S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Der Tod hat doch was Gutes

Was wird aus unseren Ausreden und Ausflüchten, wenn es kein Später mehr gibt? Rund vier Monate bleiben noch bis zum Weltuntergang: Die Menschen begreifen endlich ihre Sterblichkeit und verhalten sich friedlich und rührend. Ein Traum.

Und ich in den Hügeln, in dem Haus, in dem ich immer sein wollte. Kein Lautenspieler, kein König, kein Schindelmacher. Nur ein Glashaus mit einem Garten und einem Rasen, unten liegt Los Angeles. Die Stadt, die mir am meisten entspricht, in aller Bescheidenheit. Für die letzten Monate wollte ich so leben, wie ich es ohne die Maya nie gewagt hätte. Zu weit weg, der Umzug, die Ärzte, die Einwanderungsbehörde.

Diese unglaubliche Trägheit, die uns davon abhält zu tun, was wir uns erträumen. Der Rasen war nötig. Dazu später. Was wird aus unseren Ausreden, wenn es kein Später mehr gibt? Ich habe die Menschen mitgebracht, die mir nah sind, es sind zwei. Und ich habe sie nicht bezahlen müssen. Vielleicht mögen sie mich. Die Sonne steigt höher. Wie oft noch mal? Ohne ein festes Datum träumte ich mich gerne in die Unsterblichkeit.

Vielleicht fänden sie, die da oben, die mit den weißen Kitteln, während meiner kurzen Weltaufenthaltszeit ein Gegenmittel. Gegen den Tod. Dessen Unausweichlichkeit alles lächerlich machte. Jedes ernste Gesicht, jede Demonstration, jeden Politiker, Manager, jede Liebe.

Nein, die nicht. Die dauert an. Die übersteht den Tod, die Sau.

Freundlich verabschiedet sich das Hirn

Zwei Menschen leben noch, zwei sind mir gestorben, ohne zu verschwimmen in meiner Erinnerung. Liebe bleibt also wirklich. Auch wenn die Erde sich in einen Feuerball verwandelt haben wird. Feuerball? Wie komme ich darauf? Vielleicht wird sie sich einfach aus der Umlaufbahn lösen und im freien Fall ins All stürzen, wie weit wird sie eigentlich fallen?

Ich könnte noch mal im Cern anrufen, bevor die Sache zu Ende ist. Doch warum? Warum irgendetwas machen, außer am perfekten Ort zu liegen, mit den zwei für mich perfekten Menschen, ein wenig Rauschgift einzunehmen, um den Schmerz erträglicher zu machen, der am Morgen und am Abend besonders traurig macht in diesen unklaren blassblauen Stunden. Es gibt für mich nichts mehr zu tun. Ich bin nicht geeignet zur Weltrettung. Es liegt mir nicht, meine Ideen durchzusetzen, ich misstraue ihnen zu stark.

Wasser aus dem Rasensprenkler, das wollte ich unbedingt, es gehört zu meinem Traum, das leise Zischen des Geräts und der Geruch von Wasser auf Gras in der Hitze. Das war ein schönes Leben. Freundlich verabschiedet sich das Hirn von allem Negativen, es speichert angenehme Orte, Bücher, Tiere, Kinder, schöne Kunst, und jetzt ist es schon wieder Abend geworden.

Im Fernsehen wird jeden Abend heruntergezählt. Noch vier Monate und 13 Tage. Man sieht Menschen an Lagerfeuern sitzen, sie tanzen, haben ihre Freunde und Familien um sich versammelt. Sie überziehen ihre Bankkonten, die Banker sind am Meer. Es ist der Idealzustand einer friedlichen, feiernden Weltbevölkerung. Ein Umarmen Verfeindeter, ein Sich-aneinander-Schmiegen, der Wegfall aller sozialen und sexuellen Schranken, wozu waren die eigentlich noch mal gut?

Ein Lachen Sterbender.

Keiner ruiniert die Umwelt in seinen letzten Monaten, mordet, prügelt sich, selbst die schwer Drogenabhängigen halten inne, um ein paar wache Momente zu erleben. Sie alle starren in die Sonne, fühlen sich so klein, wie sie es immer waren. Die Menschen begreifen endlich ihre Sterblichkeit und verhalten sich entsprechend friedlich und rührend. Die kleinen Menschen, auf dem kleinen Planeten, der vielleicht bald im freien Fall ins Universum gleitet.

Vielleicht aber auch nicht.

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