S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Nur die Blöden ziehen sich aus

Junge Menschen, die nichts können - und das geschickt nutzen: Sie vermarkten ihr blankes Nichts und werden dabei reich. Weil jeder, der an das System glaubt, ein Star werden kann.

Melanie Müller im RTL-"Dschungelcamp": Mitnehmen, was sich bietet
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Melanie Müller im RTL-"Dschungelcamp": Mitnehmen, was sich bietet

Eine Kolumne von


Nun, da alle Krisen auf der Welt beseitigt scheinen, können wir uns wieder den weichen Themen zuwenden, die ohnehin eher von meinem weiblichen Verstand bewältigt werden können: Katzen, Ernährung und Auslaufschutz. Ich hoffe, Sie essen nicht gerade. Aber wer isst schon am Computer.

Glaubt man der Werbung, und wer bitte tut das nicht, benötigen Frauen permanent Hygieneartikel mit Auslaufschutz. Weil sie undicht sind. Weil ihr Hirn sonst aus dem Körper flutscht. Galante Überleitung zu Melanie (Müller), Micaela (Schäfer) und Sylvie (Meis). Frauen mit keiner anderen Lebensaufgabe als: da zu sein. Das ist ja an und für sich schon eine Zumutung, dieses Daseinmüssen, warum soll man sich das nicht bezahlen lassen.

Mitnehmen, was sich bietet, wer sagt dazu schon nein. Nur wenige fragen sich, was eigentlich das Geheimnis dieser sich ständig zu vermehren scheinenden Nullnummern im Fernsehen ist? Das Intellektuelle wie wir natürlich sowieso nur unter der Decke oder im Keller sehen, aber wenn wir es dann sehen, dann fragen wir uns, wie es dazu kommen konnte, dass alle Programme voller Paris-Hilton-Klone zu sein scheinen.

Hergestellt in Reality-Formaten, die mit der Realität so viel zu tun haben wie - jetzt bräuchte es einen männlichen Dichter, um einen treffenden und gleichsam welterklärenden Vergleich einzufügen - ich sag mal: Dings.

Sibylle Berg im Livestream

Werbung für Eierhandgranaten

Junge Frauen singen, tanzen oder lassen sich von einem Mann mit Rosen beschenken, um im Anschluss im Fernsehen zu kochen, zu singen, in Talk-Shows ihre neue Werbung für Eierhandgranaten zu bewerben und im Anschluss auf die Eröffnung eines Kleiderladens zu gehen, um in Unterhaltungsmagazinen abgebildet und mit der Unterschrift "Schauspielerin/Sängerin/Moderatorin" bezeichnet zu werden.

Selbst wenn man keinen Fernseher hat, irgendwo im öffentlichen Raum, im Netz, in der Zeitung, begegnen sie einem, die jungen Menschen, die nichts können und das geschickt nutzen. Die Schlaueren gründen zügig eine Firma und stellen nach dem Vorbild von Jessica Simpson Dinge her, T-Shirts oder so was, eine Kindermodekollektion, was weiß ich. Die Blöderen ziehen sich aus, um den Enkelkindern die Fotos ihrer nackigen Oma dereinst zeigen zu können.

Fragte man sie, was sie so arbeiten, würden sie sagen, dass es kein Spaziergang ist, die Fitness, die Haare, die Peelings, Fingernägel, Implantate, das ist Hardcore! Und es ist den Leuten auch nichts vorzuwerfen, denn sie haben die Mechanismen unserer Kultur erkannt und elegant genutzt, bevor sie der Verfall ihrer Leiber in die Unverwertbarkeit als Role-Model spült.

Sie sind gelebtes Beispiel für die steile These, dass jeder ein Star sein kann, wenn er ans System glaubt, konsumiert, sein Äußeres formt, das Innere verleugnet (oder dessen Mangelhaftigkeit verschweigt), Unterhaltung zu produzieren, die zum Konsum verleitet, der wiederum vom Denken abhält, zum Trägesein verleitet, als Ersatzreligion für Ruhe im Karton.

