S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Zeit für Frustrandale

Die Frau ist Opfer, sie leidet und sie läuft halbnackt durch die Gegend. Raten Sie mal, wo das der Regelfall ist. Na klar, im deutschen Staatstheater, das sich auch den sanftesten Neuerungen widersetzt. Der einzige Trost ist: So gräbt es sich sein eigenes Grab.


Wann waren Sie das letzte Mal glücklich im Theater? Ich immerhin vor einigen Monaten in Basel. Da sah ich eine Aufführung des Jungen Theaters von Regisseur Sebastian Nübling. Davor? Ich denke lange nach - und habe keine Ahnung.

Auf zweihundert verzweifelt langweilige Theaterabende kommen ungefähr fünf, die mich für all das Elend entschädigen. Ich wähle mit geschlossenen Augen den Spielplan eines Staatstheaters im deutschsprachigen Raum. Und noch einen. Und den nächsten. Fast wirken sie identisch. Wir sehen "Minna von Barnhelm", "Die Räuber", Ibsen, Tschechow. Wir sehen fast immer dieselben Regisseure, die von einem Haus ins nächste reisen, und wir sehen verdammt wenig interessante Rollen für Frauen, kurz - das Elend.

Noch vor zehn Jahren hieß Theater zu fast hundert Prozent: Männliche Regisseure erarbeiten unter männlichen Intendanten Stücke männlicher Autoren. Nichts, um sich darüber aufzuregen. Das haben wir immer so gemacht, Sie wissen schon. Theater im deutschsprachigen Raum heißt: Sprechtheater. Seltsamer Begriff, der bedeutet, dass Schauspieler herumstehen und Figuren darstellen, die Texte aufsagen. Der Text muss textgetreu sein, mit Betonung und Stütze vorgetragen. Das machten die Schauspieler mehr oder weniger gut, die Regisseure dito.

Text, vielleicht bebildert

Früher wurde viel geschrien. Stein, Zadek, alles Schreier, die fest daran glaubten, Kunst ließe sich erzwingen, wenn man nur recht laut wäre. Manchmal funktionierte das. Doch dann kamen Theaterkünstler wie Pollesch und Schlingensief, nicht schreiend, die sich so lange in den Feuilletons auslachen ließen, bis sie sich in den subventionierten Staatstheatern durchgesetzt hatten. Mit dem Resultat, dass ihre Aufführungen immer voll waren/sind.

Zehn Jahre ist das schon her - eine lange Zeit für die Etablierung neuer Sehgewohnheiten und Kunstbegriffe, die das Publikum problemlos nachvollzogen hat. Doch für die Kunstvermittlung und auch für viele Staatstheater scheint es keine Entwicklung gegeben zu haben. Der Text, der von Textarbeitern aus dem Steinbruch gemeißelt wird, im besten Falle bebildert, mit Musik unterlegt. Die Frauen sind Opfer, sie leiden und sind gern halbnackt. So wie es in der Oper fast unmöglich ist, moderne Kompositionen zu einem Kassenknüller zu machen, laufen in den Theatern immer noch erstaunlich wenig neue Stücke, neue Ideen, die Revolution bleibt aus, weil sie vielleicht nicht funktionieren kann. Sie sehen mich ratlos. Frustrandale.

Ich kenne viele Menschen unbestimmten Alters, die das Staatstheater noch nicht völlig aufgegeben haben, aber definitiv bei Inszenierungen von freien Gruppen wie Gob Squad, Rimini Protokoll oder She She Pop glücklicher sind. Und die landen alle irgendwann am großen Haus und wollen nicht mehr freie Gruppe sein, sondern Shakespeare aufführen und von Kritikern gelobt werden.

Sagte ich, dass ich ratlos bin? Dass ich nicht verstehe, wie selbstreferentiell viele Theaterschaffende um sich kreisen und alle anderen Kunstformen ausblenden? Und dadurch immer zu spät sind mit all den Inszenierungen über Banker und den Irak-Krieg.

Wenn es nur darum geht, den klassischen Geschmack eines kleiner werdenden Bildungsbürgertums zu erfreuen, dann droht Stagnation und das Ende, und zwar nicht des Theaters, sondern des Staatstheaters, das es in anderen Ländern so nie gegeben hat. Spielpläne, die sich vornehmlich aus einem heteronormativen Weltbild zusammensetzen, werden einen Großteil der Kunstinteressierten bald nicht mehr erreichen, hoffe ich. Und habe gerade vier Stunden Theaterelend hinter mir, träume von Geschwindigkeit, Bildern, Tempo, Mut, so wie Generationen vor mir, die alles ändern wollten. Und am Ende sind doch alle nur froh, wenn gute Texte in guter Betonung aufgesagt werden. Sage ich. Ratlos.



