S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Tote Tiere müssen einwilligen!

Ist es okay, als Schriftsteller einen Roman über seine Ex-Freundin zu schreiben? Darf ein Künstler mit menschlichen Leichen herumhantieren? Oder mit toten Tieren? Wer entscheidet, was Kunst darf und was nicht? Ein kleiner Nachhilfekurs für Banausen.

Die Tiere, die Hermann Nitsch im Leipziger Theater auf der Bühne ausgeweidet hat, waren, wie er sagt, schon länger verstorben. Proteste kennt der im Jahr des Herrn 1938 Geborene ja von der ersten Stunde seiner Eingeweidespektakel an. Der Vertreter des Wiener Aktionismus hat mutige Kunstwerke geschaffen, aber die zu diskutieren ist hier nicht der Ort. Und Laien darüber entscheiden zu lassen, was Kunst ist, zeugt ohnehin von einer grenzenlosen Unkenntnis der Materie.

Was eine künstlerische Bedeutung hat, entscheiden die Fachleute, Experten, Kuratoren, Sammler, Wissenschaftler und die Zeit, gemeint ist nicht das Printerzeugnis. Dem Betrachter, dem Konsumenten, bleibt, wenn er sich nicht mit großer Sorgfalt in die Materie einarbeitet, nur sein Gefühl, und das hat meist mehr mit ihm als mit der Kunst zu tun. So wie Menschen sich von Christoph Schlingensief persönlich beleidigt fühlten, stimmten sie in Zürich gegen ein sogenanntes "Nagelhausprojekt". Weil eine rechtskonservative Partei Stimmung gegen das Projekt machte, was sie hauptsächlich mit den Kosten begründete.

Ein anschauliches Beispiel dafür, was passiert, wenn sich Politiker als Kunstkenner betätigen. Bei der gerichtlichen Verfügung gegen Maxim Billers Buch, in dem er zu eindeutig identifizierbar seine ehemalige Freundin beschrieb, schieden sich die Meinungen der Leser. Darf man das? Wo beginnt die Bücherverbrennung und die Vernichtung "entarteter Kunst"? Und was ist mit dem Hitlergruß von Meese? Wo können Betrachter, Leser, Zuschauer aufschreien, ohne sich sofort als Spießer zu offenbaren? Eine Ratlosigkeit, die ich heute endlich beseitige.

Kunstkritik für Dummies

Die Kritik an Kunstwerken ist immer zulässig, wenn der Künstler die Personenrechte missachtet. Geht es um Literatur, so ist es dem Autor, der Autorin, ein Leichtes, reale Personen unkenntlich zu machen. In der Kunst dito. Das Herumhantieren mit Leichen darf nur mit deren zu Lebzeiten abgegebenen Einverständnis erfolgen. Dieser Plastinat-Heini hat es vorgemacht. Obwohl es sich dabei nicht um Kunst handelt, konnte jeder an seinen Ausstellungen Mitwirkende entscheiden, ob seine Nachfahren ihn in Schichten geöffnet beim Sex sehen sollen oder nicht.

Als Herr Nitsch begann, mit Tierleichen zu hantieren, wusste man noch nichts von Tierrechten. Tiere waren Sachen wie Kinder. Sächlich. Das Tier. Ihm wurden Emotionen abgesprochen. Heute weiß man darüber mehr, und ohne ihre Einwilligung mit verstorbenen Tieren herumzumatschen ist abstoßend. Vielleicht sitzen ja deren Angehörige im Publikum? Nitsch kann man keinen Vorwurf machen, er war es so gewöhnt. Wie es auch noch Menschen gibt, die meinen, Frauen sollten nicht wählen gehen, ist er aus der Zeit gefallen und hatte keine Lust, sich weiterzubilden.

Immer neue Erkenntnisse, jeden Tag, mal gibt es einen Klimawandel, dann wieder doch nicht, das kann eine Person schon überfordern. So wie das umfassende Verständnis von Kunst den Laien überfordert. Aber das ist kein Problem.

Wenn Sie etwas nur so, aus einem unbestimmten Gefühl nicht mögen, ablehnen, wenn Sie sagen wollen, mein Kind kann das auch, dann schweigen Sie lieber und gehen Ihrer Wege.

Wenn Sie klüger sind als die Künstler, wenn Sie Grenzen des Persönlichkeitsrechts überschritten sehen, dann werden Sie laut, regen Sie sich auf.

Oder lassen Sie es bleiben, und trinken Sie eine Tasse Tee und freuen sich über diese profunde Anleitung zur Kunstkritik für Dummies.