S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Die Feministin, der Mistmucker und der Hass

Wir sind zu einer Welt der Hasser geworden. Wer einfach nur andere zupöbeln will, kann das nüchtern im Netz - so wie es viel zu viele Leute tun. Der Grund für diese fortgesetzte Stillosigkeit: ein Gefühl der Enge.

Eine Kolumne von


Lassen Sie uns heute über Stil nachdenken. Stil ist vollkommen uninteressant, wenn man einer von den Hunderttausenden Obdachlosen in Deutschland ist, Tendenz - wegen der steigenden Mietpreise - zunehmend.

Obdachlose denken vermutlich nicht über Fragen der Etikette nach, anhaltendes Siezen zum Beispiel gehört jedenfalls nicht dazu. Das glauben viele - dass es langt, Leute, mit denen man seit Jahren umgeht, zu siezen, um sich einen Freifahrtschein als Junker und Rittmeister zu sichern. Weit gefehlt. Lang anhaltendes Siezen ist ein klares Eingeständnis von Stillosigkeit.

Mangelndes Stilempfinden offenbart sich auch im Nachtreten nach verlorenen Wahlen. Komisch, dabei ist man doch extra nicht zur Wahl gegangen, hatte aber eine so ausgeprägte Meinung. Nun beschimpft wieder eine Hälfte der Bevölkerung die andere als zurückgebliebene Provinzler, Dummköpfe, Schwachmaten. Sind sie natürlich nicht, sie sind nur einfach mehr. Und sie haben gewonnen. So what. Dann gilt es, sich zu sammeln, seine Partei zu unterstützen, selber in die Politik zu gehen, anstatt herumzupöbeln.

Herumpöbeln ist stillos. Genauso wie der Euro. Und zwar ausschließlich wegen seines Namens, der klingt, als hätten Sozialdemokraten mit Mäusen auf den Krawatten an einem Tisch gesessen, mit ihren unsäglich karierten Sakkos und diesen abgetretenen braunen Halbschuhen. Und mit ihren Ponys, ja, die tragen Ponys. Und dann haben sie überlegt, wie das Geld zur Idee einer besseren Welt - (ihrer) - heißen könnte. Der "Kuschel" war einer der Vorschläge, die in die Endrunde gelangt waren. Gewonnen hat dann aber, wie wir selbst in der Schweiz wissen: "Euro".

Unsere Welt der Hasser

Stillos ist das und, zusammen mit der einhergehenden Globalisierung, schuld an dem Gefühl, das viele heute haben. Das Gefühl der Enge. Die Grenzen sind offen, der Handel unbegrenzt und durch das Netz und die Börsen alles zu schnell für den Menschen geworden. Jetzt verlassen mich viele Leser wieder, weil ihnen die Gedankensprünge zu groß sind. Symptom einer zu schnell gewordenen Welt. Die Menschen können sich nicht mehr konzentrieren. Wenn eine Geschichte nicht linear erzählt wird, werden die Leser nervös und aggressiv.

Es wäre früher den Wenigsten eingefallen, der eigenen Überforderung mit Hassausbrüchen gegen Autorinnen und Autoren zu begegnen. Heute liegen die Nerven blank, und Stil ist ein Luxusgut von Gestütbesitzern geworden, die meisten drehen wegen permanenter Überforderung am Rad. Die Faust geballt, das Internet nah, schnell mal jemanden beleidigen. Wenn schon die eigene Partei nicht gewonnen hat, dann eben die Wähler der Feinde beschimpfen. Schnell, anonym und einfach.

Stillosigkeit verbindet sich gerade in unangenehmer Form mit einer kompletten Überforderung des Einzelnen, der an der Komplexität der Welt scheitert, über die er scheinbar befinden muss. Alles ist zu dicht zusammengerückt. Die Wanderarbeiter, die den Job bedrohen, die neuen Doppelverdiener, die die Entmietung zu verantworten haben, die überfüllten Verkehrsmittel und die Zwei-Klassen-Medizin, die es übrigens schon immer gab. Wir haben darüber nur nicht so oft Berichte bei RTL gesehen.

Die meisten suchen nach einem Ventil für die Wut, die sich in ihnen staut und die sich gerne an Leuten entlädt, die einem schwächer erscheinen als man selber. Der Ausländer, die Feministin, der Musiker, der Mistmucke macht, die Wähler der anderen Partei. Wir sind zu einer Welt der Hasser geworden.

Um zu so etwas wie zu einem Stil zurückzufinden, müsste man immer einige Minuten tief durchatmen und sich vorstellen, dass es allen genauso geht wie einem selber. Aber wann, wann soll man das machen?

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insgesamt 104 Beiträge
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Seite 1
erdlingleser 28.09.2013
1. Wann?
Jetzt. Ich mach den Computer aus, geh Gitarre spielen und kümmer mich nicht drum, was andere darüber denken.
micromiller 28.09.2013
2. stillos? in deutschland?
das ist parteiuebergreifend die ueberwiegende mehrheit danke silloser fernsehprogramme, stilloser literatur und sitlloser politkaste. es gibt kaum noch vorbilder.
bettyboop2013 28.09.2013
3.
Unterschreibe ich sofort. Mit einer kleinen Einschränkung. Wenn Autorinnen und Autoren herumwüten, dürfen Leserinnen und Leser zurückwüten.
Heugabel 28.09.2013
4.
Zitat von sysopWir sind zu einer Welt der Hasser geworden. Wer einfach nur andere zupöbeln will, kann das nüchtern im Netz - so wie es viel zu viele Leute tun. Der Grund für diese fortgesetzte Stillosigkeit: ein Gefühl der Enge. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-stil-und-stillosigkeit-a-924495.html
Die Gedanken finde ich anmutig präsentiert und nehme wohl die Werbung für mehr Netikette wahr. Allein mir fehlt der Glaube an ...Was eigentlich? Bar jeder nettikette sind jene Foren, in denen vermutlich überwiegend Strfgefangene ihre Zustimmung, Ablehnung, ihre Konformität und ihren Hass teils aus Affekt, teils zur Imagepolitur vortragen. Der Typ des Beta-Bloggers, sozuasagen. Und dann kommt das alpha-Tier: Ein Blogger aus Passion? Aus Weltverbesserei? Aus Quengelei? Die Motive sind Legion, darf man annehmen und das einzige was mich wundert - wirklich und echt - ist, wie relativ wenige von der Möglichkeit Gebrauch machen, hier exklusiv zur Weltgeschichte zu kommentieren. Das es da von Zeit zu Zeit mit xdem Stil etwas hapert sei dahingestellt, das ist in der NYT manchmal auch unterirdisch. Und die kommt ja wahrlich nicht aus der Provinz.
muskat51 28.09.2013
5. Nicht auf andere warten,
selbst Vorbild sein! Ein Anfang wäre, auch digital korrekt zu schreiben: orthografisch und grammatisch korrekt, mit richtigen und richtig gesetzten Satzzeichen und richtiger Groß-/Kleinschreibung. Wer möchte, dass sein Beitrag gelesen und verstanden wird, sollte seinen Lesern keine zusätzlichen Hürden durch Schreibfehler und wirren Satzbau in den Weg legen. Auch gut: Beleidigungen zwar denken, aber dann doch nicht hinschreiben. Sagen, wenn man etwas gut findet (wie z. B. den Beitrag von Frau Berg); das beflügelt. Damit stärkt man die eigene Seite. Mit stillosem Gemecker stärkt man seine Gegner.
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