insgesamt 25 Beiträge
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shokaku 13.04.2013
1. Chuck Norris kann das Theater retten
Zitat von sysopDie Frau ist Opfer, sie leidet und sie läuft halbnackt durch die Gegend. Raten Sie mal, wo das der Regelfall ist. Na klar, im deutschen Staatstheater, das sich auch den sanftesten Neuerungen widersetzt. Der einzige Trost ist: So gräbt es sich sein eigenes Grab. Sibylle Berg über die Krise des deutschsprachigen Sprechtheaters - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-die-krise-des-deutschsprachigen-sprechtheaters-a-894069.html)
Da fehlt halt eine Thatcher, die die Läden mal privatisiert. Der staatliche Kulturbetrieb hat nun mal deutllich mehr seine Schäfchen im Blick, als das Publikum. Schon lange überfällig, die Sümpfe trocken zu legen
Fackus, 13.04.2013
2. Da hat Frau Berg ...
Zitat von sysopDie Frau ist Opfer, sie leidet und sie läuft halbnackt durch die Gegend. Raten Sie mal, wo das der Regelfall ist. Na klar, im deutschen Staatstheater, das sich auch den sanftesten Neuerungen widersetzt. Der einzige Trost ist: So gräbt es sich sein eigenes Grab. Sibylle Berg über die Krise des deutschsprachigen Sprechtheaters - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-die-krise-des-deutschsprachigen-sprechtheaters-a-894069.html)
ausnahmenweise! mal recht. Die Theater im allgemeinen bestechen durch grässliche Inszenierungen, die nur ein irgendwie kulturell durchgeknalltes Publikum verstehen mag. Das gilt ebenso für die Oper. Wenn da ein Händel-Stoff in die NS-Zeit versetzt wird oder ein Gluck in die 68er oder sonst so ein Zinnober, dann mag man das einfach nicht ansehen. Keine Minute.
spon-427-f6a0 13.04.2013
3. ...und stehen im Regen
Zitat von sysopDie Frau ist Opfer, sie leidet und sie läuft halbnackt durch die Gegend. Raten Sie mal, wo das der Regelfall ist. Na klar, im deutschen Staatstheater, das sich auch den sanftesten Neuerungen widersetzt. Der einzige Trost ist: So gräbt es sich sein eigenes Grab. Sibylle Berg über die Krise des deutschsprachigen Sprechtheaters - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-die-krise-des-deutschsprachigen-sprechtheaters-a-894069.html)
[QUOTE=sysop;12492644]Die Frau ist Opfer, sie leidet und sie läuft halbnackt durch die Gegend. Raten Sie mal, wo das der Regelfall ist. Na klar, im deutschen Staatstheater, das sich auch den sanftesten Neuerungen widersetzt. Der einzige Trost ist: So gräbt es sich sein eigenes Grab. Genau, meist rennen die Frauen auf deutschen Bühnen in Unterröcken rum, meist barfuß und stehen seit ca. 2 Jahren ständig im Regen, der aus getarnten Duschen über der Bühne fällt, wenn dort nicht gerade mit Blut oder Exkrementen umsich geworfen wird, während Männer in langen Unterhosen oder Trenchcoats daherkommen. Diese modernen Theaterclichees sind inzwischen so lächerlich, dass ich dann schon mal lachend rausrenne. Letztens in der Schaubühne in Berlin.
Spiegelkritikus 13.04.2013
4. So ein Theater
Zitat von sysopDie Frau ist Opfer, sie leidet und sie läuft halbnackt durch die Gegend. Raten Sie mal, wo das der Regelfall ist. Na klar, im deutschen Staatstheater, das sich auch den sanftesten Neuerungen widersetzt. Der einzige Trost ist: So gräbt es sich sein eigenes Grab. Sibylle Berg über die Krise des deutschsprachigen Sprechtheaters - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-die-krise-des-deutschsprachigen-sprechtheaters-a-894069.html)
In Deutschland ist es doch schon revolutionär, wenn eine Frau im Theater halbnackt über die Bühne rennt. Für (sozial-) politisch Revolutionäres ist da gar kein Platz mehr und dem "Bildungsbürgertum" würde auch jedes Verständnis dafür fehlen. Welche Art von Staatstheater soll man schon machen, wenn die Kanzlerin deklariert hat, Deutschland geht es gut? Da greift man halt auf die bewährten Klassiker zurück und variiert ein wenig die Äusserlichkeiten, damit eckt man nicht unnötig an und ein paar Groschen landen immer in der Kasse. Davon abgesehen spielt sich das eigentliche Staatstheater in Berlin ab, genauer: auf der politischen Live-Bühne mit originalen Polit-Darstellern, die täglich ein kostenloses, mehr oder weniger originelles Programm für Medien und Bürger spielen.
dr. phibes 13.04.2013
5.
Nach mehreren vergeblichen Versuchen mich mein Tip: Kinderopern! Irgendwie wird dort dem Zauber des Theaters noch vertraut und nackte Darsteller sind dort eher ungewöhnlich :). Keine Ahnung was mit mit dem Theater los ist, sieht mir aber nach Minderwertigkeitskomplex aus, zu dem kein Grund bestünde, wenn man einfach das machen würde was man am besten kann.
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