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08. Juli 2017, 12:59 Uhr

Alternde Demagogen

Böser Mann, was nun?

Eine Kolumne von

Was machen eigentlich Hetzer, wenn sie all ihren Hass flächendeckend versprüht haben? Kapieren sie, dass sie Probleme nur befeuert und nicht gelöst haben, oder noch nicht einmal das?

Es ist doch alles gesagt. Größtmögliche Bevölkerungsanteile sind auf die richtige Fährte gebracht. Was bleibt jetzt noch? Was bleibt den ehemaligen Predigern flächendeckender Verhetzung zu tun? Da hatten sie wundervolle Bücher geschrieben, Artikel, Radiosendungen, sich in Interviews und auf Podien zu den Gefahren, die Europa zum Untergang verhelfen würden, geäußert.

Immer humorlos. Immer mit seltsamen, steilen Thesen hatten sie die immer gleichen Feinde benannt: die Fremden, der Islam, die Frauen, die Homosexuellen. Die pfiffigen Seher. Immer männlich. Immer die beste Zeit ihrer Karriere hinter sich oder nie gehabt, immer in einem Alter, wo der Mensch die Hoffnung auf Unsterblichkeit verloren hat. Irgendwas hatte sie bitter gemacht.

Nicht genug Geld, Respekt, Macht, die Muskeln wabbelig, irgendwas hatte sich nicht mit der Vorstellung des Lebens, die sie hatten, gedeckt. Ob es einfach nur die Idee war, noch mal richtig viel Geld zu verdienen oder der Wunsch, den eignen Hass auf alles in Worte zu gießen und die im Anschluss zu lecken, wer weiß das schon.

Der Job ist erledigt. Die Thesen gemeißelt. Was soll jetzt noch kommen? Außer ein paar Auftritten im Wahlkampf von Parteien und Gruppen, denen sie ihre Wahlprogramme geliefert, die Werbung gebastelt und die Inhalte vorgedacht hatten. Was machen weiße ältere Männer, die gewohnt waren, die Welt als etwas zu begreifen, das sich um sie dreht, den Wohlstand als etwas zu betrachten, das Europa zusteht.

Kurz gedachte Idee von Gut und Böse

Und ausblendend, dass es Kettenreaktionen gibt, wenn wir eure Länder ausbeuten, unseren Abfall, unsere alten Elektroscheißerchen und Schiffe und Maschinen, unser Gift in eure Länder klatschen, eure Diktatoren pimpen. Dann könnte es sein, dass die Bewohner dieser durch uns ruinierten Länder sich auf die Suche nach einem besseren Leben machen. Globalisierung halt. Sie wissen schon, hat ihre Vor- und Nachteile. Was machen die Herren jetzt im Keller ihres Verstands, sehend, dass ihre kurz gedachten Ideen von Gut und Böse der Welt nicht aus dem Dilemma helfen?

Wussten sie es nicht besser? War der Verstand zu klein, um zu erfassen, dass dieser alte Trick "Benenne einen Feind, auf den sich das unzufriedene Volk stürzen kann, um von den wirklichen Problemen abzulenken" noch nie besonders - nachhaltig war?

Fehlte es ihnen an der Kraft des Geistes, um globale, positive Visionen zu entwickeln, und was verdammt noch mal machen sie jetzt, die verbitterten Heinis, machen sie einfach weiter? Die nächste Auflage von Islam und Frauenhass, reloaded. Sozusagen. Das bringt es doch nicht mehr. Die Albernheit eines Mannes da oben in den Wolken, der alles sieht und sekündlich die Verfehlungen jedes Menschen auf Zettelchen schreibt, durch sich selbst ersetzen zu wollen, ist doch wie die ernsthafte Überlegung, ob Frau Holle oder Bambi die schärferen Weltführer sind.

Sitzen die verkrachten Vordenker des völkischen Wahns jetzt bereits an ihren Aufsätzen über die Folgen der Automatisierung aller Arbeitsbereiche, tüfteln sie an Konzepten, wie sich Ressourcenverschwinden und wachsende Weltbevölkerung vereinbaren lassen, machen sie sich Gedanken, was es bedeutet, wenn demnächst ein Prozent der Menschheit über mehr Geld verfügt als der gesamte Rest? Oder suchen sie verzweifelt nach einem neuen griffigen Feindbild, wie zum Beispiel - Menschen mit Neurodermitis?

Was auch immer sie tun, die Quatschköpfe, viel Spaß mit dem kurzen Rest eures Lebens.

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