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05. Dezember 2015, 15:33 Uhr

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Der Beef der wenigen

Eine Kolumne von

Die Mehrzahl sind die Menschen, die andere lieben, sich beschützend vor sie stellen. Sie sind ratlos, weil sie glauben, in der Unterzahl zu sein - verloren zwischen all den Idioten.

Sie sind überall. In den Medien, im Netz, also da, wo für die meisten von uns "die Welt" ist: die Arschlöcher. Laut, brutal, menschenverachtend, gierig, dämlich, unendlich viele. Es scheint hoffnungslos, lähmend, ausweglos. Aber.

Man trifft die ja gar nicht so oft, die Idioten. Und das könnte doch die Hoffnung sein, dass es die meisten der gierigen, hassenden, pöbelnden dummen Dinger irgendwo gibt, aber nicht da, wo Sie und ich wohnen. Und dass es immer noch viel mehr stille, höfliche Leute gibt, die genau jetzt, in diesem Moment, in ihren Zimmern sitzen.

Denn draußen ist es zu laut, da bleiben sie lieber drinnen und sehen die Wand an und die Uhr und wieder die Wand, und sie wissen nicht, wie man atmen kann, ohne dass es in der Brust sticht, weil sie nicht mehr leben wollen. Vielleicht sind sie alt. Und da ist keiner, der kommt, und wenn, dann will er nur schnell wieder gehen, das Alter fliehen, den Geruch der damit einhergeht, die Langeweile. Aber meist kommt eben keiner, und der Mensch sitzt und erinnert sich, sucht nach Bildern, als es noch eine Hoffnung gab auf etwas Großes.

Die Uhr tickt, das Bett ist kalt

Das Leben. Denkt ein anderer, er hat vielleicht gerade den Sinn verloren. Den Mann, die Frau, das Kind. Und was zurückblieb, ist er oder sie, in dem Zimmer, und wozu lebt man ohne Sinn, aufstehen, essen, rausgehen, arbeiten, heimkommen, die Uhr tickt, das Bett ist kalt. Wie kann man da weitermachen, wie? Vielleicht ist der Mensch ohne Arbeit, jung, und das Zimmer ist in der Wohnung der Eltern, die streiten unentwegt und sind müde und grau, und man hört sie zu laut, und draußen ist Winter und Spanien oder irgendeines der europäischen Länder, und der junge Mensch ist einer der 50 Prozent ohne Job, und er fühlt sich doch nicht als Prozent, sondern das ist sein Leben, das da gerade den Bach runtergeht.

Vielleicht ist er ein überforderter Mann, er hat Sehnsucht nach seinem Kind, das ist weg mit der Frau, mit dem Traum von Idylle, von Familie, und nur er ist übriggeblieben mit dem kleinen Zimmer, der Kälte vor dem Fenster, einem Job, den er nicht mag, Kollegen, die egal sind, und keiner Idee, wie man da rauskommen kann.

Wie können wir da rauskommen, fragen sich all die netten Menschen jetzt gerade in diesem Moment. Sie haben Angst, sie sind traurig, einsam oder nicht mal das. Vielleicht sind sie einfach nur freundlich und ruhig, unauffällig oder setzen sich kleine Ratten auf die Schultern. Sie wollen nicht so sein wie die Eltern, denn die sind traurig. Das ist die Mehrzahl, das sind viele, das sind die Menschen, die andere lieben, sich beschützend vor sie stellen, die anderen helfen und ratlos sind, weil sie glauben, in der Unterzahl zu sein, verloren zwischen all den Idioten, die uns täglich aus den Medien entgegenkrakeelen, oder sich ballen in Demonstrationen, in Gangs, in Arschlochbrigaden.

Im Rudel stark, allein in den Zimmern. Ich will nicht an die dumme Masse glauben, an das böse Raubtier Mensch, an die Arschlöcher, die Kackfressen, sie sind nicht in der Mehrheit, sie sind eine terrorisierende laute Minderheit. Die man ab und zu mit Ignoranz bedenken sollte.

Kiste aus, Computer zu, nicht gierig im Netz nach der Bestätigung des Negativen suchen. Und an die Millionen denken, die ratlos in ihren Zimmern sitzen und nicht wissen, wie alles geht. Und die nett sind. Wie Sie. Wie ich. Wie die meisten.

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