In Büchern versinken Ich lese wieder

Ständig lesen wir im Netz, um etwas zu verstehen - und stellen dann fest, doch nichts zu begreifen. Das bringt nur Aufregung. Ein Buch 1.0 aber bringt Ruhe und Gelassenheit.

Leserinnen auf einer Berliner Wiese
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Leserinnen auf einer Berliner Wiese

Eine Kolumne von


Das war ein interessanter Tag, an dem ich wieder lernte, Bücher zu lesen.

Also Bücher, die keine Sachbücher waren, in die man Zettel kleben kann mit dem Gefühl, endlich hätte man die schwarzen Löcher verstanden, was natürlich Quatsch ist. Sachbücher sind Instant-Erkenntnis-Pusher, von denen man parallel fünf liest, sie mit Harvard-Vorträgen mischt, um eine Erregung ob der eigenen Klugheit zu spüren.

Der Tag, an dem ich wieder ein Nicht-Sachbuch gelesen habe, war einer, an dem mich alles aufregte: fliegende Pkw, die bald den Himmel mit Vollpfosten verdunkeln werden, das pfiffige Design eines Kaffeegeschirrs mit Tassenhenkeln, die wie irregewordene T-Träger aus Porzellan an den Tassen baumelten. Die Aufregung also, über alles Bescheid zu wissen und zugleich über nichts.

Das Motto der letzten Jahre war, es wichtig zu finden, über alles Bescheid zu wissen. Alles außer Gamen. Ansonsten: Robotik, Medizin, Politik, Verschwörungstheorien, Rechte, Linke, Mitte, oben, unten und alles gleichzeitig, um - ja, warum? Um nervös zu werden und panisch angesichts der vielen Bedrohungen von - was?

Aufregung über Porzellan-DesignerInnen

Bei Milliarden Menschen bleibt nicht aus, dass es Gebiete gibt, in denen sich der Einzelne nicht mehr auskennt. Bleibt nicht aus, dass man sich ohnmächtig fühlt, weil doch jeder glaubt, nur weil man fast alles nachlesen kann, müsste man es auch begreifen. Die Synapsen. Alter! Als ich also begann, mich über verrückt gewordene Porzellan-DesignerInnen aufzuregen, dachte ich: So, jetzt mal durchatmen. Dachte ich mit dem, was vom Hirn übrig war.

Ich erlitt Sekunden der unendlichen Langeweile, die erfolgen, wenn man kein Netz zur Verfügung hat, weil eventuell der Strom weg ist oder man sich wegen eines zuckenden Auges dazu entschlossen hat. In den Sekunden trat Schaum vor meinen Mund, ich begann, in meine Handknöchel zu beißen. Und dann, als ich mich im Schlamm, der nicht vorhanden war, wälzen wollte, nahm ich ein Buch. 1.0. So wie früher, als ich noch gelesen hatte. Also Bücher, die nicht Sachbücher waren oder Minikurzgeschichten oder Beipackzettel oder Wahlprogramme oder englische Untertitel bei maledivischen Serien.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:31 Uhr
Ohne Gewähr

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Sibylle Berg
GRM: Brainfuck. Roman

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
640
Preis:
EUR 25,00

Es war ein ungewohntes Gefühl auf den ersten Seiten: Text ohne Werbung, ohne Pixel, Seiten umblättern wie so eine Professorin in ihrer Bibliothek, der treue Hund schon lange tot. Na und so weiter. Aber nach einem Tag hatte ich mich ans Lesen gewöhnt. Am dritten Tag geriet ich in einen Rausch und am Ende der Woche hatte sich mein Gefühl zur Welt verändert. Sie war langsamer geworden, weniger beängstigend und bunter. Ich sah wieder Farben, nette Leute, kleine Hunde - und war keiner jener Menschen mehr, die ihrer Empörung durch das Retweeten von dämlichen Mitteilungen Raum verschaffen.

