S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Bild dir deine Vorurteile

Der Wald ist nicht gestorben. Und die "Bild"-Zeitung engagiert sich neuerdings für Flüchtlinge. Wen soll man denn jetzt bitte schön hassen?

Proteste gegen den Springer-Verlag (2008)
dpa

Proteste gegen den Springer-Verlag (2008)

Eine Kolumne von


Seit man Zeitungen nicht mehr an Kiosken erwerben muss, sondern appetitlich artikelweise im Netz konsumieren kann, lese ich seltsame Randgruppenmedienerzeugnisse. "Bild". Zum Beispiel.

Produkte des Springer-Konzerns habe ich in den vergangenen fünfhundert Jahren reflexhaft gemieden. Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht, oder tat sie nicht. Tiere fressen, "Bild" lesen, Kinder schlagen. Nicht darüber nachdenken, verweigern. Die Welt ist unübersichtlich genug, auch ohne dass man permanent seine Vorurteile überprüft.

Da waren immer die guten Zeitungen, "Süddeutsche" und "FAZ" und der SPIEGEL, mit ihren durch wechselnde Chefs, immer männlich, bedingten Qualitätsschwankungen, und dann waren da Sachen wie eben "Bild". Die jetzt lustigerweise eine Chefin hat. Aber auch hier lerne ich langsam, dass es nichts hilft, dauernd zu jammern, dass es so wenige Frauen in Führungspositionen gibt, denn leider scheuen viele die Überstunden, die Angreifbarkeit, ja den Hass, dem man an der Spitze jeder Unternehmung ausgesetzt ist. Nach diesem kleinen Ansatztourette zurück zur Springer-Presse.

Karikaturenheft mit Tittenverpackung

Schon bevor sich die Zeitung, die ich als lustiges Karikaturenheft mit Tittenverpackung eingestuft hatte, für Flüchtlinge engagierte, war es mir immer ein wenig unangenehm, dass sie als einzige Publikation kein antisemitisches Grundrauschen in ihrer Berichterstattung mitlaufen ließ. Ich müsste mal wieder eine "Bild" lesen, und nicht nur angeekelt aufschreien, also innerlich, dachte ich schon längere Zeit. Aber dann war wieder irgendwo der Chefredakteur des Blattes zu sehen, oder irgendwelche dumpfbackigen Frauen, die ihre sekundären Geschlechtsteile zeigten, und ich konnte beruhigt bei meinen Vorurteilen bleiben. Aber.

Eines meiner fast penetrant wiederkehrenden Themen ist die Trägheit des Geistes und das Festhalten an Gewohntem, der Sieg der Bequemlichkeit. Wen soll man denn bitte schön hassen und mit inneren Farbbeuteln bewerfen, wenn alle alten Feinde sich auflösen. "Bild" ist nicht mehr das Böse, die Nazis sind heute im untergehenden Mittelstand zu finden, der Wald ist nicht gestorben, einige Linke sind boykottierende Israelhasser. Alter. Wogegen soll ich jetzt nur sein. Gegen die Krake Weltkonzern? Soll ich meinen Computer verachten und wieder von Hand schreiben? Google ignorierend in Bibliotheken stromern? Die da Oben? Regierung, die ich gewählt habe? Da wird man doch vollkommen verrückt und versteht jeden, der stur auf alte Vorurteile besteht, weil sie so angenehm einfach waren, und eine kleine Welt im Kopf herstellten, die aus gut und böse besteht. Artikel in Zeitungen sind immer nur so gut wie die Verfasser, aus deren Kopf sie kamen. Mein alter Traum, dass Medien helfen, den Menschen zu informieren und klüger zu machen, ist immer noch eine süße Fantasie. Denn Medien werden von Journalisten hergestellt, also von Leuten. Ist klar. Sie alle kennen Leute, sie sind selber welche. Na ja, und richtig zu trauen ist ja keinem von uns.

