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23. März 2013, 10:21 Uhr

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Der Mob der Frustrierten

Eine Kolumne von

Sie sind ein Star in Deutschland? Dann ernten Sie Hass! Wenn sich Katja Riemann über dreiste Interview-Fragen aufregt, gilt sie als Zicke. Und warum ist das so? Weil diese Pöbel-Horde schlicht und einfach frustriert ist.

Das Schnappen der Masse, die Intelligenz des Schwarms, oder auch: Warum es so beschissen ist, in Deutschland ein Star zu sein. Mag der Mensch generell nicht, was ihm überlegen scheint? Was mehr strahlt und funkelt, was mehr vermutetes Geld hat und Ruhm, das mag er nicht, der Mensch. Da wird er neidisch, da wird er böse, da will er zubeißen.

Weil ihre Tätigkeit sich meist außerhalb der Verstandesreichweite der Masse abspielt, werden berühmte Physiker, Schachspieler oder Altphilologen seltener Objekt der volkstümlichen Verachtung. Sportler werden nur gehasst, wenn sie Frauen und Hochspringerinnen und nach Meinung des Volkes zu oft in den Medien präsent sind.

Am besten eignen sich zur Entladung der Frustration der Horde Schauspieler und Sänger. Aus Eitelkeitsgründen muss ich auch Schriftstellerinnen erwähnen, Berufe, die jeder Bürger meint mit dem Gewinnen von Castingshows, einer Rolle in GZSZ oder einem Blog selber erledigen zu können. Hass auf bekannte Schauspieler oder Sänger meint immer den Hass auf sich selber. Ich, Sven, in Klammern 41, sitze bloß als Fernmeldemonteur in Wuppelbach, während Til Schweiger...

Apropos Til Schweiger. Für eine große Gruppe gehört es zum guten, aufgeklärten Ton, mit dem man sich von einer vermeintlichen Masse abzuheben sucht, diesen Schauspieler für ein Brötchen zu halten. In der letzten Woche lief der erste Tatort mit Herrn Schweiger. Der Film war so gut wie sein Skript, und was auch immer Til Schweiger in seiner Rolle hätte tun können, konnte er sich auch sparen. Denn das Urteil der Masse stand schon lange vor der Ausstrahlung fest. Haben wir ja schon immer so gemacht.

Irgendwas müssen wir ja hassen

Als die Schauspielerin Katja Riemann in einer Talkshow saß, weil sie vermutlich per Vertrag einen Film bewerben muss, brach ihre professionelle Haltung unter den seltsam inhaltsleeren Fragen eines Moderators, der vermutlich früher nur mit Bäumen geredet hat, zusammen.

Völlig verständliche Reaktion, diese Fassungslosigkeit ob der Dreistigkeit, mit der Moderatoren und Journalisten eigentlich nur ausrufen: Hey, ich kann nichts. Ich verachte dich, prominenter Mensch, und fühle mich dir überlegen. Ich, der Moderator und Journalist, warte nur auf einen Moment, um dich, Künstler, mal so richtig zu provozieren. Weil ich zu einfältig bin, um mit dir über etwas anderes zu reden als über deine Haarfarbe. Weil es bei mir nicht dazu reicht, ein Gespräch im künstlichen Raum zu erzeugen, darum versuche ich, dich klein zu machen, sprachlos zu machen, das finde ich echt frech und investigativ, darum, du bekannter Mensch, musst du dir meine Dreistigkeit gefallen lassen. Denn wir wissen doch, wie es läuft. Du musst deine Arbeit bekanntmachen, weil sie sonst untergeht im Meer der künstlerischen Entäußerungen auf der Welt.

Katja Riemann wird seit Jahren von einem undefinierbaren Mob gehasst, der zwar keinen einzigen Film mit der Schauspielerin kennt, aber sie irgendwo mal schlechtgelaunt auf bescheuerte Interviewfragen hat reagieren sehen. Der Mob hat eine normale Regung gesehen, und er ist verstört darüber. Für jeden Menschen wäre es eine Selbstverständlichkeit, auf dreiste Fragen irritiert zu reagieren. Unseren Stars sprechen wir das Recht dazu ab. Sie sollen sich verstellen, damit wir ihnen ihre Künstlichkeit vorwerfen können. Sie müssen herhalten, weil manche ihr Leben nicht geregelt bekommen, das grau und soßig dahinfließt, weil sie nicht den Mut haben, einer Vision zu folgen.

Darum muss der Star herhalten, stellvertretend, denn irgendwas müssen wir ja hassen, wenn wir uns schon nicht selber lieben können.

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