Das Lesen von Büchern, das ich vorher wegen mangelnder Zeit (muss selber schreiben, mich informieren und natürlich auch mal schlafen) unterlassen hatte, zeigte eine paradoxe Wirkung: Es schenkte mir Zeit. Indem ich ein vermeintlich langweiliges, nicht auf pure Information oder Unterhaltung angelegtes Produkt konsumierte, wurden meine Gedanken schneller, und bekamen wieder eine Kontur: statt überfordernder Meinungsfragmente endlich wieder eine Idee, die sich neben dem klaren Fluss zu einer Erzählung formen konnte.

Ich lese wieder. Nicht kleine Tranchen im Netz, ich klicke mich nicht mehr durch tausend Seiten, um am Ende nichts zu wissen, sondern ich lese Bücher. Meine Laune hat geradezu ausgelassene Züge angenommen. Ich habe das Gefühl, irgendeinem seltsamen Versuch, der mit meinem Gehirn angestellt worden ist, entkommen zu sein. Ich bin wieder ruhig. Ich lese. Ich habe Hoffnung.



insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
im_ernst_56 08.06.2019
1. Bücher aus Papier waren niemals wirklich out
Liebe Frau Berg, ich hätte nicht gedacht, dass Sie mir mal aus dem Herzen sprechen. In Hannover gibt es in allen Stadtbezirken öffentliche Bücherschränke, in die die Menschen ihre abgelegten Bücher stellen können. Die sind wie eine Wundertüte. Viel Mist, aber manchmal auch Perlen. Bücher, die man schon vor Jahrzehnten hätte lesen sollen. Zur Zeit lese ich von Reiner Kunze "Die wunderbaren Jahre", ein gnadenloses Buch über ein Land, das es nicht mehr gibt.
jonath2010 08.06.2019
2. 6,2 Millionen Analphabeten
Wie schön, dass die Spon-Autorin ein Buch lesen kann. Rund 6,2 Millionen Menschen in Deutschland können das nicht - wie die Medien vor einigen Wochen berichteten. Auch die diversen Pisa-Studien zeigen, dass immer mehr Jugendliche die Schule mit erschreckend geringen Lesekompetenzen beenden. Sie können einfachste Sätze nicht zusammenhängend lesen und damit ihren Inhalt richtig einordnen. Lesekompetenz ist aber für das spätere Leben eine unverzichtbare Schlüsselqualifikation. Wo und was sollen diese "funktionalen Analphabeten" mal arbeiten im Hochtechnikland Deutschland? Und wovon sollen sie leben?
plasson21 08.06.2019
3.
Mich inspiriert der Gedanke wieder vermehrt Bücher (und nicht Sachbücher und Zeitschriften oder permanente Online Artikel) zu lesen. Würde mich interessieren, was Frau Berg gerade liest?
nobody_incognito 08.06.2019
4.
Tja, "Im Anfang war das Wort" und keiner kapierte es. Neugier bzw. Wissen resultiert aus einem Problembewusstsein, aber wenn man unsinnige und hoffnungslose Probleme hat, die man nichtmal in der Lage ist zu artikulieren, dann hat man wenig Anlass auf Besserung zu hoffen. An sich sollte jedeR das was er an (Bücher-)Wissen gesammelt hat, komprimiert in sich tragen und bei Bedarf in der Lage sein selbiges anzuwenden bzw. verständlich anderen zu kommunizieren. Wenn man sich anschaut wie viele Bücher gelesen wurden und wie wenig konstruktive Verständigung daraus resultiert, dann kommt man auch nicht umhin darin einen wie auch immer motivierten Zeitvertreib zu sehen, bzw. in Wirklichkeit nur eine Ablenkung/Verdrängung.
curiosus_ 08.06.2019
5. Eine schöne Kolumne
Über ein Verhalten das doch viel menschengerechter zu sein scheint als das, was die letzten Jahre so abgeht. Entschleunigung und Konzentration, nicht Multitasking und 5-Sekunden-Aufmerksamkeit.
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