S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Der Shitstorm, das sind wir alle

Wir wüten, wir hassen, wir pöbeln: In Foren, Blogs und Hassvideos fühlen wir uns mächtig. Doch wie wird die millionenfache Häme im Netz sich langfristig auf unsere Gesellschaft auswirken?
Duden-Eintrag: Aufregen, weil alles zu schnell geworden ist

Duden-Eintrag: Aufregen, weil alles zu schnell geworden ist

Foto: Jens Kalaene/ picture alliance / dpa

Manchmal sehe ich mich von oben. Das Licht, der Tunnel, Sie wissen schon. Ich sehe mich in einem Heer von Missgelaunten. Wir sitzen und quaken wie Frösche den Mond an. Wir quengeln und hassen, wir erregen uns, wir stellen Strafanzeigen gegen alle und jeden. Und danach ist der Anfall wieder vorüber, und wir wenden uns erleichtert dem Leben zu. Das in den meisten Fällen ein wenig enttäuschend, aber auch nicht besonders furchtbar verläuft.

Irgendwann in der Jugend hatte man sich halt etwas vorgestellt, das mit Weltherrschaft, Ruhm, Unsterblichkeit zu tun hatte. Etwas Großartiges. Und dann sitzt man da, das Kind schreit, und alles wiederholt sich. Das Essen, die Jahreszeiten. Prost. Die Männer Slash Frauen, über die wir uns kurz erregen, werden wieder zu Thorsten und Beate im richtigen Leben. Die Politiker gibt es nicht in unserer Wohnung, im Garten, und Russland ist weit weg beim Wochenendausflug in den Zoo. Die Millionen scheinbarer Superhasser, Anzeigensteller, Kontrolleure und Blockwarte sind wir. Sind Thorsten und Beate, bin ich. Ich lese etwas, sehe etwas im Fernsehen, vielleicht bemerke ich im Vorrübergehen Details, die nicht meinem exzellenten Gefühl für Ästhetik und Vernunft entsprechen.

Und dann kommt der Moment der Langeweile, denn Erregung in Zeiten intensiver Beschäftigung zu entwickeln, ist unmöglich. Ich bekomme eine Wut. "Erregt euch" heißt das Buch eines wütenden Mannes, "erregen wir uns" ist das Motto des Jahres. Früher standen Wütende auf der Straße oder lernten Kampfsportarten, um Aggressionen abzubauen. Heute kommentiert man, schreibt Blogs oder macht Hassvideos, erstattet Anzeigen, sucht eine Mehrheit und fühlt sich mächtig. Wir regen uns auf, weil alles zu schnell geworden ist und wir die Zeit nicht ändern können.

Wir wüten wegen Bauwerken und Kunst, die uns nicht gefällt. Wir hassen Unbekannte, die wir unsympathisch finden, doppelwählende Chefredakteure, Dirk Nowitzki, der Wurst isst, die Hautfarbe einer Modelkandidatin. Man pöbelt, wettert, hetzt, das dient der Psycho-Hygiene, das ist gut. Man zwingt die Firmen zu Reaktionen und Bundespräsidenten zum Rücktritt. Und hat die Sache sofort wieder vergessen, die Wut ist weg.

In schlaflosen Minuten frage ich mich, wie die millionenfache Öffentlichkeit, die jeder heute durch das Netz hat, sich längerfristig auf die Entwicklung freier Persönlichkeiten auswirken wird. Denken Künstler die Rezeption des Wütenden bereits mit? Hat jeder Angst vor der Überwachung, der Anzeige, den Kommentaren, und wie wird unsere Welt aussehen, wenn alles, was einer tut, durch seine Angst vor einer negativen Bewertung und Hassattacken geschieht? Misstraut man der neuen Liebe, denn sie könnte alle Briefe veröffentlichen? Hungert man sich auf akzeptierte Normformen herunter, aus Sorge, hämisch kommentiert zu werden? Verbessert sich die Welt, wenn jeder versucht, es allen recht zu machen? Mäßigen wir uns, kontrollieren und bremsen uns, und ist das vielleicht gut für die Welt? Die sich so selber reguliert und die Kanten abschleift? Oder wird alles, was wir tun, was die Generation nach uns tut, in der ständigen Angst vor dem Hass des Schlechtgelaunten zu einem konturlosen Brei aus Feigheit verkommen?

Im Moment geht es mir gut, das Essen war hervorragend, das Wetter ist angenehm. Kein Grund für schlechte Laune, Glück gehabt.

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