S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Das Zeitalter des Bullshits

Klugheit war doch mal wichtiger, als Plastikmöpse zu haben, oder? Warum früher eben doch alles besser war - und heute der Verblödungskapitalismus herrscht.

Schon beim nebelumflorten Denken des Wortes "DAMALS" kommt die Hirnpolizei und schreit: Kulturpessimismus, alter Mann, hoppla, Alterssexismus! - alter Mensch!

Das Wort "damals" klingt wie die Sehnsucht nach Greif, Feld, Grass, Hund. Nach Holunderblüten und Züchtigung. Damals, als wir noch dachten, Denker seien wichtig, Intellektuelle, PhilosophInnen. Sie wissen schon. Als wir noch glaubten, klug zu sein wäre wichtiger als Plastikmöpse, Sixpacks und abgeleistete Mountainbike-Kilometer. Als viele Menschen lieber etwas Sinnvolles tun wollten als etwas, das viel Geld einbringt.

Klug zu sein erscheint heute nicht mehr als Eigenschaft, die Bewunderung hervorruft.

Denken bedeutet heute nicht mehr Diskurs, sondern politisch korrektes Korrektiv der Masse. Foren. Blogs. Shitstorms. Bullshit.

Wir sind überfordert. Wir sind gereizt. Wir erfahren zu viel und wissen zu wenig. Hilflos strampeln, schneller sein, in zu vollen Verkehrsmitteln, das Dauerrauschen von Gier und Angst, die Erkenntnis, dass man es nicht mehr zu Wohlstand bringen wird, macht: sauer. Neidisch. Aggressiv.

Der Großteil der Bevölkerung fällt abends müde aus überfüllten Pendlerzügen, schaut noch ein wenig im Internet, noch mehr Informationen, die wir weder zu verarbeiten oder zu beeinflussen vermögen. Wir können nichts ändern. Wir sind zu müde. Zu gestresst, um nachzudenken. Es wäre verwegener Unfug zu behaupten, der real existierende Verblödungskapitalismus hielte die Menschen von Bildung und Kultur fern, aber durch die Eigendynamik der Lebensumstände ist es für den Einzelnen sehr aufwendig, sich Zeit zu nehmen, um sein Gehirn mit etwas anderem als TV-Serien und Games zu fordern. Dieses ach so langweilige Lesen von Geschichtsbüchern, diese alten und neuen Philosophien, all das geistige Slow Food könnten den Einzelnen zu einem Überdenken seiner Position verleiten, zum Hinterfragen von im Sekundentakt herausgeschleuderten Menschenerregungs- und Informationsabfall. Bildung und eine Ahnung von historischen Ursachen, das Begreifen des eigenen kulturellen Kontextes machen das Leben nicht leichter, aber es macht, dass man sich etwas weniger hilflos fühlt.

Das bedeutet es, wenn ich an DAMALS denke und es zensiere, relativiere, denn da lauert die Kulturpessimistenkeule (die "Keule" - auch so ein Idiotenwort, das dazu dient, Gespräche zu ersticken).

DAMALS, als die Welt nur aus denen zu bestehen schien, die viel Geld verdienen wollten, und den anderen, den Guten, zu denen man natürlich gehörte, die sich die Freiheit nahmen, in ihren Gedanken zu verschwinden. Vielleicht weil die Welt langweiliger war, HBO-Serien noch nicht erfunden, die Bars um zwölf schlossen. Was gab es also anderes zu tun, als sich seltsame Gedanken über die Welt zu machen. Über sich und das Damals, das Heute, die Zukunft. Das Hirn, so schien es, war der letzte Ort, in das keiner eindringen konnte. Die sichere Burg, die einen vor den Zumutungen der Welt bewahrte. DAMALS, als wir schlau werden wollten und nicht reich. Mit beidem gescheitert: Ihre Frau Berg.

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Foto: SPIEGEL ONLINE