Sibylle Berg

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Bild dir deine Vorurteile

Der Wald ist nicht gestorben. Und die "Bild"-Zeitung engagiert sich neuerdings für Flüchtlinge. Wen soll man denn jetzt bitte schön hassen?
Proteste gegen den Springer-Verlag (2008)

Proteste gegen den Springer-Verlag (2008)

Foto: A3397 Gero Breloer/ dpa

Seit man Zeitungen nicht mehr an Kiosken erwerben muss, sondern appetitlich artikelweise im Netz konsumieren kann, lese ich seltsame Randgruppenmedienerzeugnisse. "Bild". Zum Beispiel.

Produkte des Springer-Konzerns habe ich in den vergangenen fünfhundert Jahren reflexhaft gemieden. Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht, oder tat sie nicht. Tiere fressen, "Bild" lesen, Kinder schlagen. Nicht darüber nachdenken, verweigern. Die Welt ist unübersichtlich genug, auch ohne dass man permanent seine Vorurteile überprüft.

Da waren immer die guten Zeitungen, "Süddeutsche" und "FAZ" und der SPIEGEL, mit ihren durch wechselnde Chefs, immer männlich, bedingten Qualitätsschwankungen, und dann waren da Sachen wie eben "Bild". Die jetzt lustigerweise eine Chefin hat. Aber auch hier lerne ich langsam, dass es nichts hilft, dauernd zu jammern, dass es so wenige Frauen in Führungspositionen gibt, denn leider scheuen viele die Überstunden, die Angreifbarkeit, ja den Hass, dem man an der Spitze jeder Unternehmung ausgesetzt ist. Nach diesem kleinen Ansatztourette zurück zur Springer-Presse.

Karikaturenheft mit Tittenverpackung

Schon bevor sich die Zeitung, die ich als lustiges Karikaturenheft mit Tittenverpackung eingestuft hatte, für Flüchtlinge engagierte, war es mir immer ein wenig unangenehm, dass sie als einzige Publikation kein antisemitisches Grundrauschen in ihrer Berichterstattung mitlaufen ließ. Ich müsste mal wieder eine "Bild" lesen, und nicht nur angeekelt aufschreien, also innerlich, dachte ich schon längere Zeit. Aber dann war wieder irgendwo der Chefredakteur des Blattes zu sehen, oder irgendwelche dumpfbackigen Frauen, die ihre sekundären Geschlechtsteile zeigten, und ich konnte beruhigt bei meinen Vorurteilen bleiben. Aber.

Eines meiner fast penetrant wiederkehrenden Themen ist die Trägheit des Geistes und das Festhalten an Gewohntem, der Sieg der Bequemlichkeit. Wen soll man denn bitte schön hassen und mit inneren Farbbeuteln bewerfen, wenn alle alten Feinde sich auflösen. "Bild" ist nicht mehr das Böse, die Nazis sind heute im untergehenden Mittelstand zu finden, der Wald ist nicht gestorben, einige Linke sind boykottierende Israelhasser. Alter. Wogegen soll ich jetzt nur sein. Gegen die Krake Weltkonzern? Soll ich meinen Computer verachten und wieder von Hand schreiben? Google ignorierend in Bibliotheken stromern? Die da Oben? Regierung, die ich gewählt habe? Da wird man doch vollkommen verrückt und versteht jeden, der stur auf alte Vorurteile besteht, weil sie so angenehm einfach waren, und eine kleine Welt im Kopf herstellten, die aus gut und böse besteht. Artikel in Zeitungen sind immer nur so gut wie die Verfasser, aus deren Kopf sie kamen. Mein alter Traum, dass Medien helfen, den Menschen zu informieren und klüger zu machen, ist immer noch eine süße Fantasie. Denn Medien werden von Journalisten hergestellt, also von Leuten. Ist klar. Sie alle kennen Leute, sie sind selber welche. Na ja, und richtig zu trauen ist ja keinem von uns.

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