S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Nie mehr Migräne

Keine Ironie, keine Pointe, nur eine Vision: Wenn es jetzt schon die Lustpille für die Frau gibt, sollte auch leichter Drogengenuss zum Sexstandard werden. Man hat ja sonst nichts zu lachen.

OMG. Die Lustpille für die Frau ist da - klarer Fall von Mit-den-Händen-Wind-ins-Gesicht-Wedel. Hoffentlich gibt es sie bald bei uns, dann können wir alle endlich wieder richtig ausufernd Geschlechtsverkehr haben, dann können sich Paare nach 30 Jahren endlich diesen lästigen Swingerklubbesuch sparen (ich bekomme das Wort Gonokokken-Salat nicht aus dem Kopf), dann kann man endlich wieder ein richtig schönes Nümmerchen schieben und alles um sich vergessen.

Die Pillen mit Drogen kombiniert wären noch großartiger. Damit die Damen, wenn sich sexuelle Lust einstellt, auch vergessen können, wie albern es ist, Torben nach 30 Jahren Ehe anzuspringen.

Vermutlich wäre die Freigabe von Drogen aller Art auch kein Problem, wenn Pharmafirmen die Patentrechte für Marihuana, Koks und Heroin innehätten. Was kann denn einer Gesellschaft Besseres passieren als zugeknallte, gutgelaunt kopulierende Bürger? Und eigentlich auch - was kann uns Bürgern Besseres passieren?

Systeme zu ändern liegt nicht in der Macht des Einzelnen, es sei denn, man ist Gandhi oder Zuckerberg, also warum sollen wir uns ärgern, aufregen, lamentieren, wenn man gutgelaunt an Körpern herumfummeln kann? Ein paar Miesmacher stellen die Wirksamkeit der pinkfarbenen Viagra-Pille für Frauen schon wieder infrage. 

Wenn der Hormonrausch weg ist

Dabei ist doch erwiesen, dass Frauen weniger Lust auf sexuelle Handlungen haben als Männer. Nun ja, meist haben sie weniger Lust auf Handlungen mit langjährigen Partnern, sie haben Migräne. Oder ihre Unlust ist einfach dem Umstand geschuldet, dass man sich irgendwann nicht mehr im anfänglichen Hormonrausch befindet, dass das Leben müde macht, der Partner vielleicht auch nicht mehr bemüht darum ist, dass jeder Akt die Wucht eines Erdbebens hat.

Tausend Gründe, die zu dem Resultat führen, dass ein Paar vielleicht lieber mit einem Buch vor dem Ofen liegt, als sich zu paaren.

Aber eben: Mit Pillen kann man vermutlich mehr Umsatz machen als mit Büchern, und was Männern freisteht, sollte auch Frauen möglich sein. Dann eben Pillen. Vielleicht bringt es ja etwas. Vermutlich ist es auch einfacher, eine Tablette einzunehmen und den in die Jahre gekommenen Partner mit wildem Blick zu betrachten als fremdzugehen. Die Lügen, die Verwirrung, die Organisation; nur, das möchte ich nochmals in einem Aufruf an die Pharmafirmen und die Regierung bekräftigen: Geil machende Pillen in Kombination mit leichtem Drogengenuss sind noch wirkungsvoller, denn dann bekommt man nicht nur Lust, sondern vergisst auch den ganzen Mist um sich.

Die Kinder, die mit Ritalin im Nebenzimmer ruhiggestellt sind, der Körper, der mit Diätpillen in Form gehalten wird, der Geist, der mit Psychopharmaka in einem Gute-Laune-Modus schwebt, die Nachbarn, die Steuer, die Ohnmacht, der Verfall, das Verschwinden der Liebe, alles könnte sich auflösen, das Leben ein Rausch sein. Eine wunderbare Vision wäre das ohnehin.

Der moderne, gut geformte, gut funktionierende Mensch, der mit Eintritt in sein Privatleben alle Hemmungen fallen lässt, faunisch bekifft und unter Lustdrogen Orgien veranstaltet, tanzt, Sex hat und am nächsten Morgen in der Annahme, ein erfülltes Leben zu haben, wieder seinem Dienst nachgeht.

Was will ich mit diesem Text nun schon wieder sagen? Richtig: Ich liebe die Zukunft, in der Menschen keine Menschenunzulänglichkeiten mehr aufweisen, sondern perfekte kleine Maschinen sind. Keine Ironie. Keine Pointe. Her mit den Pillen.

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Foto: SPIEGEL ONLINE