Die kleinen Spacken, die Bachelors, Shopping Queens und Superstars sind die Perpetuum mobiles der Wirtschaft, sind das Narkotikum für die Masse, und darum verdienen sie mehr Geld als Sie und ich in einem Jahr, mit einer Werbung für Spinat oder Discounter-Kosmetik. Sie kurbeln die Wirtschaft an, erhöhen den Kaufspaß. Sie und ihre Hersteller in wunderbaren Produktionsfirmen schaffen Vorbilder für viele junge Menschen, und nur gut, dass wir nie fernsehen.

Ein Beitrag aus der Reihe: Weiche Themen für harte Leser.

Am Mittwoch, dem 25. Februar, liest Sibylle Berg mit Christian Ulmen im Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Special Guest ist die Electro-Band Kreidler. SPIEGEL ONLINE zeigt den Abend ab 20 Uhr im Livestream.



insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
hornisse.04 21.02.2015
1. Tja, Frau Berg,
das ist wohl einfach nur unter JEDEM Niveau. Wenn Sie sich den Mädels denn warum auch immer, sooo überlegen fühlen, dass Sie meinen, sie einsortieren zu müssen (waren Sie nicht immer vehement gegen Schubladen?) , dann sollte Ihnen nicht irgendwo anzumerken sein, dass Sie ein klitzkleines Bißchen auf deren knackige Jugendfrische neidisch sind. Intellekt ist wirklich nicht immer alles! Mein Hausarzt (48, 3 Kinder) ist grad zu einer 20-jährigen Abiturientin gezogen - wetten, das war nicht wegen des Abiturs? Aber die hiesige KLeinstatdmeute hechel, hetzt und heult fast wie Sie.
Jenz P. Eter 21.02.2015
2. Intelektuelle wie wir...
...können frei wählen zwischen Empörungsfuror auf der einen Seite und auf der anderen Seite den Anderen etwas zu gönnen: Ihre fünf Minuten Ruhm, Ihre Gage für irgendwas, Ihre hübschen Kurven, die sie zeigen und die manche gerne sehen wollen, Einfach ihr eigenes und persönliches Stück vom Glück oder das, was sie dafür halten. Das geht soagr auch ohne Intellekt, aber es geht nicht mit NEID!
Max Super-Powers 21.02.2015
3.
Auch wenn ich mit diesen klassischen Hirnlos-Promis nichts anfangen kann, so mutet dieser Text auf mich vor allem ein wenig "neidisch" an. Da mosert eine Sibylle Berg über den Erfolg der Talentlosen, über deren Geld, wo sie, als Schriftstellerin und Dramatikerin, nur einem Spartenpublikum bekannt ist und sicherlich auch über weniger liquide Mittel verfügt (wie sie ja auch selbst schreibt). Vielleicht sieht man Frau Berg ja auch dereinst mal im Dschungelcamp... Frau Berg, bleiben Sie doch einfach bei Ihren Bühnenstücken und überlassen Sie das Schreiben über die reale Welt Leuten, die in der realen Welt leben.
lieselore 21.02.2015
4. Sie
sprechen mir aus der Seele, Frau Berg. Zum Glück gibt es eine Fernbedienung. Leider kann man diese Tiefflieger nicht weg beamen.
chaps 21.02.2015
5. Monetarisierung des Nichts-Könnens!
Die Menschen von denen Frau Berg spricht, nutzen die Chance ihr Nicht-Können zu monetarisieren. Es gibt noch mehr Beispiele (Katzenberger, Pocher, Elton, etc.) denen es gelungen ist, ber Jahre in den Medien präsent zu sein. Dazu benötigt es neben den hirnlosen Konsumenten eben auch die Produzenten und Firmen, die sich diese Formate ausdenken - und zwar nur des Geldes wegen. Niemand von denen kommt auf die Idee nachzudenken, welchen Schrott man eigentlich produziert. Es geht nur um die Kohle und die Reichweite in den Medien. Verachtenswertes Verhalten!
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