und anderes empört uns leise? Kinder, die verheiratet werden. Frauen, die in Afrika vergewaltigt werden zu Tausenden, Frauen, die sich verbrennen, die getötet werden, die rechtlos sind - Kopfschütteln. Vorhaut abschneiden - großes Blog-Schreiben, über allem die Gewissheit, dass wir wenig ändern können im großen und komplett bescheuerten Weltverlauf.

Jetzt ist es also die Vorhaut. Ich wage nicht zu denken, dass ein Übergriff auf einen Schwanz schwerer wiegt als der auf das Leben Tausender Frauen.

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