S.P.O.N. - Die Kolumnisten
    Liebe Leser,
    die Kolumnentage haben sich geändert. Es gilt künftig folgende Reihenfolge:

    Montag: Jan Fleischhauer - Der Schwarze Kanal
    Dienstag: Margarete Stokowski - Oben und unten
    Mittwoch: Sascha Lobo - Die Mensch-Maschine
    Donnerstag: Jakob Augstein - Im Zweifel links
    Freitag: Thomas Fricke - Die Rechnung, bitte!
    Samstag: Sibylle Berg - Fragen Sie Frau Sibylle
    Sonntag: Georg Diez - Der Kritiker


insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
GinaBe 21.05.2016
1. Wahrheit als Möglichkeit.
Nanana, warum denn immer gleich h a s s e n?! Vorurteile auszuüben und Meinungen zu streuen ist doch eine ausreichende individualisitische genugtuung, wenigstens zu denken, gehört zu werden. Bzw. gelesen. Journalisten und Schriftstellern geht es auch nicht anders. Zielgruppe ist die, die sich identifiziert mit dem Autor- oder aber etwa gegen den in Opposition tritt, Einwände macht, gar: eine Debatte führen will. Bei Kolumnisten etwa.;-) Im großen und ganzen stimmt die süße Fantasie immer noch: die Wahrheit wird geschrieben, aber von vielen und jeder hat eben seine eigene. Ob das nun hilfreich ist, alles oder nichts zu lesen? Der eigenen Wahrheitsfindung dienend wird der Mensch weiterhin nach mosaiksteinchen in der presse und auf dem buchmarkt suchen, TV- Sendungen herausfiltern, auch mal zu Vorlesungen und Vorträgen gehen, aber: SEINE wahrheit und den bezug zur Wirklichkeit muss er selbst finden-- das nimmt ihm kein Magazin ab und auch kein Prophet.
staxxxx 21.05.2016
2. Leider
wurde schon alles gesagt. Ich bin in einem Vakuum und kann nirgends einhaken. Ist das die neue Frau Berg? Da ist sie aber auf Twitter noch bissiger. GinaBe hat auch recht. Öder Samstag.
ludna 21.05.2016
3. Wieviel Geld bekommt man eigentlich
für so einen dürftigen Artikel ?
info@buch-perl.de 21.05.2016
4. unbarmherzig
So gut, dass ich wüßte, ob ich mir trauen kann, kenn ich mich nicht. Ist der, dem ich meist traue, wirklich Ich. Oder hat mich was, vielleicht meine Vorurteile, "klüger" gemacht, als ich es bin. Wenn ich meine Meinung losgeworden bin, müsste ich nochmal von vorn beginnen, um sie zu überprüfen und die dadurch entstehenden Fragezeichen zu platzieren. Dadurch würde meine Meinung an Überzeugungskraft verlieren und mich beschäftigen, statt weitere Vorurteile zu verschießen. Womöglich verliere ich dann alles, was ich so schön hasse. Liebe Frau Sibylle, muss es gleich die BILD sein oder darf ich erstmal, hart genug, mit der FAZ üben? Sie können ganz schön anstrengend sein und das am Wochenende.
dr.joe.66 21.05.2016
5. Vereinfachung...
Heute morgen musste ich bei den morgendlichen Lektüre meiner Standard-Internet-Nachrichten-Seiten doch ziemlich grinsen: Vom Spiegel bisher zumindest auf der Startseite konsequent ignoriert, wird z.B. bei n-tv.de das neue Buch von Alice Schwarzer kommentiert. Da schreibt die langjährige Ikone der Emanzipation jetzt plötzlich politisch total inkorrekten Klartext zur Problematik Islam-Flüchtlinge-Frauenbild. Und wird dafür medial verprügelt - nur plötzlich nicht mehr von den #aufschrei-verursachenden Männern, sondern von den Frauen, für die bisher die politisch korrekte Welt so klar und einfach war. Sieht so aus als müsste sich die Fraktion der politisch korrekten so langsam an eine unbequeme Wahrheit gewöhnen: die Welt ist nicht so einfach wie wir sie gerne hätten. Und das lese ich auch aus dem Kommentar von Frau Berg heraus: es ist vielleicht doch nicht so einfach wie Frau Berg es sich oft in ihrer Kolumne gemacht hat. Das ist eine wichtige und gute Erkenntnis. Weiter so!
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